Der Tagesspiegel-Fragebogen (26) : 15 Fragen an - Christian Krank

Wir haben Comicschaffenden je 15 Fragen gestellt - zu ihrer Arbeit, Vorbildern und zur Lage der Comic-Nation. Heute: Christian Krank, dessen kunstvolle Endzeitcomics es bislang vor allem online gibt.

Im Selbstporträt: Christian Krank.
Im Selbstporträt: Christian Krank.

1.Was kommt bei Ihrer Arbeit zuerst: Worte oder Bilder?
Ganz klar: Bilder, Szenen, Sequenzen. Meistens hab ich ein komplettes Kapitel fertig gezeichnet, ohne ein einzelnes Wort festgelegt zu haben. Ich habe vielleicht schon hier und da ein paar Ideen, aber fix wird der Text erst am Schluss. Da bin ich wohl ein zu visueller Mensch. Ich folge bei Comicserien auch eher den Zeichnern als den Autoren. Ganz selten kommt der Text zuerst. Hier z. B. habe ich  ein Lied meiner Band  „It's a Trap You Fucking Primate“ als Comic visualisiert, da war der Text zuerst da: www.mycomics.de. Das ist aber eher die Ausnahme.

2. Hören Sie beim Zeichnen Musik, und wie beeinflusst Sie das?
Zeichnen funktioniert bei mir nur mit Musik. Egal ob bei den Bleistiftzeichnungen, beim Tuschen oder beim Colorieren. Schnell, heftig und mit Geschrei ist super. Grindcore, Hardcore oder Metal. Nach Stimmungslage auch manchmal gerne langsame, schwere Instrumental-Musik á la Omega Massif. Gelegentlich überkommt es mich und ich muss sogar freundliche Musik hören. David Bowies „The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“ oder der Soundtrack zum Computerspiel „Fallout 3“. Aber für gewöhnlich gilt, je wilder desto besser. 

3. Was essen und trinken Sie am liebsten bei der Arbeit?
Für einen Vegetarier, ziemlich ungesunde Sachen. Cola, Chips, Schokolade, Jelly Bellies. Kaffee, viel Kaffee.

4. Angenommen, Ihre Wohnung brennt: Welche Comics würden Sie auf jeden Fall aus Ihrem Regal retten?
Als Erstes die ganzen Orginalzeichnungen von Ashley Wood und Rufus Dayglo, dann meine komplette Ashley-Wood-Artbooksammlung. Die „Hellboy“-Comics, die erste Auflage von Rafael Grampas „Mesmo Delivery“. Und auf jeden Fall meine externe Festplatte mit meinen gesicherten Comicartwork. Darf ich noch meine 3A-Toys Figuren retten? Die stehen eh auf dem Comicregal oben drauf, die werf ich einfach noch auf die Kiste in die ich die Comics gestopft hab. Danke, die waren sackteuer, und die krieg ich nicht so leicht wieder wie meine verbrannten Comics.

5. Welche Zeichner/Autoren waren für Ihre eigene Entwicklung die prägendsten?
Als Kind: John Byrne, Dave Cockrum. Dann hab ich meine Comicliebe durch Jim Lee und Todd McFarlane und den ganzen Image-Kram wiederentdeckt. Stilprägend waren für mich in den letzten Jahren Ashley Wood, Ben Templesmith, Mike Mignola, Paul Pope, Sean Murphy und Colorist Dave Stewart. Das ganze Mainstreamzeugs langweilt mich eher.

6. Welches Comic-Buch/Heft/Album würden Sie jemandem empfehlen, der sonst eigentlich keine Comics liest?
Es gibt keinen Standard-Comic, den ich empfehlen würde. Das würde ich nach Vorlieben der Person aussuchen. Einem Horrorfilmfan würde ich „Preacher“ oder „The Walking Dead“ geben. Dem „Intellektuellen“ das Buch „Watchmen“, dem geschichtlich Interessierten „300“. Und dem Hollywood-Blockbuster-Fan Millars „Ultimates“. Wenn meine Tochter alt genug ist, werde ich ihr „Wizard of Oz“ schenken, das Skottie Young so wunderbar gezeichnet hat. Ich denke, es kommt einfach auf die Person an.

