Ed Piskors „Wizzywig“ : Ein Denkmal für digitale Guerilleros

Ed Piskor hat in seiner Graphic Novel „Wizzywig“ mehrere reale Computer-Hacker zu einer Figur verschmolzen - ein eindrucksvolles Projekt mit einigen erzählerischen Schwächen.

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Hacker-Historie: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Hacker-Historie: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Egmont

Hacker sind Helden – nicht nur in „Matrix“. Spätestens seit den Aktivitäten von Hackern wie Julian Assange und Edward Snowden oder der Offenlegung des Bundestrojaners durch den Chaos Computer Club setzt sich die Erkenntnis durch, dass die einst als Digital-Vandalen beargwöhnten Computer-Freaks eigentlich Vorkämpfer für Bürgerrechte in einem neuen Lebensraum sind – dem Internet.

Längst überfällig also, den digitalen Guerilleros auch in Comic-Form ein Denkmal zu setzen. Dieser Aufgabe hat sich Ed Piskor mit „Wizzywig – Das Porträt eines notorischen Hackers“ angenommen: Erzählt wird die Lebensgeschichte von Kevin Phenicle, der in den USA der 70er Jahre aufwächst, als Computer noch klobige Ungetüme für eine Handvoll von Spezialisten waren. Kevin ist hochbegabt, hat wenig Freunde, liebt Denkspiele, baut gerne Dinge auseinander und hat Probleme, mit Mädchen zu reden. Kurz: Er ist ein Nerd.

Gehänselt, gejagt, gefeiert

Während sein Umfeld ihn verspottet und unterschätzt, macht Kevin sich seine Cleverness zu Nutze und trickst Spielautomaten aus, manipuliert Pizzaverkäufer durch Social Engineering oder verschafft sich kostenlos Freigespräche, indem er in einer bestimmten Tonart in den Telefonhörer pfeift. Kevin nutzt die technischen und kommunikativen Lücken nicht wegen Böswilligkeit aus, sondern schlicht aus Neugier – und weil er es kann.

Als er beginnt, sich in Regierungsnetzwerke zu hacken und versehentlich den ersten großen Computervirus auf die Welt loslässt, gerät Kevin jedoch ins Visier der Behörden: Eine lange Flucht beginnt, während der die Medien gegen den „Cyber-Terroristen“ hetzen. Am Ende landet Kevin im Gefängnis, wo er zu einer Aktivisten-Ikone aufsteigt.

Ein Porträt vieler Hacker

„Wizzywig“ ist nicht das Porträt eines Hackers, sondern mehrerer: Piskor vermischt in Kevin die Lebensläufe verschiedener realer Hacker, was schon am Vornamen seiner Figur offenkundig wird. Pate standen unter anderem der Phone-Phreaker Kevin Poulsen und Kevin Mitnick, der etliche Male in das Netzwerk des US-Verteidigungsministeriums einbrach und zwei Jahre ohne Gerichtsverhandlung inhaftiert worden war, was zur „Free Kevin“-Bewegung führte, die Piskor für seinen Comic adoptierte. Auch das dreijährige Nutzungsverbot von EDV-Anlagen, zu der die Mitnick als Bewährungsauflage verdonnert wurde, findet sich in „Wizzywig“ wieder.

Passend zur der Zeit, in der die Geschichte spielt, orientiert sich Piskor am Stil der Underground-Comics der 1960er und 70er Jahre, allerdings ohne den neurotischen und zittrigen Strich eines Robert Crumb, den Piskor als sein wichtigstes Vorbild angibt. Seine ersten Sporen als Zeichner verdiente er sich unter anderem bei „American Splendor“ von Harvey Pekar, einer Legende der US-Underground-Comix. Piskor hat einiges übrig für subkulturelle Pioniere: Im seinem kürzlich auf deutsch erschienenen Comic „Hip-Hop Family Tree“ widmet er sich den Anfängen des Hip Hop.

Monumentalgemälde mit erzählerischen Schwächen

Man merkt, dass Wizzywig Piskors erstes großes Solo-Projekt ist, denn ein paar erzählerische Schwächen sind nicht zu leugnen: Die Story, so spannend sie in vielen Details ist, liest sich allzu oft wie eine Aneinanderreihung vergnüglicher bis haarsträubender Hacker-Anekdoten, die zusammen kein rechtes Bild ergeben wollen. Knackpunkt ist dabei die Hauptfigur, deren Motivation und innere Verfasstheit dem Leser nie wirklich deutlich wird.

Monumentalgemälde: Das Buchcover.
Monumentalgemälde: Das Buchcover.Foto: Egmont

Ein erfahrener Szenarist hätte aus dem historischen Grundstoff, der dem Comic zu Grunde liegt, sicher eine bessere Geschichte machen können. Andererseits passt die eher unaufgeregte und auf skurrile Details bedachte Erzählweise Piskors durchaus zum nerdigen Thema.

Unterm Strich ist das Vorhaben, einen Großteil der Hacker-Historie in einen einzigen Comic zu packen, dennoch weitestgehend gelungen: Wizzywig spiegelt vielschichtig den Zeitgeist und die öffentliche Wahrnehmung von Hackern in den 70er und 80er Jahren, lässt kaum ein Thema der Szene unerwähnt und schafft es dennoch, auch Leser ohne größeres Vorwissen in die Welt Hacker, Cracker und Phreaker eintauchen zu lassen.

Ed Piskor: Wizzywig – Das Porträt eines notorischen Hackers, 286 Seiten, schwarzweiß, Egmont, 19,99 Euro

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