„Die Kaiserin Cixtite“ von Anne Simon : Die Krone der Schöpfung

Eine Fortsetzung, die keine ist und ein Königreich ohne Männer – in ihrem neuen Comic bringt Anne Simon die resolute Wassernymphe Aglaé zurück und schaltet einen Gang höher im Wettrennen zwischen den Geschlechtern.

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Die Höhle als Metapanel, die Entmannung als Lebensabschnitt: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.
Die Höhle als Metapanel, die Entmannung als Lebensabschnitt: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.Foto: Rotopolpress

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, mit der Fortsetzung einer Graphic Novel aufzuwarten, ist doch die Abgeschlossenheit Teil der Definition ihres Wesens. Aber vielleicht interessiert sich Anne Simon nicht für Gattungsbegriffe, die Einordnungen im Buchhandel sowie dortige Abverkäufe erleichtern. Simons Comic „Die Kaiserin Cixtite“ jedenfalls übernimmt Handlungspersonal aus „Das Tun und Lassen der Aglaé“, ignoriert aber gleichzeitig Ereignisse aus dem letztjährig in deutscher Übersetzung erschienenen Vorgänger; immerhin gab es Tote unter den Sympathieträgern zu beklagen. Oder genauer: es wird ein zum Ende des ersten Teils beiläufig erwähntes Ereignis ausfabuliert, was einer Art Prequel oder, besser noch, einer nachträglich eingeschobenen Episode entspräche; ein sonst eher aus Superhelden-Comics oder Franchise-Adaptionen wie „Star Trek“ oder „Star Wars“ geläufiges Verfahren.

Dabei bleibt die französische Autorin ihrer bereits etablierten Linie von feministischem Blick und musikalischer Werksunterfütterung treu. Der Diskurs zur Befreiung vom Patriarchat wird um die Erörterung radikaler Maßnahmen wie Kastration erweitert, und auf die in Geschlechterfragen etwas konsensaffineren Beatles folgt mit der Schlachthymne „Suffragette City“ des gern mit einem androgynen Image flirtenden David Bowie eine vermeintlich unversöhnliche Positionierung, die am Ende aber eventuell gar keine ist. Auch werden erneut Texte mit historisch-feministischem Hintergrund eingewoben; so dient dieses Mal Olympe de Gouges' „Les droits de la femme“ als Mittel der Darstellung von Aglaés Fähigkeiten im agitatorischen Schaukampf.

Vom schnellen Brüter zum Erziehungsendlager

Die Schrauben werden also leicht angezogen, konterkarierend zum Wohle einer pluralistischen Debatte entschied sich die Künstlerin allerdings für eine von ihr selbst vorgenommene partielle Kolorierung, die dem zuletzt noch in Schwarzweiß daherkommenden Traktat eine sich nicht nur im Erscheinungsbild manifestierende Diversität zubilligt. Dabei bedient sich Simon gern gedeckter Farben. Besonders gelungen wirkt die Kombination von Braun, Grün und Rosé bei der Koloration des Felsgesteins, was eine latente Melancholie in den schraffurlastigen Bildtexturen bewirkt.

Es ist angerichtet: Pommes dauphine à la Cixtite Impératrice.
Es ist angerichtet: Pommes dauphine à la Cixtite Impératrice.Foto: Rotopolpress

Denn „Das Tun und Lassen der Aglaé“ endete in desillusionierender Schwärze: dem gerade niedergerungenen Patriarchat, verkörpert durch den misogynen Tyrann von Krantz, wurde in Gestalt des einem unehelichen Verhältnis Aglaés entstammenden Sohnes eine Wiedergeburt beschert, welche die Nachhaltigkeit und damit männliche Lernfähigkeit, daherkommend im Tarnkleid gesamtgesellschaftlicher Akzeptanz, in Frage stellte. Von der biologischen Disposition als Brutkasten, zudem befrachtet durch die Normen aufgezwungener Fürsorgepflicht seitens der Allgemeinheit ganz zu schweigen.

Die Figur der im Erstling zuerst ungewollt schwanger gewordenen, darauf in Folge vom Vater verstoßenen und im weiteren Handlungverlauf zur neuen Herrscherin aufgestiegenen Wassernymphe, die alsbald ein rigides Potentatengebaren an den Tag legte, warf nicht nur Fragen nach der Kompensation erlittener Unbill durch selbst aktiv praktizierte Ungerechtigkeit auf, sondern illustrierte ebenfalls treffend, dass der Gewinn von Freiheit zumeist auf Kosten der Unabhängigkeit Dritter errungen sein will.

