Dave Gibbons : Audienz beim „Watchmen“-Zeichner

Der Brite Dave Gibbons ist ein Superstar der internationalen Comicszene, kürzlich erschien seine neue Serie „The Secret Service“. Heiner Lünstedt hat ein Treffen mit ihm ersteigert. Hier sein Erlebnisbericht.

Heiner Lünstedt
Auf die britische Art: Eine Szene aus „The Secret Service“.
Auf die britische Art: Eine Szene aus „The Secret Service“.Foto: Panini

Bei der „San Diego Comic Con“, dem größten Treffen der nordamerikanischen Comicszene, berechtigt ein Presseausweis zu wenig mehr als dazu, gemeinsam mit den übrigen 130.000 Besuchern die heilige knapp einen Kilometer lange Halle des Convention Centers betreten zu dürfen. Doch das ist schon eine ganze Menge, denn die online angebotenen Tickets waren innerhalb von 90 Minuten ausverkauft. Auf der Comic Con jedoch eine Zeichnung von Dave Gibbons zu bekommen oder gar ein längeres Interview mit ihm führen zu können, erscheint völlig illusionär.

Doch die Veranstaltung bietet immer wieder Überraschungen. Einige Tage bevor ich im vergangenen Juli in die USA aufbrach schickte mir ein Freund einen Ebay-Link. Es wurde ein Treffen mit Gibbons in San Diego versteigert. Fünf Personen hatten die Möglichkeit mit ihm ein zwangloses Gespräch zu führen, Speis und Trank waren inklusive. Außerdem bekam jeder erfolgreiche Bieter von Gibbons auch noch eine Zeichnung sowie zwei Signaturen in die jeweiligen Lieblingscomics.

Die erste Begegnung mit dem Original-Rorschach

Ohne allzu viel Hoffnung beteiligte ich mich an der Auktion und bekam für 227,51 Dollar den Zuschlag. Positiv an der Sache ist außerdem noch, dass das Geld eine Organisation bekommt, die sich für notleidende Comickünstler einsetzt. Das Treffen fand in einem Hotelrestaurant statt und die netten Leute von „Hero Initiative“ brachten uns fünf dort mit Gibbons zusammen. Dieser war unglaublich gesprächig und wies darauf hin, dass wir nicht versäumen sollten gelegentlich auch mal eine Frage zu stellen, da er sonst nonstop durchplaudern würde.

Immer wieder unterbrach er seine sehr unterhaltsamen Monologe, zeigte auf einen von uns und forderte eine Frage ein. Nach einem mehr als zweistündigen sehr spannenden Gespräch blieb dann nicht mehr allzu viel Zeit für die Fanzeichnungen. Arg schlich geriet Gibbons sein für mich angefertigter Sketch vom wohl populärsten „Watchman“ namens Rorschach, dem Mann mit der fleckigen Maske. Sehr viel mehr Mühe gab sich Gibbons bei einer von einem Fan gewünschten Zeichnung von Martha Washington, und noch mehr legte er sich für einem Psychiater aus dem mittleren Westen ins Zeug. Dieser hatte einige Karten mit Hermann Rorschachs originalen Tintenklecks-Testbildern mitgebracht. Er wünschte sich als Wandschmuck für seine Praxis eine Zeichnung von Rorschach mit Original-Rorschach-Klecksographien auf der Maske. Ein wahrhaft historischer Moment, denn Dave Gibbons hatte sich diese Tafeln zuvor noch nie angesehen und seinem Rorschach einfach irgendwelche Klecks-Muster aufs Gesicht gezeichnet.

Zu „Before Watchmen“ schweigt Gibbons lieber

Bemerkenswert war zu erfahren, dass der Brite Dave Gibbons als er einst die Baubranche verließ und beschloss Comiczeichner zu werden, von Anfang an plante, für den US-Markt zu arbeiten. Seine Zeit in der sehr eigenständigen britischen Comicbranche - etwa beim Magazin „2000 AD“, als Zeichner der Traditionsserie „Dan Dare“ oder der Adaption des TV-Klassikers „Doctor Who“ - sah er als Ausbildung an, wodurch er sich für den US-Verlag DC qualifizierte.

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Liebestöter. Eine Szene aus "Watchmen".Illustration: Gibbons/Panini

Dort zeichnete er Geschichten mit Superhelden wie Green Lantern oder Flash. Dadurch wiederum erwarb er sich die nötige zeichnerische Reife um bereit zu sein als Alan Moore ihm 1986 die Serie „Watchmen“ anbot. Etwas belustigt sprach Gibbons über Moores Interesse für das Okkulte, das er in keinster Weise teilt. Dennoch beschrieb er den Comic-Guru als jemanden, dem sein Faible für Hokuspokus nicht den Blick auf die Realität verbaut hat.

Zu „Before Watchmen“, der aktuellen umstrittenen gänzlich ohne Beteiligung von Moore und Gibbons  entstandenen Vorgeschichte des Klassikers, wollte sich der Zeichner nicht äußern. Doch mit Zack Snyders ebenfalls nicht von allen Comicfans gefeierten „Watchmen“-Verfilmung verbindet Dave Gibbons sehr angenehme Erinnerungen. Nach seinen Erfahrungen werfen große Hollywood-Filme, auch wenn sie sehr erfolgreich im Kino laufen, am Ende selten Gewinne ab, doch während ihrer Produktion ist der Geldhahn weit aufgedreht. Den von der Produktionsfirma Warner spendierten Erste-Klasse-Flug zu den Dreharbeiten von „Watchmen“ in Vancouver nutze Gibbons’ Ehefrau, um erstmals „Watchmen“ zu lesen. Sie fand den Comic gar nicht einmal so schlecht und war dann am Drehort eine größere „Watchmen“-Expertin als ihr Ehemann, dessen letzte Lektüre des Comics schon eine Weile zurücklag. Für Gibbons hingegen war es ein gewaltiges Erlebnis plötzlich auf lebendige Ebenbilder seiner Figuren Comedian oder Silk Spectre zu treffen und das von ihm geschaffene Eulen-Fluggerät betreten zu können.

