Die Stadt : Auszüge aus Ägypten

Die Berliner Comic-Zeichnerin Barbara Yelin war gerade fünf Wochen in Kairo, sie erlebte Rebellion und Alltag hautnah. Davon erzählt ihr Tagebuch in Bildern.

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Kopftuch oder nicht? Eine von Barbara Yelins Alltagsbeobachtungen, die bei Ihrem Besuch 2011 entstanden.
Kopftuch oder nicht? Eine von Barbara Yelins Alltagsbeobachtungen, die bei Ihrem Besuch 2011 entstanden.Illustration: Barbara Yelin

Die Kundgebung sah friedlich aus, wie meistens. Ein Menschenmeer wogte zwischen den Autobahnbrücken, Barbara Yelin war im Taxi unterwegs, sie erinnert sich, wie sie im Vorbeifahren die weißen Kreuze registrierte, die über der Menschenmenge schwebten. Kopten, verstand sie. Die ägyptischen Christen demonstrierten für ihre Glaubensfreiheit.

Dass die Kundgebung kurz danach eskalierte, erfuhr sie erst ein paar Stunden später. Mindestens 24 Menschen waren tot. Barbara Yelin war fassungslos. Es war einer dieser Momente, in denen Kairo plötzlich die Farbe wechselte, in denen die Stadt nicht mehr vertraut war, sondern fremd.

Es war Barbara Yelins vierter Aufenthalt am Nil. 2010 hatte die Berliner Zeichnerin zum ersten Mal einen Comic-Workshop in Kairo geleitet, auf Einladung des Goethe-Instituts. Dreimal kehrte sie in den folgenden Monaten zurück, während die Revolution in vollem Gange war, wieder arbeitete die 34-Jährige mit jungen ägyptischen Zeichnern.

Der letzte Aufenthalt liegt gerade hinter ihr, fünf Wochen hat sie diesmal in Kairo verbracht, um den ägyptischen Umbruch in einem Comic-Tagebuch festzuhalten, erneut auf Einladung des Goethe-Instituts.

Stille Bilder aus stürmischen Zeiten sind dabei entstanden. Die Kopten-Kundgebung, die Proteste auf dem Tahrir-Platz, all das kommt vor, aber meist ist es Kairos Alltag, den Barbara Yelin dokumentiert, einen Alltag freilich, der stets so unerwartet die Farbe wechseln kann wie in jenen Stunden nach der Taxifahrt. Die verstopften Straßen spielen eine Rolle, das Dauerdröhnen der Hupen, das langsamere Gehtempo der Ägypter, die Allgegenwart der Kopftücher, überhaupt all jene Erfahrungen des Fremdseins, denen Barbara Yelin ausgesetzt war.

Rausch der Farben: Eine Basarszene.
Rausch der Farben: Eine Basarszene.Illustration: Yelin

Auch ihre Gespräche mit ägyptischen Zeichnern hat sie festgehalten, von denen viele die Revolution mitgetragen haben. Einige sind heute noch mit Feuer dabei, andere nicht. „Viele sind frustriert, weil heute wieder Blogger im Gefängnis sitzen und immer schwerer zu begreifen ist, wer auf welcher Seite der Front steht.“

Seit wenigen Tagen ist Barbara Yelin zurück in ihrem Berliner Atelier, die Eindrücke sind frisch. Längst arbeitet sie an anderen Projekten, in Saarbrücken hat sie in diesem Semester eine Gastprofessur für Comics und Graphic Novels, die einzige ihrer Art in Deutschland. Täglich zeichnet sie einen Strip für die „Frankfurter Rundschau“, nebenbei vermarktet sie ihr 2010 erschienenes Album „Gift“.

Trotzdem lässt das Kairo-Tagebuch sie nicht los, bis heute arbeitet sie Details nach, vervollständigt Szenen. „Ich habe immer noch das Gefühl“, sagt sie, „den Ereignissen hinterher zu zeichnen.“

Das komplette Kairo-Tagebuch unter: www.goethe.de/comic-journal

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