7. Glauben Sie, dass dem Comic die Aufmerksamkeit zuteil wird, die er verdient?
Schwierige Frage. Einerseits ist der Comicnerd gerne eine Randgruppe, würde ich mal behaupten. Ich fand es schrecklich, letzte Woche zu entdecken, dass es X-Men und Wolverine Shirts bei H&M zu kaufen gibt. Will man das als Comicfan? Oder willst du lieber aus dem Internet oder aus dem Katalog vom Comicshop deine Comicshirts bestellen? Außerdem gibt es Hollywoodfilme von Comic-Helden. Das ist schon sehr viel Aufmerksamkeit. Auf der anderen Seite sind wir hier in Deutschland natürlich Entwicklungsland, was die Comicszene betrifft. Der deutsche Markt wird in Sachen Erfolg von humorvollen Cartoons wie „Nichtlustig“ und anderen dominiert, die hier produziert  werden. Und von US-Lizenzzeug oder Manga. Als deutscher Zeichner kannst du gar nicht wirklich davon leben. Da darfst du schon froh sein, wenn dein Comic gedruckt wird oder ein Strip in einer Anthologie genommen wird. Und wenn du großes Glück hast, kriegst du auch noch ein bisschen Kohle dafür. Das find ich sehr schade. Ich denke, es liegt nicht mal immer so sehr an der Qualität.

Zurück in die Zukunft: Eine Szene aus der Retro-Science-Fiction-Serie "Tales of Dead Earth".
Zurück in die Zukunft: Eine Szene aus der Retro-Science-Fiction-Serie "Tales of Dead Earth".Illustration: Christian Krank

8. Welche zeitgenössischen Comiczeichner/innen verdienten mehr Aufmerksamkeit als sie sie im Moment haben?
Ich natürlich. ;-)

9. Wenn Sie einen hoch dotierten Preis für das Comic-Lebenswerk zu vergeben hätten, wer würde ihn bekommen?
Paul Pope. Einfach alles, was ich von ihm bisher gelesen habe, war einzigartig schön. Sowohl zeichnerisch als auch von den emotionsgeladenen Geschichten. Er ist für mich der perfekte Storyteller.

10. Wie würden Sie einem Blinden beschreiben, was das Besondere an Ihren Comics ist?
„Tales of Dead Earth“ war für mich schon immer die Punkversion – oder noch besser gesagt, die Grindcoreverion – eines Comics. Schnell, gewaltig, brutal, aber ehrlich und aus dem Bauch heraus. Viele sind vielleicht abgeschreckt oder verstehen nicht, was das soll. Andere sind fasziniert davon. Deswegen würde ich um die Stimmung von „Tales of Dead Earth“ einzufangen, dem blinden Menschen „Napalm Death“ vorspielen (die alten Sachen), oder einen Song meiner eigenen Band. Das wäre für mich einfacher, als Bilder zu erklären oder zu versuchen, es mit Worten zu beschreiben.

11.Woran arbeiten Sie derzeit, wenn Sie nicht gerade Fragebogen ausfüllen?
Ich habe gerade das Cover für die deutsche Ausgabe des Bizarro-Fiction-Buches „Shatnerquake“ von Jeff Burk gezeichnet, das im Laufe des Jahres von Vooodoo Press veröffentlicht wird. Dann arbeite ich noch mit meinem Freund, dem Autor Markus K. Korb, zusammen an einer Kurzgeschichtensammlung im Stile der alten EC-Horrorcomics. Die Storys werden von mir mit Cover und Illustrationen im Retrolook aufgepeppt. Außerdem arbeite ich gerade an der Fortsetzung meines in Eigenregie herausgegeben „Tales of Dead Earth“.

12. Wieso würden Sie einem jungen Menschen raten, Comiczeichner/-autor zu werden – und wieso würden Sie ihm davon abraten?
Wenn du davon leben willst, lass es sein. Wenn du es nicht lassen kannst: Such dir ein erstes Standbein, einen Day-job, und werde bei Nacht zum Comiczeichner. Dann halte die Augen in alle Richtungen offen. Illustrationen, Artwork für Bands etc. Und mach um Himmelswillen nur, worauf du Lust hast. Es gibt nichts Schlimmeres, als zu versuchen, kreativ zu, sein wenn man keine Lust darauf hat.

