Franz Kafka im Comic : Kafkaeske Verunsicherung

Und noch eine Kafka-Adaption: Moritz Stetters Comic-Umsetzung von „Das Urteil“ vertieft Elemente des Originals, eröffnet jedoch keinen neuen Deutungshorizont.

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Undurchdringliches Dickicht: Eine Doppelseite aus dem besprochenen Buch.
Undurchdringliches Dickicht: Eine Doppelseite aus dem besprochenen Buch.Foto: Knesebeck

Susan Sontag hat einmal beklagt, dass Kafka mit seiner Erzählung „Das Urteil“ zum Opfer einer „Massenvergewaltigung durch die Interpreten“ geworden sei. Diesen Befund könnte man im Hinblick auf die zahlreichen Comicadaptionen, die in den vergangenen Jahren erschienen sind, auf das gesamte Werk des Autors ausweiten. Mit Moritz Stetters Version des „Urteils“ ist allein im Knesebeck-Verlag kürzlich bereits die fünfte Kafka-Adaption veröffentlicht worden.

Ob eine solche Adaption – und das gilt für Comicadaptionen literarischer Vorlagen im Allgemeinen – gelingt, hängt maßgeblich davon ab, ob sie es schafft, über eine reine Illustration des Originals hinauszugehen und neue Perspektiven und Deutungshorizonte für den zugrunde liegenden Text zu eröffnen.

Freude an der Übertreibung

Dies ist den bisherigen Adaptionen unterschiedlich gut gelungen. David Zane Mairowitz’ und Robert Crumbs „Kafka kurz und knapp“, die gezeichnete Lebensgeschichte des Autors, die auch einige Adaptionen von kürzeren Erzählungen enthält, beschränkt sich beispielsweise auf eine rein biografische Deutung der Texte. Zwei überaus gelungene Beispiele sind hingegen die Adaption des „Proceß“ von Chantal Montellier und Mairowitz, die in deutscher Übersetzung ebenfalls bei Knesebeck erschienen ist, und Peter Kupers Version der „Verwandlung“. Beide Comics spielen mit Kafkas Hang zur Übertreibung und spitzen diesen in ihren Adaptionen weiter zu.

Vaterkomplex: Zwei Seiten aus dem besprochenen Buch.
Vaterkomplex: Zwei Seiten aus dem besprochenen Buch.Foto: Knesebeck

Auf diese Weise gelingt es ihnen, sich ein Merkmal des Originals zunutze zu machen, das man auch im „Urteil“ findet: Das Auseinanderklaffen der Selbstwahrnehmung der Protagonisten und der jeweiligen Außenperspektive. Ist Josef K. tatsächlich so souverän und überlegen im Umgang mit den beiden Herren, die ihn eines Morgens in seinem Schlafzimmer verhaften, wie er es sich selbst einzureden versucht? Ist Gregor Samsa tatsächlich der erfolgreiche Handlungsreisende und Ernährer der Familie, als der er sich, in seinen endlosen Gedankenkreisen darstellt?

Alles scheint gut zu laufen

Die Lektüre dieser Kafka-Texte ist stets geprägt von Verunsicherung und der Frage, welche Perspektive man als Leser plausibler findet. Eine ähnliche Verunsicherung wird auch in der Erzählung „Das Urteil“ hervorgerufen. Protagonist ist der junge Kaufmann Georg Bendemann, der ein erfolgreiches und glückliches Leben zu führen scheint. Das Geschäft, das er zusammen mit seinem Vater führt, floriert und vor kurzem hat er sich verlobt.

Eines Tages sitzt er an seinem Schreibtisch, um einem alten Freund zu schreiben, der vor einiger Zeit nach Petersburg ausgewandert, dort aber beruflich nicht besonders erfolgreich und daher unzufrieden mit dem eigenen Leben ist. Aus Rücksicht dem Freund gegenüber will Georg ihm die Verlobung erst verschweigen, entschließt sich jedoch dann dafür, dem Freund dennoch davon zu berichten. Mit dem fertigen Brief in der Hand geht er ins Zimmer seines Vaters hinüber, mit dem er im gleichen Haus wohnt. Es kommt zu einem Streit, in dem der Vater schwere Vorwürfe gegen den Sohn erhebt und schließlich sein Todesurteil ausspricht. Georg verlässt daraufhin das Haus und springt von einer Brücke in einen Fluss.

