Fumetto : Der Junge kann malen

Das Zeichner-Festival Fumetto führt an die Schnittstellen von Comics und Kunst. "Comixene"-Chefredakteur Martin Jurgeit berichtet für uns aus der Schweiz

Martin Jurgeit
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Momentaufnahme. Die Zeichnung «Le triomphe de Pilate» von Blutch, von dem kürzlich gleich zwei Bücher auf Deutsch erschienen sind...Illustration © Blutch, Artist in Residence Fumetto 2009

Bereits seine 18. Auflage feierte das Internationale Comix-Festival Fumetto im schweizerischen Luzern vom 28. März bis 5. April. Mit über 50.000 Besuchern verzeichneten insbesondere die 18 Hauptausstellungen mit Künstlern aus neun Ländern wieder ein hohes Publikumsinteresse – zumal sich die Besucher auf eine Veranstaltung einließen, die sich erheblich von anderen Comic-Festivals unterscheidet. Eigentlich leitet sich der Titel Fumetto von der italienischen Bezeichnung für Comics ab, die direkt auf die Sprechblase verweist. Doch genau diese Sprechblasen finden sich auf dem Gros der ausgestellten Exponate mitnichten. Stattdessen suchen die meisten Werke ganz bewusst die Nähe zu verwandten Disziplinen der bildenden Künste. Das ist durchaus im Sinne der Festivalleitung, die Fumetto gezielt an die Schnittstellen von Comics und Kunst führen will.

Dafür steht auch die noch einmal ausgebaute Kooperation mit dem Kunstmuseum Luzern, das dieses Jahr gleich für ein Vierteljahr einige seiner Räume bis in den Juni Fumetto-Künstlern öffnet. Das Genfer Duo Elvis Studio zeigt hier riesige Wimmelbilder, die in ihrem Zeichenstrich beinahe kindlich daherkommen. Bei näherer Betrachtung offenbaren sie aber bitterböse kleine Geschichten, die von Fanatismus und Kämpfen erzählen, die dem Titel der Werke, "Battleship", alle Ehre machen.

Kritzeleien, die an Toilettenschmierereien erinnern - verstörend, faszinierend

Einen Raum weiter gilt es, den japanischen Zeichner Yuichi Yokoyama zu entdecken. Neben Malerei präsentiert er faszinierende Einblicke in seine Mangas, die sich in der Strenge ihrer Ausführung von praktisch allem diametral unterscheiden, was sonst in Luzern zu sehen war. In streng konturierten Panels regiert hier eine klare Linie, die selbst das Werk eines Ligne-Claire-Altmeisters wie Ever Meulen, der auch in Luzern präsent war, wie locker hingeworfen erscheinen lässt.

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Strenge Dynamik. Ausschnitt aus einem der Werke von Yuichi Yokoyama, dessen Arbeit im Kunstmuseum Luzern noch bis Juni zu sehen...Illustration: Yuichi Yokoyama

Yokoyamas Geschichten konzentrieren sich ganz auf die Abbildung von Dynamik. Und obwohl die Zeichnungen auf den ersten Blick keinerlei Texte aufweisen, sind sie keineswegs stumm. Denn in wahrlich meisterhafter Virtuosität fügt Yokoyama Soundwörter ein, die sich in einer solchen grafischen Raffinesse nur aus japanischen Schriftzeichen ableiten lassen.

Höhepunkt der Präsentationen im Kunstmuseum ist der Schotte David Shrigley, der über das von ihm gestaltete Festival-Plakat in der ganzen Stadt präsent war. Seine – von ihm selbst so titulierten – Kritzeleien, die ganze Museumswände ausfüllen, sind die wohl verstörendsten und gleichzeitig faszinierendsten Exponate des Festivals. Shrigley geht es in seinen bewusst minimalistisch hingeworfenen Zeichnungen, die an Schmierereien auf öffentlichen Toiletten erinnern, ganz um die Konzentration auf den Inhalt, um seinen mal ironisch filigranen, noch öfter aber höchst derben Kommentar zum gesellschaftlichen Wandel. „Das Handwerkliche ist dabei für meine Arbeiten nicht relevant“, sagt er ganz offen. Interessanterweise setzt sich der erklärte Nicht-Comic-Künstler Shrigley mit diesem Ansatz, der ganz offen auch auf die Einbindung von Textfragmenten in seinem Werk setzt, in eine viel größere Nähe zur Kunstform Comic, als es viele ausgewiesene Vertreter der neunten Kunst in Luzern taten.

Auch Comic-Erzähler wie Blutch reizen die Möglichkeiten der Malerei

Denn selbst ein großer Comic-Erzähler wie der Franzose Blutch präsentierte sich mit Zeichnungen, die den Übergang zur Malerei suchen. Auf dem Festival erläuterte der Zeichner, der dieses Jahr als „Artist in Residence“ eine herausgehobene Rolle einnahm, was Comic-Zeichner an Einzelillustrationen so reizt: „Nicht selten zeichne ich eine ganze Comic-Geschichte, nur um eine bestimmte Szene umsetzen zu können.“ In den Illustrationen könne er sich dagegen ganz auf die „Höhepunkte“ des zeichnerischen Schaffens konzentrieren. Hier fokussiert sich alles auf den Moment, was freilich nicht ausschließt, dass diese einzelnen Szenen eine Kollage mit narrativen Elementen ergeben. Aber auch auf das eigentliche Comic-Werk von Blutch konnte und wollte man nicht verzichten. Zu sehen waren einige wenige Originale seiner Serie „Der kleine Christian“, die zum Festival bei Reprodukt erstmals auf Deutsch aufgelegt wurde. Die mit viel Schwung umgesetzten Jugenderinnerungen sind in ihrem Variantenreichtum des sich immer wieder verändernden Zeichenstrichs beredter Ausdruck der künstlerischen Experimentierfreude von Blutch.

Davon hätte man gern noch mehr gesehen. Wie auch für praktisch alle weiteren Ausstellungen galt, dass sie nur äußerst knappe Schlaglichter auf die Werke der vertretenen Künstler warfen. Retrospektive Ansätze fehlten dieses Jahr beinahe völlig und wurden schmerzlich vermisst.

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