Gastbeitrag : Stumme Geister

Die Zeichnerin Moki schuf mit ihrem Comic "Wandering Ghost" eine surreale Erzählung ohne Worte - gleichermaßen bedrohlich wie versöhnlich.

Frank Wochatz
Drohung aus dem Dunkel. Eine Seite aus dem besprochenen Band
Drohung aus dem Dunkel. Eine Seite aus dem besprochenen BandFoto: promo

Comics ohne Text sind vielleicht die schwierigste Form des grafischen Erzählens. Hier gibt es keine Erklärungen, keine sprachlich ausformulierte Einleitung oder Hintergrundgeschichte, keine Dialoge – alleine die Aussagekraft der Bildsequenzen zählt. Im günstigsten Fall schafft es der Künstler, den Betracher mit den Abbildungen mehr zu vermitteln als mit Worten möglich wäre, so wie beispielsweise in Shaun Tans "The Arrival" ("Ein neues Land"), Eric Drookers "Blood Song: A Silent Ballad" oder eben in dem vorliegenden Band "Wandering Ghost" von Moki.

Man treibt mit seinem Geist gleichermaßen wie die Hauptfigur durch die Geschichte, blättert vor und zurück und ist gefangen von der wohltuenden Seltsamkeit der Figuren und der Geschehnisse. "Wandering Ghost" ist mal traurig, mal bedrohlich, mal versöhnlich und oft irritierend. Rational ist die Geschichte dabei nicht ganz zu fassen, mit konventionellem Storytelling hat "Wandering Ghost" nicht viel zu tun. Vielmehr wirkt der Comic surreal, fast wie eine Traumsequenz. Das lässt viel Spielraum für eigene Interpretationen. Es ist ein Comic, auf den man sich einlassen sollte und der eine Weile beschäftigt. Daher möchte ich den Inhalt hier nicht wiedergeben oder zusammen fassen, und empfehle auch jeden, vorab nicht zu viel über die Geschichte selbst zu lesen, am besten nicht mal den offiziellen Ankündigungstext des Bandes. Denn interessanterweise kamen in meinem Umfeld mehrere Leser zu einer völlig eigenen Interpretation der Geschichte.

Das ist sicher auch ein Stückweit die Magie dieses Werkes. Der möchte ich hier nicht vorgreifen.

Seelenwanderung? Das Cover des Bandes
Seelenwanderung? Das Cover des BandesFoto: promo

Gezeichnet wurde das Buch in schwarz/weiß und setzt auf harte Kontrast ohne Grautöne. Dem Buch liegt dazu noch ein 14-seitiges Heft mit sehr schönen, teilweise doppelseitigen kolorierten Illustrationen bei. Als interessante Besonderheiten der Zeichnungen sei hier genannt, dass zum einen die Figuren mehrfach innerhalb des gleichen Panels dargestellt werden bzw. sich kurze Handlungssequenzen innerhalb eines Panels abspielen. Damit werden sehr geschickt einzelne Abläufe kompakt wiedergegeben. Zum anderen wurden in der kolorierten Heftbeilage Holzmaserungen als Hintergrund verwendet. Fast wirkt es, als hätte man ein Heft aus Furnier mit aufgedruckten Zeichnungen in der Hand. Die unterstreicht noch mal das Artwork und die vertraute Fremdartigkeit. 

Über die Autorin ist in der Comicszene noch nicht viel bekannt. Einige Ihrer Zeichnungen finden sich in Comicanthologien, sowie ihr Artbook "How to Dissappear" (Gringko Press, 2010) wären hier zu nennen. Weitere Informationen über Moki gibt es auf Ihrer Hompage.

Moki, Wandering Ghost, Reprodukt, 88 Seiten, 16 Euro.

Unser Gastautor Frank Wochatz ist Geschäftsführer des auf anspruchsvolle grafische Literatur spezialisierten Comic-FachgeschäftsComics und Graphics, Prenzlauer Allee 46 (Berlin-Prenzlauer Berg). Die Website lautet www.bluetoons.de, außerdem gibt es hier seit kurzem auch einen sehr lesenswerten Comic-Blog.

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