Die Comicversionen von „Proceß“ und „Verwandlung“ beziehen in der Frage, welche Perspektive die glaubwürdigere sei, relativ eindeutig Stellung. Bild- und Textebene spielen verzerrte Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung gegeneinander aus und geben so die Bemühungen der Protagonisten, sich das eigene Verhalten ein Stück weit ‚schönzureden’, der Lächerlichkeit preis. Beide Adaptionen lenken damit das Augenmerk des Lesers auf einen Aspekt, der im Originaltext zwar vorhanden ist, jedoch nicht auf den ersten Blick deutlich wird: die Komik in Kafkas Texten. Als Adaptionen sind sie mehr als gelungen, weil dieses Hervorbringen der Komik neue Perspektiven auf die literarische Vorlage eröffnet.

Wurzelartige Verflechtungen

Während sich diese beiden Versionen also über die Betonung der Komik auf die Seite der Fremdwahrnehmung schlagen, bezieht Moritz Stetter mit seiner Version des „Urteils“ deutlich weniger Stellung. Dennoch wird das Gefühl der Verunsicherung auch hier sehr deutlich transportiert. Steigert sich der Vater in haltlose Anschuldigungen oder führt Georg tatsächlich ein Doppelleben? Stetters Version rückt diese Frage ins Zentrum, gibt aber keine direkten Anstöße zur Interpretation des Textes in die eine oder andere Richtung.

Der Baum als zentrales Motiv: Das Cover des besprochenen Albums.
Der Baum als zentrales Motiv: Das Cover des besprochenen Albums.Foto: Knesebeck

Zentral für seine Adaption ist das Motiv des Baums. Wurzelartige Verflechtungen ziehen sich als optische Strukturen durch den gesamten Comic. Zu Beginn scheinen sie zusammen mit Georgs Gedanken an den Freund in Petersburg aus seinem Kopf zu wachsen, werden dann zum Bart des Freundes und wachsen schließlich zu einem nahezu undurchdringlichen Dickicht an. Sie verbinden Panels optisch miteinander und untermalen die teilweise verworrenen Überlegungen Georgs.

Im zweiten Teil der Erzählung taucht das Motiv dann plötzlich wieder auf, wenn Georg das Zimmer seines Vaters betritt und sich einem knochigen alten Baum gegenüber sieht. Im Folgenden wird die Panelsequenz, die den Streit mit dem Vater zeigt, immer wieder durch einzelne Bilder unterbrochen, die zeigen, wie Georg den Baum nach und nach erklimmt und immer höher klettert – bis er plötzlich in der Krone des Baumes auf eine zweite Person trifft. Ob es sich hier um den Vater oder den Petersburger Freund handelt wird nicht deutlich. Am Ende wird der Mann jedoch von Georg in die Tiefe gestürzt.

Diese Szene steht im Gegensatz zur eigentlichen Erzählung, an deren Ende Georg selbst in die Tiefe stürzt, nachdem er das vom Vater ausgesprochene Todesurteil an sich vollstreckt und von einer Brücke springt.

Auch Stetter gelingt es also, in seiner Adaption zwei gegensätzliche Ebenen zu öffnen. Anders als in den Werken von Montellier und Mairowitz bzw. Kuper ist es hier jedoch nicht die Bildebene, die der Textebene entgegensteht. Stetter schafft vielmehr zwei Bildebenen, die nebeneinander bestehen bzw. zunehmend ineinander verwoben werden. Auf diese Weise eröffnet er zwar nicht direkt einen neuen Deutungshorizont, er verstärkt jedoch das Gefühl der Verunsicherung eindrücklich, das auch beim Lesen der Kafkaschen Erzählung vorherrscht.

Moritz Stetter: Das Urteil, Knesebeck, 48 Seiten, 19,95 Euro

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