Die Berlin-Comics von Manuele Fior und Emmanuel Guibert : Zeichnen und Wundern - mit dem Stift durch Berlin

Der Italiener Manuele Fior und der Franzose Emmanuel Guibert zählen zu den wichtigsten Comic-Künstlern Europas. Bei einem Austausch zogen sie mit dem Stift durch Berlin – wir zeigen hier ihre Eindrücke.

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Inspiriert von Berlin: Manuele Fiors Comic finden Sie in höherer Auflösung etwas weiter unten in dem Verweiskasten zum Thema „Europa in der Sprechblase“.
Inspiriert von Berlin: Manuele Fiors Comic finden Sie in höherer Auflösung etwas weiter unten in dem Verweiskasten zum Thema...Illustration: Manuele Fior

Diese Weite! „Berlin ist zu groß für die Menschen, die hier leben“, sagt Manuele Fior. All die Parks und Plätze, die breiten Fußwege, der Abstand zwischen Gebäuden und Straßen. Vor allem im Vergleich zu Paris, der Wahlheimat des aus Italien stammenden Künstlers und Autors. „Dort ist es zu eng für die vielen Menschen.“ Also machte Fior den Berliner Raum zum Thema, als er kürzlich über ein Austauschprogramm für Comiczeichner des Goethe-Instituts Deutschland besuchte. Das brachte ihn sowie den Franzosen Emmanuel Guibert und die deutsche Zeichnerin Anke Feuchtenberger für jeweils mehrerer Wochen in die Hauptstädte der Partnerländer, also Rom, Paris und Berlin, wo alle drei für neue Geschichten recherchierten.

Die passende Idee für Fior lieferte ihm ein Bekannter: Der verlor auf dem Tempelhofer Feld seinen fünfjährigen Sohn und konnte ihn erst nach stundenlanger Suche mithilfe der Polizei wiederfinden. Für Fior eine Metapher für den enormen Platz, den die Berliner zur Verfügung haben: Gerade aus Kindersicht sei das einstige Flughafenareal ja „ein ganzer Planet“. In seinem Strip, den wir hier dokumentieren, verbindet der Zeichner die räumliche Weite zudem mit einer historisch-politischen Tour d’Horizon, vom Zweiten Weltkrieg und der Luftbrücke bis zu Angela Merkel und Deutschlands Rolle in der EU.

„In Berlin kann man immer auf den nächsten Tag warten“

Das Gespräch mit dem 38-Jährigen findet in einem Kreuzberger Café statt. Fior trägt Dreitagebart zum Wuschelhaar. Auf dem Tisch liegen seine Skizzenbücher: Straßenszenen, Porträts, Zeichnungen von Gebäuden und Denkmälern. Fior, der für fast jede seiner Comic-Erzählungen eine neue Zeichentechnik ausprobiert, hat bei seinen Recherchen festgestellt, dass es neben dem Raum noch ein zweites konstituierendes Element des Berliner Stadtlebens gibt: „Die Berliner scheinen immer auf die große Gelegenheit zu warten“, sagt er.

Mit dem Skizzenbuch durch die Stadt: Manuele Fior bei seinem Berlin-Besuch im vergangenen Herbst.
Mit dem Skizzenbuch durch die Stadt: Manuele Fior bei seinem Berlin-Besuch im vergangenen Herbst.Foto: Thilo Rückeis

Damit meint er sowohl die Menschen der Gegenwart, die er dabei skizziert hat, wie sie ihre Zeit in Cafés verbringen, als auch die großen historischen Linien: Von dem Verdikt Karl Schefflers, dass Berlin dazu verdammt sei, immerfort zu werden und niemals zu sein, bis hin zu der Marx-Engels-Statue unweit des Roten Rathauses, die Fior als „Warten auf den Sozialismus“ interpretiert. „In Berlin kann man immer auf den nächsten Tag warten“, sagt er. „Auch weil das Leben hier billig ist.“ Das lernte er vor gut zehn Jahren schon zu schätzen, als er erstmals in der Stadt lebte und ihr mit der Erzählung „Menschen am Sonntag“ ein Comic-Denkmal setzte. In Paris, wohin es ihn nach mehreren Stationen in anderen Ländern verschlug, seien die Menschen immer in Eile.

