Der Tagesspiegel-Fragebogen (9) : 15 Fragen an - Jens Harder

In einer Sommerserie haben wir Comicschaffenden je 15 Fragen gestellt - zu ihrer Arbeit, zu ihren Vorbildern und zur Lage der Comic-Nation. Heute: der Zeichner und Illustrator Jens Harder

Selbstporträt von Jens Harder.
Selbstporträt von Jens Harder.

1. Was kommt bei Ihrer Arbeit zuerst: Worte oder Bilder?
Manchmal ist ein simples Wort Auslöser für das Zeichnen eines ganzes Buches – so wie es bei „Leviathan“ der Fall war. Manchmal stehen zu Beginn auch einfach ein paar starke Bildmotive, um die herum dann eine Erzählung Gestalt annimmt. Aber meistens kommen beide Bestandteile zugleich, ja fast gleichberechtigt zum Zuge – Worte ergeben Bilder und umgekehrt…

2. Hören Sie beim Zeichnen Musik, und wie beeinflusst Sie das?
Unbedingt! Musik feuert mich an (zum Beispiel in einer der vielen Nachtschichten, die zur Fertigstellung eines Buches notwendig sind)! Sie inspiriert mich auch, indem sie Klangwelten eröffnet, die den Strich besser fließen lassen (und vielleicht auch manchmal in ihn einfließen). Manchmal hilft sie mir auch einfach nur abzuschalten, um mich völlig auf die Fertigstellung einer Seite zu konzentrieren. Den Vorzug hat dabei ganz klar das repetitiv Elektronische und das Beat-Orientierte (obwohl da für mich gilt: Je verstolperter und durch-den-Wolf-gedrehter, desto besser)! Jüngster Kauf (Ja, Kauf – hehe!) war in diesen Sommer das grandiose Album „Cosmogramma“ von Flying Lotus.

3. Was essen und trinken Sie am liebsten bei der Arbeit?
Am liebsten nur Kaugummi und Wasser, alles andere kann vorher (im Sinne von Betankung) oder nachher (als eine Art Belohnung) goutiert werden.

4. Angenommen, Ihre Wohnung brennt: Welche Comics würden Sie auf jeden Fall aus Ihrem Regal retten?
Wenn die Zeit dafür überhaupt reichen sollte, dann auf jeden Fall alle signierten und/oder gesiebdruckten Originalausgaben, dazu aus Nostalgiegründen vielleicht die zwei, drei Schuhkartons mit den zerfledderten Relikten aus meiner Kindheit (wie die alten „Mosaik“- oder „Asterix“-Hefte); der Rest ist schnell ersetzbar und in solch einer Situation einfach mal egal.

Aus "Leviathan" (Actes Sud / l´ An 2, 2003)
Aus "Leviathan" (Actes Sud / l´ An 2, 2003)Ill: Harder

5. Welche Zeichner/Autoren waren für Ihre eigene Entwicklung die prägendsten?
Schwierig zu beantworten, da mich niemand konkret geprägt hat. Aber um hier wenigstens ein paar Namen zu erwähnen, deren Arbeiten mich die letzten zehn, zwölf Jahre (seitdem ich einigermaßen regelmäßig Comics zeichne) aus unterschiedlichsten Beweggründen besonders interessiert und/oder angeregt haben, seinen genannt – USA: McCay, Mc Guire, Burns, Clowes, Thompson, Woodring, Ware / Italien: Mattotti, Igort, Gipi / Frankreich: Debeurme, de Crécy, Coche, Baru, Baudoin sowie der gute alte Doré / Deutschland: M. T. Dieck und immer wieder solche großen Meister wie Dürer, Bosch u.a.

6. Welches Comic würden Sie jemandem empfehlen, der sonst eigentlich keine liest?
„Blankets“.

7. Glauben Sie, dass dem Comic die Aufmerksamkeit zuteil wird, die er verdient?
Zum Glück immer stärker in den letzten Jahren (man schaue sich nur den Stellenwert an, den die Berichterstattung über grafische Geschichten mittlerweile im deutschen Feuilleton erreicht hat) – aber doch noch nicht genug (vor allem in Bezug auf öffentliche Förderung, Veranstaltungen oder Ausstellungen)!

8. Welche zeitgenössischen Comiczeichner/innen verdienten mehr Aufmerksamkeit, als sie sie im Moment haben?
Ganz frisch entdeckt: Thomas Wellmann, der dieses Jahr sein sehr virtuos gearbeitetes Diplom „Ziegensauger“ fertig gestellt hat. Aus meiner Sicht aber auch einige der tollen Hamburger Zeichnerinnen wie Moki oder Marijpol.

