„Die zwei Leben von Balduin“ : Zwei Leben sind manchmal zu viel

In seinem Comic „Die zwei Leben von Balduin“ behandelt Fabien Toulmé existenzielle Fragen. Doch das Ergebnis ist ein zweidimensionales Melodram.

Silke Merten
Die letzten Wochen des Lebens: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.
Die letzten Wochen des Lebens: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.Foto: Avant

Die Frage „Was tust du, wenn du weißt, dass du bald sterben musst?“ ist eine zutiefst existenzielle. Eine, die Stoff böte für eine wirklich große Comic-Geschichte, für Reflexionen über das Vergangene, für Figuren, die plötzlich schöne und unschöne Wahrheiten in sich und dem Leben von anderen offenlegen, mit allen Widersprüchen, die Menschen und ihren Umgang miteinander nun mal ausmachen. Leider gibt es diese Comic-Geschichte noch nicht. (Oder doch? Ich wäre dankbar für einen Lesetipp!)

Fabien Toulmé, hierzulande bekannt geworden mit seinem autobiografischen Comic „Dich hatte ich mir anders vorgestellt“, stellt diese Frage in seiner neuen Graphic Novel „Die zwei Leben von Balduin“, nein, er brüllt sie seiner Hauptfigur und den Leserinnen und Lesern entgegen.

Kein Platz für Zwischentöne und Mehrdeutigkeiten

Balduin, Mitte 30, wollte als Jugendlicher eigentlich Musiker werden, steckt aber in einem unerfüllten Leben als Anwalt fest. Damit wir das gleich auf den ersten Seiten erkennen, ist das Wetter auf dem Weg ins Büro mies, der Kollege ein Kotzbrocken, der große Bruder, den er zum Mittagessen trifft, ein durch die Welt reisender Arzt mit Erfolg bei den Frauen.

Nach einem Arztbesuch trifft Balduin die Todesdiagnose: Krebs im Endstadium. Vom Bruder gedrängt, eine Liste mit Dingen, die er schon immer machen wollte, abzuarbeiten, räumt er auf in seinem Leben, kündigt die Wohnung, reist in den Benin. Hat plötzlich Erfolg bei den Frauen, als Musiker. Und erlebt am Ende ein Happy End mit Wermutstropfen (das zu verraten allerdings ein Spoiler wäre).

Klingt nach Frauen-Roman, nur mit Männerbesetzung? Ist es auch. Leider. Denn Toulmé lässt erahnen, was diese Graphic Novel hätte werden können: er zeigt sie vielen kleinen und doch bedeutsamen Momente, an denen Balduin den sicheren Weg wählt, das Jura-Studium abschließt, die Eigentumswohnung bezieht, gegenüber dem immer von ihm enttäuschten Vater schweigt.

Das Cover des besprochenen Buches.
Das Cover des besprochenen Buches.Foto: Avant

Aber für Zwischentöne und Mehrdeutigkeiten lässt Toulmé keinen Platz. Alles ist überdeutlich gezeichnet, im übertragenen wie wörtlichen Sinn. Toulmé benutzt eine Ligne Claire, die Setting und Figuren nur zu umreißen versteht. Dadurch geraten sie buchstäblich zweidimensional und platt. Über den Farben (Kolorierung: Valérie Sierro) liegt in den Sequenzen vor der Krebsdiagnose immer ein leichter Grauschimmer, danach wird es poppig-bunt. Und glaubt ernsthaft jemand, dass in den letzten Wochen des Lebens auf einmal alles glatt läuft, die große Liebe um die Ecke kommt, man uneingeschränkten Erfolg hat mit dem, was man schon immer tun wollte?

Will ernsthaft jemand in Comics belehrt werden über das, was, um es mal in der Sprache des Melodrams zu sagen, wirklich zählt? Dass alles gut wird, sobald man seinen Träumen folgt? Anscheinend glaubt Toulmé das. Aber in diesem Fall sind zwei Leben definitiv zu viel. Für mich der überflüssigste Comic des vergangenen Jahres.

Fabien Toulmé: Die zwei Leben von Balduin, Avant, aus dem Französischen von Annika Wisniewski, 272 Seiten, 30 Euro

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