„Hier ist alles Schlechte in Stein gemeißelt“

Auf der anderen Seite: Diese Wut! Als Emmanuel Guibert zum ersten Mal nach Berlin kam, spürte er vor allem Zorn. 1985 war das, da war der Franzose 21 und noch weit davon entfernt, ein international geschätzter Comiczeichner zu sein. „Berlin verkörperte damals für mich all die schlimmen Seiten der Geschichte“, erinnert sich Guibert beim Gespräch in einem Café am Brandenburger Tor. Massenmord, Unterdrückung, Angst, Missachtung der Menschenrechte – in dieser Stadt, so empfand er es damals vor allem mit Bezug auf den Nationalsozialismus und die DDR, „ist alles Schlechte in Stein gemeißelt“.

Also machte Guibert die Last der Geschichte zu seinem Thema, als ihn das Goethe-Austauschprojekt kürzlich wieder nach Berlin brachte. Der Franzose folgte der deutsch-deutschen Familiengeschichte seines Freundes Lothar Erett, den er beim Urlaub in der Normandie kennengelernt hatte und der vor drei Jahren gestorben ist. Guibert machte unzählige Skizzen in ein auf dem Flohmarkt erstandenes Fotoalbum, auf denen sich die steingewordene Stadtgeschichte mit lebensfrohen Impressionen der Berliner Gegenwart abwechselt (hier finden Sie eine Auswahl der Skizzen).

Vorsichtige Annäherung: Emmanuel Guibert in Berlin-Mitte.
Vorsichtige Annäherung: Emmanuel Guibert in Berlin-Mitte.Foto: Thilo Rückeis

In einem Strip, den wir hier dokumentieren, sieht man Guibert als Flaneur auf der Karl-Marx-Allee. Sein gezeichnetes Alter Ego spaziert an zwei Fenstern vorbei. In einem sieht man die gebückte Wirtin eines verwaisten ungarischen Spezialitätenrestaurants, im anderen den Besucher eines Fitnessstudios, dessen Körper fast ebenso gekrümmt ist wie der der alten Frau – eine Allegorie auf das Nebeneinander von Vergangenheitsrelikten und Zukunftsversprechen, für die Berlin steht.

Das soll auch das Thema einer längeren Comicerzählung werden, für die Guibert in Berlin recherchiert hat. Darin geht es um das ambivalente Verhältnis seines Freundes Lothar zu den beiden deutschen Staaten. Lothar war 1953 aus Brandenburg nach West-Berlin übergesiedelt, fühlte sich aber dort lange kaum mehr zu Hause als zuvor im Osten, wie Guibert sagt. Dann aber fand er neue Freunde, Frankreich wurde seine zweite Heimat. Für Guibert verkörpert diese Biografie auch das Versöhnliche der Berliner Geschichte: „Diese Stadt, in der fast alles zerstört wurde, ist auch der Ausgangspunkt neuen Lebens und neuer Freundschaften.“ So hat er, knapp 30 Jahre nach seinem ersten Besuch, doch noch seinen Frieden mit Berlin gemacht.

Manuele Fior, dessen neue Berlin-Episode wir hier exklusiv veröffentlichen, wurde 1975 im norditalienischen Cesena geboren und lebt heute in Paris. Eine wichtige Station auf seinem Weg war Berlin. Hier arbeitete er von 2000 bis 2004 als Architekt und schuf seine erste längere Erzählung „Menschen am Sonntag“. Ihr folgten international gefeierte Titel wie „Fünftausend Kilometer in der Sekunde“ und „Die Übertragung“ (alle auf Deutsch im Avant-Verlag erschienen). Heute ist Fior einer der bedeutendsten europäischen Comiczeichner, seine Arbeiten wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Emmanuel Guibert, 1964 in Paris geboren, wurde mit der Trilogie „Der Fotograf“ (Edition Moderne) international bekannt. Dafür kombinierte er Fotos vom Sowjetisch-Afghanischen Krieg mit Zeichnungen. Neben weiteren dokumentarischen Werken schrieb er auch den Kinder-Comic „Ariol“ (Reprodukt). Hier zeigen wir einige seiner Berlin-Skizzen. Und hier zeigen wir seinen Berlin-Comic.

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