Debatte : Unter Waffenbrüdern

NS-freundliche Kriegsverherrlichung - oder legitime Fliegerromantik? Die Weltkriegsserie "Der Stern von Afrika" hat eine Kontroverse ausgelöst. Eine Polemik von Lutz Göllner

Lutz Göllner
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Afrikanische Achse. In dieser Szene aus "Der Stern von Afrika" trifft die Hauptfigur, der in Libyen aufgewachsene Flieger Ali, auf...Illustration: Zumstein/Zack

Nichts kann schöner sein, als noch einmal kräftig nachzutreten: „Während die Deutschen noch diskutieren, ob es so etwas wie Fliegerromantik mit Deutschen überhaupt geben darf, haben die Franzosen die Qualität der Arbeit von Franz Zumstein längst erkannt“, triumphiert die „Zack“-Redaktion im aktuellen Heft der Comiczeitschrift, das kürzlich erschien. „So wird der erste Band von ‚L‘Étoile d‘Afrique‘ schon in Kürze bei Delcourt erscheinen.“

Da können sich die Franzosen aber ein Ei drauf pellen, möchte man dem Autoren antworten. Schließlich erscheinen bei unseren linksrheinischen Nachbarn rund 5000 Comicalben im Jahr, da ist naturgemäß nicht alles von gleichbleibender Qualität.

Aber der Reihe nach: Im „Zack“-Heft 118 startete die Serie „Stern von Afrika“ des Schweizers Franz Zumstein. Darin geht um den nordafrikanischen Jugendlichen Ali, der sich während des Zweiten Weltkriegs für Flugzeuge begeistert und dabei auch die Bekanntschaft mit dem hochdekorierten deutschen Jagdflieger Hans-Joachim Marseille macht, den er sehr bewundert. Und nicht nur er! Bis heute wird der Name Marseille von den einschlägigen alten Kameraden in Ehre gehalten und das Flieger-As als Held gefeiert.

"Verlogener Mythos von der unpolitischen Wehrmacht"

In einem Artikel auf Spiegel Online attestierte der Autor Stefan Pannor der ersten Folge des Fliegercomics, es kippe um in „offene Begeisterung“ für sein militärisches Thema, Zumstein falle auf den „verlogenen Mythos von der unpolitischen Wehrmacht herein“.

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Treffer, versenkt. Szene aus dem aktuellen "Zack"-Heft.Illustration: Zumstein/Zack

Nun hätte man sich von Seiten der „Zack“-Redaktion mit dieser Kritik durchaus sachlich auseinandersetzen können. Stattdessen wurde die ganz große Axt ausgegraben: Franz Zumstein sprach in seinem Vorwort zu Heft 119 von „gefährlich schlecht recherchiertem Sensationsjournalismus“ (man kann über den streitbaren Pannor viel sagen, aber nicht, dass er schlecht recherchiert oder ein Sensationsjournalist wäre) und schwadronierte über „Bubenträume“, die er sich mit dieser auf mehrere Alben angelegten Geschichte erfüllt hätte. „Zack“-Chefredakteur Mark O. Fischer warf Pannor vor, ein Urteil nur aufgrund von wenigen Seiten gefällt zu haben und gab den Ratschlag „dranzubleiben. Die Entwicklung der Geschichte und auch der Kritiken dazu wird sehr spannend. Da wird sich noch so mancher wundern."

Man wundert sich eigentlich eher darüber, dass die Redaktion die Geschichte vor der Veröffentlichung anscheinend gar nicht gelesen hat, sonst wären Aussagen wie diese nicht möglich: „Faschismus ist hier nicht das Thema und der zweite Weltkrieg nur der Schauplatz. Es geht um Schwärmerei für die Kunst des Fliegens.“ Vielleicht muss man wirklich Eidgenosse sein, also vollkommen neutral, so lange es nicht um die eigene Brieftasche geht, um diesem Relativismus zu huldigen. In der Welt außerhalb der Alpen gab es aber durchaus Unterschiede zwischen Hitler und Churchill, zwischen Wehrmacht und alliierten Befreiern. Mag sein, dass der Zweite Weltkrieg in Nordafrika nicht so schlimm war, wie im Warschauer Ghetto. Die Täter waren jedoch an beiden Schauplätzen die gleichen.

Charaktere so eindimensional wie Goebbels‘ Propaganda

Jetzt, mit „Zack“-Heft 121, liegt der erste Band komplett vor und man kann Bilanz ziehen: Zumstein mag ein toller Zeichner von Flugzeugen und anderen technischen Geräten sein, vom Pacing - dem Fluss der Bilder - hat er erstaunlich wenig Ahnung. Die Luftkämpfe sind so inszeniert, dass man ihnen als Leser kaum folgen kann. Die Charaktere sind so eindimensional wie Goebbels‘ Propaganda und reden auch noch albernes und hölzernes Zeug daher: „Ach, war das schön!“, jubiliert Ali nach einer Sexszene mit seiner Freundin Aisha, „und bald werden wir uns jeden Tag als Mann und Frau lieben können“.

Schludrig recherchiert ist dieser Unsinn auch noch: In einer der wenigen nachdenklichen Szenen jammert Marseille über die Zerstörung seiner Heimatstadt Berlin, dazu ist die Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche zu sehen. Die wurde jedoch erst im November 1943 zerbombt, Flieger-As Marseille verreckte elendig im eigenen, brennenden Flugzeug bereits im September 1942; da war dieser arme Held gerade mal 22 Jahre alt.

Alles in allem wird jeder Punkt, den Pannor bereits im April kritisierte, jetzt bestätigt. Man möchte Zumstein gar nicht unterstellen, er würde eine faschistoide Weltsicht haben. Vermutlich ist er einfach nur furchtbar naiv. Es wäre aber auch die Aufgabe eines Redakteurs gewesen, den Schweizer vor sich selber zu schützen. Dazu gehört aber mehr, als einfach eine Handvoll Hakenkreuze zu retuschieren. Die weiteren Alben des „Sterns von Afrika“ erscheinen hoffentlich nur auf Französisch.

Unser Autor Lutz Göllner ist Kulturredakteur beim Berliner Stadtmagazin zitty sowie Mitglied der Jury des Max-und-Moritz-Preises, der wichtigsten deutschen Comic-Auszeichnung.

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