13. Wie fühlt es sich für Sie an, Ihre Zeichnungen als gedruckte Bücher in der Hand zu halten?
Es ist unbeschreiblich. Als ich das erste „Snaked“-Heft, das ich coloriert habe, in de Hand hielt, das war wie ein Traum. Völlig unreal. Du willst es jedem zeigen und es am liebsten nachts unter dein Kopfkissen stecken, machst es aber nicht aus Angst davor, für völlig bescheuert gehalten zu werden.  Bei den Serien, die ich coloriert habe, verblasste dieses Gefühl dann erstmal immer ein wenig und war erst wieder in dieser Form da, als ich „Tales of Dead Earth“ in den Händen hielt.

14. Welche Note hatten Sie im Kunstunterricht?
Eigentlich immer sehr gut. Bis zur Fachoberschule, Richtung Gestaltung. Da war ein Dozentin, die - behaupte ich jetzt mal - eher nach Sympathie benotet hat. Da hattest du dann deine Standardnote. Das war bei mir 'ne 3. Am Ende des ersten Jahres dort bat sie mich auch, doch bitte „das Comicgeäffel“ nächstes Jahr zu unterlassen. Dieser netten Dame habe ich auch die erste Ausgabe von „Tales of Dead Earth“ gewidmet.

15. Was können Sie überhaupt nicht zeichnen?
Fröhliche, idyllische Szenarien mit Blumen und Schmetterlingen. Hände, ohne Referenzmaterial. Und Ironman.

Schöne neue Welt: Szene aus "Doomsday, bloody Doomsday".
Schöne neue Welt: Szene aus "Doomsday, bloody Doomsday".Illustration: Christian Krank

Christian Krank (Jahrgang 1975) startete seine Comickarriere mit dem Webcomic Destroy Dystopia. Seit 2008 ist er Colorist für internationale Verlage wie IDW und Titan Comics und colorierte Serien wie „Snaked“ oder „Tank Girl“. 2010 brachte er in Eigenregie die erste Ausgabe seines Retro-Science-Fiction-Horror-Comic „Tales of Dead Earth“ heraus. Das Heft hat 28 Farbseiten und ist im Widescreenformat gehalten. Jedes  Heft ist persönlich signiert und hat eine Orginalskizze von Christian Krank auf der letzten Heftseite (gerne auch mit Wunschmotiv). Es ist auf 250 Stück limitiert und kostet 7,- € mit Verpackung und Versand - Bestellung per E-mail unter talesofdeadearth@googlemail.com. Zudem gestaltete er diverse Shirtmotive/Booklets für Bands und zeichnete Buchcover und Illustrationen für den österreichischen Verlag Voodoo Press. Wenn er nicht gerade in seiner Hardcoreband „It's a Trap You Fucking Primate“ schreit oder Zeit mit seiner bezaubernden kleinen Tochter verbringt, arbeitet er als Heilerziehungspfleger mit mehrfach behinderten Menschen in Würzburg und zeichnet an der Fortsetzung von „Tales of Dead Earth“. Regelmäßige Updates über Christian Krank und „Tales of Dead Earth“ gibt es auf www.facebook.com. Zwei Kapitel seines Comics kann man online auf mycomics.de lesen. Durch sein Artwork kann man unter anderem unter diesen Links stöbern: www.facebook.com sowie hier: www.facebook.com und hier: nuclearnietzsche.deviantart.com/gallery. Wer Kontakt mit Christian Krank aufnehmen will, kann das hier tun: talesofdeadearth@googlemail.com.

Haben Sie weitere Vorschläge, welche mehr oder weniger bekannten Comic-Künstler in dieser Reihe gewürdigt werden sollten? Schicken Sie uns eine E-Mail an comics@tagesspiegel.de!

Alle bisher erschienenen Folgen unserer Fragebogen-Serie finden Sie unter diesem Link


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