Lebensabschnittsparter im Wortsinn

In „Die Kaiserin Cixtite“ wird nun die zum Ende ins Negative tendierende Darstellung von Aglaé um eine Episode aus der Blütezeit ihrer Regentschaft erweitert, die ihren Charakter nach Abschluss der Lektüre in einem insgesamt vorteilhafteren Licht erscheinen lässt.
Nämlich lockte eine vermutlich vorsätzliche Täuschung seitens der Kaiserin Cixtite viele der Aglaés Hoheitsbereich entstammenden und von ihren imperialen Attitüden entnervten Männer in das mit fernöstlichen Attributen unter Einsatz liebevoll detaillierter Ornamente ausgestattete Chichinien, wo sie zum Teil der Kastration zum Opfer fielen. Es ist also an Aglaé, ihr unter Männerarmut leidendes Reich zu revitalisieren, sodass ein Treffen mit der Imperatorin unausweichlich scheint.

Melancholische Textur in einer rauen Umwelt.
Melancholische Textur in einer rauen Umwelt.Foto: Rotopolpress

Diese mit exzentrischen Zügen wie dem Trinken von den Brüsten ihrer Dienerinnen entstammender Milch ausgestattete Person ist allerdings keine leicht zu überwindende Hürde im Ringen um die von Aglaés weiblichen Untertanen schmerzlich vermissten Mannsbilder, sodass militärische Rückholaktionen gegenüber Cixtite erwogen werden. Was, soviel wird schnell klar, eine leere Drohung ist, denn die königliche Leibgarde, bestehend aus übergroßen Pommes Frites, desertierte einst und ist nicht willens, sich weiterhin in Schlachten zu werfen. Es bedarf also einer Sympathieoffensive, die auszuführen Damien, dem Koch der Königin, obliegt, welcher in einer diffusen emotionalen Beziehung zu dem sich im vorzeitigen Ruhestand befindlichen Armeeoberhaupt Sabine steht. Nach erfolgreichem Anwerben kommt es dann tatsächlich zur großen Schlacht, die endgültige Entscheidung wird allerdings auf kulinarischer Ebene herbeigeführt. Zu gefallen weiß in diesen Szenen auch das ansprechende Lettering durch Lisa Röper und Michael Meier, man betrachte den wechselnden Einsatz von Block- und Schreibschrift in der Konversation zwischen Damien und den Wachen vor Sabines Quartier.

Sexismus hinter Gittern

Mit tragikomischen Dialogzeilen wie „Möchtest Du Deinen Schwanz behalten oder Deine Frau?“ erscheint „Die Kaiserin Cixtite“ noch pointierter als „Das Tun und Lassen der Aglaé“. Das einhellig-zustimmende Lachen der letzten sich in Aglaés Reich befindlichen und dort versteckt lebenden Männer als Antwort auf diese provokante und Männlichkeitsideale zementierende Frage zeigt derweil deren trauriges Eingekerkertsein in den eigenen Rollenvorstellungen.

Ornament und Detail, Monarchie und Alltag.
Ornament und Detail, Monarchie und Alltag.Foto: Rotopolpress

Der fragile Strich, der die zerbrechlichen Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern illustriert, wird in wechselnde Panelkonfigurationen eingebettet, die dem jeweiligen verhandelten Thema die entsprechende Bühne bieten. Besonders zeigt sich dies in den Szenen mit Philippe, der sprichwörtlich in Stein gehauenen und zum Verharren verdammten außerehelichen Liaison der Königin, dessen unterirdische Lokalisation oft mittels schwarz eingefasster Metapanels ohne Bildrand hier visuell erfahrbar gemacht wird. Wie auch der im Anthropomorphismus schwelgende Figurenpark den schmerzhaften Wahrheiten, die hier ausgesprochen werden, eine notwendige Distanz und damit nötige Halbwertzeit beschert, die der Leser braucht, bis er bereit ist, eine kritische Selbstreflektion des eigenen Tuns und Lassens in Betracht zu ziehen.

Anne Simon: Die Kaiserin Cixtite, Rotopolpress, 80 Seiten, 19 Euro, Übersetzung: Irène Bluche, Lettering: Lisa Röper & Michael Meier

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