Magischer Moment: Gibbons beim Zeichnen.
Magischer Moment: Gibbons beim Zeichnen.Foto: Heiner Lünstedt

Verfilmung mit Michael Caine und Leonardo DiCaprio?

Gibbons erzählte auch, dass er bei Comicprojekten gerne mit anderen Künstlern zusammenarbeitet. Die isolierte Arbeit im Alleingang an seiner Miniserie „The Originals“, die immer noch auf ihre deutsche Veröffentlichung wartet, hat er in keiner guten Erinnerung. Aktuell sehr erfreulich verlief bei „The Secret Service“ die Zusammenarbeit mit dem Autor Mark Millar. Dieser hatte bereits als 16-jähriger, gerade als „Watchmen“ erschien, einen Brief an Dave Gibbons geschrieben und gemeinsame Comic-Projekte vorgeschlagen. Gibbons gab Millar einige Tipps und einen Kontakt bei DC. Der Schotte Millar textete danach erfolgreiche Comics für DC, wo er in „Red Son“ Supermans Entstehungsgeschichte nach Russland verlegte, und Marvel, hier gab er durch „The Ultimates““ dem Kinofilm „The Avengers“ entscheidende Impulse etwa durch das bereits in seinem Comic vollzogene Casting von Samuel L. Jackson als Nick Fury, lange bevor dies auch auf der Leinwand geschah. Mittlerweile schreibt Millar nicht mehr für DC oder Marvel (hier ist er allerdings als Berater für Superhelden-Filme tätig) sondern veröffentlicht bei diversen Verlagen Geschichten aus seiner „Millarworld“. Dazu gehören auch die unter Millars Oberaufsicht erfolgreich verfilmten Geschichten „Wanted“ und „Kick-Ass“.

Aktuell: Der kürzlich auf Deutsch erschienene erste Sammelband von "The Secret Service".
Aktuell: Der kürzlich auf Deutsch erschienene erste Sammelband von "The Secret Service".Foto: Panini

Die Grundidee zu „The Secret Service“ entwickelte Millar gemeinsam mit dem Regisseur Matthew Vaughn am Set von „Kick-Ass“. Beide spekulierten in Drehpausen darüber wie spannend es doch wäre, eine Geschichte über die Ausbildung von Geheimagenten zu erzählen. Vaughn war von dem Konzept so angetan, dass er darauf verzichtete, „Kick-Ass 2“ zu inszenieren um sich voll und ganz auf die Verfilmung von „The Secret Service“ zu  konzentrierten, für die neben Colin Firth jetzt auch Michael Caine und Leonardo DiCaprio im Gespräch sind.

Halb James Bond, halb Sozialdrama

Die sechsteilige von Dave Gibbons in seinem ausgereiften realistischen Stil gezeichnete Comicserie „The Secret Service“, die bei uns gleich gebündelt bei Panini erscheint, ist eine ebenso aufregende wie amüsante Mischung aus James Bond und Sozialdrama. Hauptfigur ist ein junger Mann namens Gary, der in einem Londoner Problemviertel aufwächst und droht, genauso kriminell und asozial zu werden wie die wechselnden Lover seiner Mutter. Doch sein Onkel Jack macht ihm ein ungewöhnliches Angebot. Jack, ein Top-Agent des britischen Geheimdienstes, bietet seinem Neffen an, dort eine Ausbildung zu absolvieren. Dieser ist nicht abgeneigt, von Profis zu lernen wie man schießt und Frauen optimal befriedigt, doch seine soziale Herkunft macht ihm zum Außenseiter der Agentenschule.

Ganz nah dran: Unser Autor Heiner Lünstedt (rechts) und Dave Gibbons.
Ganz nah dran: Unser Autor Heiner Lünstedt (rechts) und Dave Gibbons.Foto: Privat

Zugleich erzählt Millar genrebedingt natürlich auch vom größenwahnsinnigen Plan eines Superschurken, der allerdings recht seltsam ist, da hierzu zahlreiche Prominente aus Science-Fiction-Filmen und TV-Serien entführt werden. Dadurch kommt es gleich zu Beginn des Comics zu einem unvergesslichen Gastauftritt von Mark Hamill, dem Luke Skywalker aus „Star Wars“, der es hoffentlich auch in den Film schafft. Es ist zu hoffen, dass die Verfilmung des Comics nicht nur in Dave Gibbons' Heimat Großbritannien stattfindet, damit dessen Gattin bei Erste-Klasse-Flügen zu fernen Drehorten Zeit findet den Comic „The Secret Service“ zu lesen, denn es lohnt sich wirklich.

Unser Gastautor Heiner Lünstedt ist unter anderem Organisator des Comicfestivals München, Herausgeber des Online-Magazins www.highlightzone.de und Autor der zusammen mit der Zeichnerin Ingrid Sabisch geschaffenen Biografie „Willy Brandt: Sein Leben als Comic“ (Knesebeck)

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