Der Tagesspiegel-Fragebogen (5) : 15 Fragen an - Uli Oesterle

In einer Sommerserie haben wir Comicschaffenden je 15 Fragen gestellt - zu ihrer Arbeit, zu ihren Vorbildern und zur Lage der Comic-Nation. Heute: der Münchner Zeichner Uli Oesterle.

Selbstporträt am Zeichentisch. Illustration: Uli Oesterle.
Selbstporträt am Zeichentisch. Illustration: Uli Oesterle.

1. Was kommt bei Ihrer Arbeit zuerst: Worte oder Bilder?

Worte. Nachdem ich versucht habe, eine kurze Synopsis zu verfassen, schreibe ich zunächst das Manuskript fast in Romanform nieder. Ich beschreibe Örtlichkeiten, Begebenheiten und Befindlichkeiten sehr genau. Selbst die Dialoge sind schon fast komplett vorhanden. Diese ändern sich allerdings später häufig noch einmal. Meistens entstehen die ersten Character-Designs parallel zur Niederschrift der Geschichte. Grundsätzlich bin ich sowieso der Meinung, dass die Zeichnung sich der Geschichte unterzuordnen hat.

2. Hören Sie beim Zeichnen Musik, und wie beeinflusst sie das?

Ja, ich höre Musik. Sie hilft mir, beim Zeichnen total abzuschalten und mich auf die Arbeit zu konzentrieren. Jegliche Umweltgeräusche werden eliminiert. Zum Beispiel Kollegen, die im Nachbarzimmer sprechen. Ich bin nämlich neugierig und lasse mich leider allzu leicht ablenken. Außerdem versetzen mich gewisse Klänge in eine bestimmte Gemütsverfassung, die sich durchaus auf den Strich auswirken kann. Beim Schreiben hingegen brauche ich absolute Ruhe. Aber wo kriegt man die schon.

3. Was essen oder trinken Sie am liebsten bei der Arbeit?

Bananen, Rosinensemmeln, Mars. Red Bull, Cola, Leitungswasser. Bier nach acht Uhr Abends.

4. Angenommen Ihre Wohnung brennt: Welche Comics würden Sie auf jeden Fall aus Ihrem Regal retten?

„Ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln“ von Daniel Clowes. „From Hell“ von Alan Moore. Alle Ausgaben von „100 Bullets“ von Azzarello und Risso. „Bone“ von Jeff Smith. „Jimmy Corrigan - Smartest Kid on Earthvon Chris Ware. Alles von Jose Munoz. Alles von Nicolas Mahler.

5. Welche Zeichner/ Autoren waren für Ihre eigene Entwicklung die prägendsten?

Zeichner: Jose Munoz, Charles Burns, Daniel Torres, Max, Nicolas de Crecy, David Mazzuchelli, Bezian, Mike Mignola, Eduardo Risso- vor allen Dingen die großartigen Vertreter des deutschen Expressionismus: Max Beckmann, George Grosz, Otto Dix. Autoren im Bereich Comic/ Graphic Novel: Alan Moore, Daniel Clowes, Brian Azzarello, Baru, Gipi, Adrian Tomine, Jeph Loeb, David Mazzuchelli. Roman-Autoren: T.C. Boyle, John Irving, Boris Vian,  Martin Suter, Nick Cave, Haruki Murakami, Charles Bukowski, Kafka, Irvine Welsh, Nick Hornby, Albert Camus, Sartre.

6. Welches Comic-Buch/ Heft/ Album würden Sie jemandem empfehlen, der sonst eigentlich keine Comics liest?

„Cash“ von Reinhard Kleist.

7. Glauben Sie, dass dem Comic die Aufmerksamkeit zuteil wird, die er verdient?

Definitiv: nein! Noch immer genießt dieses Medium hierzulande viel zu wenig Ansehen. Dabei gibt es so viele schöne Geschichten zu entdecken. Begreift es endlich, Leute! Es muss deutschen Zeichnern und Autoren einfach möglich sein, von den eigenen Buchprojekten einigermaßen leben zu können.

8. Welche zeitgenössischen Comiczeichner/ innen verdienten mehr Aufmerksamkeit, als sie sie im Moment haben?

Mawil, Mattotti, Bezian.

9. Wenn Sie einen hoch dotierten Preis für das Comic-Lebenswerk zu vergeben hätten, wer würde ihn bekommen?

Jose Munoz.

10. Wie würden Sie einem Blinden beschreiben, was das Besondere an Ihren Comics ist?

Das Schwarz.

11. Woran arbeiten Sie derzeit, wenn Sie nicht gerade Fragebogen ausfüllen?

Ich versuche, mit meinem nächsten Buch voranzukommen. Ein sehr persönliches Projekt. Die Idee ist vorhanden, aber noch keine Geschichte ... zu früh, um drüber zu reden. Dazu komme ich im Moment leider viel zu selten, da ich wegen des internationalen Erscheinens meines Buches ständig unterwegs bin oder an Auftragsjobs arbeite, um Geld ranzuschaffen. Ich plane, mit dem neuen Buch 2012 zu erscheinen.

12. Wieso würden Sie einem jungen Menschen raten, Comiczeichner/-autor zu werden - und wieso würden Sie ihm davon abraten?

Dazu raten: Es ist eine gute Form, sich auszudrücken, sich Dinge von der Seele zu schreiben. Und man hat alles unter Kontrolle, nicht wie beim Film, wo einem tausend Leute reinpfuschen. Vor allem möglichst früh damit anfangen, dann hat man Zeit, sich zu entwickeln und ist auch in jungen Jahren schon recht weit. Viele machen ihren ersten Comic als Abschlussarbeit an irgendeiner Kunstschule. Ein gutes Modell, finde ich.

Abraten: Man braucht einen langen Atem. Es macht verdammt viel Arbeit und man verdient relativ wenig Geld damit. Davon leben können nur ein paar wenige.

13. Wie fühlt es sich für Sie an, Ihre Zeichnungen als gedruckte Bücher in der Hand zu halten?

Unfassbar gut! Immer wieder, wenn ich den Schinken in meinen Händen wiege und mir beim Durchblättern der Duft der immer noch stark riechenden Druckfarbe in die Nase steigt. Einfach unbezahlbar.

14. Welche Noten hatten Sie im Kunstunterricht?

Bloß eine Zwei.

15. Was können Sie überhaupt nicht zeichnen?

Nebel.

Uli Oesterle wurde 1966 in Karlsruhe geboren. Nach einer Ausbildung zum Grafiker an der Akademie für Gestaltung in München ist er seit Anfang der 1990er-Jahre als freiberuflicher Illustrator, Grafiker und Comicautor tätig. Sein Debütalbum "Schläfenlappenphantasien" wurde im Jahr 2000 auf dem Internationalen Comic-Salon Erlangen für den Max und Moritz-Preis nominiert. Für die Einzelveröffentlichung des ersten Kapitels von "Hector Umbra" (Tagesspiegel-Rezension hier) erhielt Oesterle 2004 u.a. eine Nominierung beim Comic-Festival in Angoulême. Uli Oesterle lebt und arbeitet in München.

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