„Foc/Feuer“ von Sebastian Rether : Skizzen des Krieges

In „Foc/Feuer“ verbildlicht Sebastian Rether die Erinnerungen seines Großvaters an den Zweiten Weltkrieg in einer abstrahierten grafischen Erzählung.

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Verloren in der Landschaft. Eine Szene aus dem besprochenen Buch.
Verloren in der Landschaft. Eine Szene aus dem besprochenen Buch.Foto: Edition Büchergilde

Über den Zweiten Weltkrieg gibt es viele Berichte und Werke, die dieses finstere Kapitel der Weltgeschichte sachlich bis reißerisch beleuchten. Es existiert ein kollektives Bild davon, was die Menschen damals erlebten und durchlitten, auch die einfachen Soldaten an der endlosen Front, die sich von Frankreich bis Russland über den gesamten Kontinent zog. Vermutlich konnte Sebastian Rether nicht zuletzt aufgrund der allgemeinen Vertrautheit mit dem Thema und der Zeit die Erinnerungen seines Großvaters in der Umsetzung als grafische Erzählung so extrem reduzieren und abstrahieren, dass sein gerade erschienenes Buch „Foc/Feuer“ oft geradezu den Eindruck eines Skizzenbuches erweckt.

Rether schildert mit wenigen dünnen Strichen, wie sein Großvater im März 1939 Transsilvanien in Siebenbürgen verlässt und in den nächsten Jahren zunächst als Meldereiter mit den Männern und Pferden seiner Einheit ganz Europa bereist.

Kampfmaschinen. Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Kampfmaschinen. Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Edition Büchergilde

Die subjektiven, lückenhaften Erinnerungen, die der ältere Rether einst niedergeschrieben hat, konzentrieren sich hauptsächlich auf die alltäglichen Szenen, auf die kleinen Dinge und menschlichen Nöte des Soldatenlebens: Die Ausbildung, das Bangen, die Befehlskette, das Beisammensein in der Fremde, und selbstverständlich die unpersönlichen Zusammenstöße mit dem Feind, die weit jenseits der hart umkämpften Front stattfinden und nichts mit den gewaltigen, entscheidenden Schlachten zu tun haben.

Umso stärker ist das permanente Gefühl der Sinnlosigkeit und Verlorenheit in der weiten Landschaft, durch die das Gespenst des Krieges spukt und Männer fernab ihrer Heimat verunsichert, quält und tötet.

Ursprünglich eine Bachelor-Arbeit

Die allgegenwärtige Abstraktion in den von wenigen Worten begleiteten Zeichnungen schafft in dem Buch viel gestalterischen Weißraum, der jedoch keinen schmälernden Einfluss auf die Eindringlichkeit des Gezeigten und Gefühlten hat. Außerdem könnte man den Kapiteln jederzeit abnehmen, dass sie ein Soldat und somit Zeitzeuge in sein Tagebuch kritzelte.

Wuchtige Verpackung: Das Titelbild des Hardcover-Bandes.
Wuchtige Verpackung: Das Titelbild des Hardcover-Bandes.Foto: Edition Büchergilde

„Foc/Feuer“ entstand im Rahmen von Sebastian Rethers Bachelor-Abschluss. Sechs Exemplare gab es damals, die dem 1985 geborenen Künstler 2011 den Designpreis der Hochschule Konstanz bescherten und sein Werk 2012 auf die Shortlist des Förderpreis für junge Buchgestaltung der Stiftung Buchkunst brachten. Im Verlag der Frankfurter Edition Büchergilde, wo man sich auf schöne und eigensinnige Bücher für Liebhaber und Kunstfreunde spezialisiert hat, ist nun eine Neuausgabe erschienen.

Das wuchtige Hardcover verdeutlicht noch einmal, wie hastig und flüchtig Rethers auf den ersten Blick immer etwas oberflächlich wirkende Zeichnungen auf den eigentlichen Seiten erscheinen. Möglicherweise hätte dem Projekt eine weniger wuchtige und massive Verpackung gut getan – vielleicht ist es aber sogar Absicht und Kalkül, da der Einband und das haptische Gefühl die angestrebte Wirkung des luftigen, skizzenhaften Inhalts noch zusätzlich verstärken.

Ein künstlerisches Experiment

Den künstlerischen Ansatz und Stil dieser grafischen Erzählung, die formell betrachtet kein Comic ist oder sein möchte, muss man natürlich mögen. Wer sich nicht darauf einlässt, wird dem Ganzen nur wenig abgewinnen können – so ist das eben bei dieser Art von Kunst. Dennoch ist „Foc/Feuer“ von Sebastian Rether, der heute als freier Illustrator in Hamburg lebt, ein interessantes Experiment darüber, wie sehr der Zweite Weltkrieg und letztlich jeder Krieg in der Darstellung stilisiert werden kann, ohne dass die emotionale Botschaft darunter leidet.

Sebastian Rether: Foc/Feuer. Edition Büchergilde, 368 Seiten, 24,95 Euro

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