9. Wenn Sie einen hoch dotierten Preis für das Comic-Lebenswerk zu vergeben hätten, wer würde ihn bekommen?
Immer und immer wieder Winsor McCay (obwohl das natürlich Quatsch ist, weil er ihn ja eh nicht mehr in Empfang nehmen könnte und man mit einer solchen Anerkennung, auch der finanziellen, besser heute lebenden und arbeitenden Autoren den Bauch pinseln möchte). Aber vielleicht Igort – ja: Igort!

10. Wie würden Sie einem Blinden beschreiben, was das Besondere an Ihren Comics ist?
Die Komplexität, die Nichtlinearität, die Verschachtelung von Erzählebenen, von Raum & Zeit, von U & E, von Zitaten und Kontexten …

11. Woran arbeiten Sie derzeit, wenn Sie nicht gerade Fragebogen ausfüllen?
An „Beta …civilisations“ – einem 350seitigen Buch über die letzten vier Millionen Jahre Menschheitsgeschichte, nach dem ersten Band „Alpha ... directions“ Teil II einer Trilogie über die Evolution.

12. Wieso würden Sie einem jungen Menschen raten, Comiczeichner/-autor zu werden – und wieso würden Sie ihm davon abraten?
Pro: Eine Arbeit in Personalunion (wenn man mag, von der ersten Skizze bis zum fertigen Druck) plus die totale Freiheit, sich in Wort & Bild auszudrücken!
Contra: Ein Nebeneffekt des erstgenannten Pro ist das teilweise recht ermüdende Einzelkämpfertum (im Gegensatz zu der Dynamik, die gute Teamarbeit manchmal hervorzubringen vermag) und, was noch viel problematischer ist, finanziell das absolute Debakel – gerade in den ersten Jahren!

Aus "Alpha ...directions" (Carlsen Verlag, 2010)
Aus "Alpha ...directions" (Carlsen Verlag, 2010)Ill: Harder

13. Wie fühlt es sich für Sie an, Ihre Zeichnungen als gedruckte Bücher in der Hand zu halten?
Richtig! Digitale Wiedergabe mag ich nicht (zumindest bei detaillreichen Arbeiten wie meinen) und die Zeichnung als Original in der Hand halten mag ich auch nicht (weil sie durch das ganze Hin und Her doch immer sehr leidet). Also gedruckt! Ich zeichne eigentlich ausschließlich dafür, dass das Ganze am Ende als Buch oder Heft publiziert wird, damit es auf meinem Lieblingsmaterial Papier angeschaut werden kann. Und das hoffentlich von recht vielen Lesern (bzw. Betrachtern), denn sonst wäre es für mein Empfinden schon sehr schade um die ganze Kraft, die es braucht, ein mehrhundertseitiges Projekt zu stemmen.

14. Welche Note hatten Sie im Kunstunterricht?
Eins.

15. Was können Sie überhaupt nicht zeichnen?
Puh – was weiß ich. Ich bin ja kein Verfechter der These, dass man alles zeichnen könne. Manche Sachen sind müßig zu zeichnen, so eine Steuererklärung. Manche würden beim Umsetzen auch einige Qualen bereiten – so etwa Formel-1-Rennwagen oder die an dieser Stelle schon ab und an genannten Katzenbabys/Meerschweinchenjungen/Hundewelpen. Manche Darstellungen stellen einen vor mediale Schwierigkeiten (so ist es ein gewisser Balanceakt und erfordert einiges Geschick, innerhalb eines gezeichneten Bildes eine Zeichnung zu zeichnen – zum Beispiel ein Tattoo oder Graffitto). Ich ganz konkret brauche immer ein Vor-Bild zum Zeichnen – sei es die Realität vor meinen Augen, ein Foto oder eine andersgeartete Abbildung. Aus dem Kopf zeichnen klappt bei mir meistens nicht, das überlasse ich deshalb gern anderen Zeichnern, solchen, die das wirklich meisterlich beherrschen.

Jens Harder, Jahrgang 1970, hat Kommunikationsdesign an der Kunsthochschule Weißensee studiert. Sein Mammutwerk „Alpha“ erzählt 14 Milliarden Jahre Erdgeschichte als Comic. Er wurde mehrfach mit dem Max-und Moritz-Preis ausgezeichnet. Hier geht es zu Harders Homepage.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben