Die Tipps der Zeichner, Teil 1 : Blick zurück im Schmerz

Ferienzeit, Lesezeit: Was empfehlen Comicautoren als Sommerlektüre? Arne Bellstorf schwärmt für Daniel Clowes' "Ghost World"

Arne Bellstorf
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Zwischen Selbstüberschätzung, Arroganz und Unsicherheit. Szene aus "Ghost World".Illustration: Clowes / Reprodukt

Diese Coming-of-Age-Geschichte war für mich eine Offenbarung, als ich sie das erste Mal gelesen habe. Ich kannte einige Kurzgeschichten von Daniel Clowes, und ich mochte seine Zeichnungen, aber erst die Lektüre von "Ghost World" hat mich von ihm auch als Autor überzeugt. Hier endet der episodenhafte Aufbau nicht in einer Aneinanderreihung von Auftritten verschiedener Freaks und den Gedankengängen von neurotischen Einzelgängern, sondern verdichtet sich am Ende zu einem subtilen Porträt seiner Protagonistinnen.

Auch wenn mir Enid und Rebecca in "Ghost World" als Charaktere in ihrem Sarkasmus vollkommen fremd sind, konnte ich ihre Welt und dieses diffuse Lebensgefühl zwischen Selbstüberschätzung, Arroganz und Unsicherheit nur zu gut nachfühlen.

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Am Ende der Pubertät laufen die Identitätsspiele zwischen Punk und Boheme bei Enid ins Leere, und irgendwie macht es keinen Spaß mehr, sich über die Bewohner der eigenen Kleinstadt lustig zu machen, weil man merkt, dass man vielleicht doch nicht so anders und einzigartig ist, wie man immer gedacht hat. Enid gesteht Rebecca am Schluss, als ihre Freundschaft schon unter Eifersucht und unterschiedlichen Zukunftsplänen gelitten hat, dass sie sich selbst hasst und Rebecca sie an jede Kleinigkeit erinnern würde, die sie am liebsten vergessen würde. Dann gibt kein zurück mehr, auch nicht in den Trost an die letzten schönen Kindheitserinnerungen, nur noch den Bus, der raus aus Suburbia in ein anderes Leben führt. Vielleicht kehrt man dann eines Tages als "Erwachsener" zurück.

Als Comic über das Erwachsenwerden und als Kommentar auf (amerikanische) Kultur und Gesellschaft, geht dieses Buch über seinen anfänglich satirischen Ton hinaus. Und im Gegensatz zu vielen anderen Geschichten über das Heranwachsen ist "Ghost World" nicht nur ein ironischer, abgeklärter oder romantisierender Rückblick auf diese Zeit. Nichts an Daniel Clowes' Story erhebt den Anspruch "authentisch" und selbst erlebt zu sein; sie ist zumindest in der Handlung pure Fiktion - und trotzdem für mich der einzig "wahre" Coming-of-Age-Comic.

Daniel Clowes' "Ghost World" ist auf Deutsch bei
Reprodukt erschienen: 80 Seiten, 13 Euro, aus dem Amerikanischen von Heinrich Anders, Handlettering von Dirk Rehm. Leseprobe hier.  

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Unser Autor Arne Bellstorf (30) ist einer der renommiertesten jüngeren deutschen Comiczeichner. Der Hamburger veröffentlicht unter anderem im Wechsel mit Flix, Mawil und Tim Dinter alle vier Wochen einen Comicstrip in der Sonntagsausgabe des Tagesspiegels, den wir auch auf unseren Online-Comicseiten zeigen. Seine Arbeiten wurden als Buch ("Acht, Neun, Zehn"), in Anthologien ("Orang") sowie in diversen Zeitschriften veröffentlicht. Im Moment arb

eitet er an seiner zweiten Graphic Novel, die von der Hamburger Zeit der Beatles handelt und im kommenden Jahr erscheinen soll. Mehr über Arne Bellstorf und seine Arbeiten auf 

bellstorf.com

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Leseraufruf:

Welchen Comic empfehlen Sie anderen Lesern als Sommerlektüre, und warum? Schreiben Sie uns bis 15. August unter comics@tagesspiegel.de. Die Antworten veröffentlichen wir auf diesen Seiten. Unter den Einsendern verlosen wir mehrere druckfrische Comicbände.

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