Die Geschichte von Batman : Was der Superheld über uns erzählt

Seit mehr als 70 Jahren wird Batman immer wieder neu interpretiert. Was sein Erfolg und seine Inkarnationen über uns und unsere Gesellschaft verraten.

von
Wiedergeburt. Nach 713 Heften wird "Batman" 2011 eingestellt und mit einer neuen Nummer eins wieder gestartet, an der mehrere Autoren und Zeichner beteiligt sind.
Wiedergeburt. Nach 713 Heften wird "Batman" 2011 eingestellt und mit einer neuen Nummer eins wieder gestartet, an der mehrere...Foto: Capullo/DC

Batman steht in einem versifften Pissoir und drückt einen Mann in eine Kloschüssel. Er will den Aufenthaltsort eines Gangsters erfahren. Skrupel? Warum? „Raju ist Abfall“, sagt der Maskierte über sein Opfer.

Szenenwechsel. Batman rast zu Gothams Museum of Modern Art. Er will einen Einbruch verhindern. Er parkt vor der Tür, springt aus dem Batmobil – und dreht wieder um. Er steht im Halteverbot. Das geht natürlich nicht. Gerade ein Gesetzeshüter muss sich doch an die Gesetze halten.

Düsterer Folterer und quietschbunter Moralapostel? Ist das tatsächlich dieselbe Figur, die wir da beobachten? Ja und nein. Die erste Szene findet sich in einem aktuellen Heft der Batman-Reihe „Detective Comics“, das in diesen Tagen auch auf Deutsch erschienen ist. Die zweite entstammt der TV-Serie „Batman“ mit Adam West aus dem Jahr 1966.

Der aktuelle „Detective Comics“-Batman und der 60er-Jahre-Klamauk-Batman bilden die Extreme, zwischen denen sich die Figur seit ihrer Erfindung vor über 70 Jahren immer wieder bewegt. Entweder „engagierter Gutmensch“ oder „von Rache getriebener Psychopath“, wie Comic-Autor Alan Moore einmal zusammenfasste. Der Batman aus Christopher Nolans „The Dark Knight Returns“, der gerade in den Kinos läuft, liegt irgendwo dazwischen.

Natürlich sind die unterschiedlichen Interpretationen auch auf die Vielzahl von Autoren und Zeichnern zurückzuführen, die sich der Figur gewidmet haben. Doch weil Batman seit seiner Erfindung ununterbrochen und ohne wesentliche Veränderung fortgeschrieben wurde, fungiert er stets auch als Spiegel der Gesellschaft, als „kulturelles Thermometer“, wie Andy Medhurst in seinem Aufsatz „Batman, Deviance and Camp“ schreibt. Was also sagen uns der anhaltende Erfolg von Batman und seine vielfachen Deutungen über uns und unsere Gesellschaft?

Beginnen wir am Anfang. Wir schreiben das Jahr 1939. Amerika blickt mit Sorge nach Europa, das an er Schwelle zum Zweiten Weltkrieg steht. Die große Depression ist noch nicht überstanden, die Arbeitslosigkeit liegt bei 15 Prozent, Menschen leiden Hunger. Kurz: „Als Batman erfunden wurde, ging die Welt zur Hölle“, wie Frank Miller, einer der prägendsten Autoren der Figur, sagt.

Batmans Beste
Jeder Superheld hat eine Geschichte, die erklärt, wie er wurde, was er ist. Die von Batman wurde mehr als einmal erzählt, allerdings nie so packend und bewegend wie von Frank Miller, der mit „Year One“ den Neustart der Serie anno 1987 einläutete. Bruce Wayne kehrt nach Jahren zurück nach Gotham, parallel wird ein gewisser Lieutenant Gordon in die Stadt versetzt. Es gibt noch keinen Joker, keinen Mr. Freeze, keinen Riddler, nur den schmutzigen Alltag einer durch und durch korrupten Gesellschaft. Sowohl als Charakterstudie wie als Actioncomic überzeugt „Year One“ bis heute. Miller und Zeichner David Mazzucchelli schufen hier nicht nur einen der besten Batman-Comics, der bis heute das Bild der Figur als düsteren, komplexbehafteten Rächer prägt, sondern auch einen der besten Mainstream-Comics überhaupt.   Moritz HonertWeitere Bilder anzeigen
1 von 16Foto: DC
26.07.2012 09:43Jeder Superheld hat eine Geschichte, die erklärt, wie er wurde, was er ist. Die von Batman wurde mehr als einmal erzählt,...

In jenem Jahr tauchte auf dem Cover des Groschenheftes „Detective Comics“ eine neuer Superheld auf: Batman. Wobei neu relativ ist. Bei der Erschaffung des Millionärs Bruce Wayne und seines maskierten Alter Ego griffen seine Erfinder, der Autor Bill Finger und Zeichner Bob Kane, auf eine Reihe populärer Vorläufer zurück. Die doppelte Identität des reichen Playboys, der des Nachts maskiert für Gerechtigkeit streitet, lässt sich auf „Zorro“ oder „Der Graf von Monte Christo“ zurückführen. Von Comic-Polizist „Dick Tracy“ ließ man sich zu einer Galerie schriller Verbrecher inspirieren. Dazu etwas Horrorfilm und Sherlock Holmes. „Ansonsten ist sein erster Auftritt ein dreister Klau bei ’The Shadow’, einer damals beliebten Krimifigur“, sagt Lars Banhold, Autor der Studie „Batman – Konstruktion eines Helden“.

Dem kostümierten Rächer war sofort ein riesiger Erfolg beschieden. „Als Batman anfing, sich durch den Abschaum der Unterwelt zu schlagen und zu treten, war das die perfekte Reaktion auf eine gefährliche, komplexe Welt, die einen immer mehr einengte“, schreibt Mark Cotta Vaz in seiner Chronik „Tales of the Dark Knight“. Die Geschichten ähnelten damals Propaganda-Cartoons. „So wie die Achsen-Mächte dort als unmenschliche Monster porträtiert wurden, zeigte man auch die Kriminellen von Gotham City als eindeutig korrupte Ratten, die es wert waren, ausgerottet zu werden“, schreibt Vaz. Das viele von ihnen nach Macht und Herrschaft strebende Supergangster waren, lässt sich ebenfalls als Reaktion auf den Faschismus lesen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben