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Geschichte im Comic : Gesichter des Todes

20.12.2010 11:05 Uhrvon
Strudel der Gewalt: Eine Seite aus dem besprochenen Band.Bild vergrößern
Strudel der Gewalt: Eine Seite aus dem besprochenen Band. - Illustration: Tardi/Edition Moderne

Jacques Tardi und Jean-Pierre Verney vollenden mit „1916-1917-1918“ ihre Erzählung „Elender Krieg“ - ein zweibändiges Werk über den Ersten Weltkrieg, das als Geschichtsbuch bewegt und als Mahnmal erschüttert.

Mit jedem Jahr im Schützengraben verliert die Welt mehr von ihrer Farbe. Die rosa Gesichter werden weiß, die grünen Bäume schwarz und die himmelblauen Uniformen der Franzosen grau wie die der Deutschen. Am Ende vermag nur noch das rote Blut den trüben Matsch zu färben, in dem der Comiczeichner Jacques Tardi Europa und alle Hoffnung versinken lässt.

In seinen Erinnerungen an Vietnam schrieb der Journalist Michael Herr 1977 von der grundsätzlichen Unmöglichkeit, Anti-Kriegsgeschichten zu erzählen. Immer schwinge in ihnen, bewusst oder unbewusst, der Glamour des Abenteuers mit. Eine These, die nicht jeder Grundlage entbehrt, wenn man sich vor Augen hält, dass das US-Militär selbst den Film „Apocalypse Now“, der teilweise auf Herrs Reportagen basiert, zum Anstacheln einzusetzen wusste.

Trotzdem stimmt sie nicht. Es geht sehr wohl, wie der Tardi und der Historiker Jean-Pierre Verney mit „Elender Krieg“ beweisen.

Mit „1917-1918-1919“ erscheint jetzt der zweite und abschließende Band, der die Geschehnisse vom Eingreifen der Amerikaner bis Ende des ersten Weltkriegs beschreibt und jeglichen Anflug von Heldengeschichte dadurch begräbt, dass er sich nicht nur auf das Leid, sondern vor allem auf die Willkür des Kriegs konzentriert.

Wie im ersten Teil haben wir es weniger mit einer Erzählung als mit einer Art von Fotoalbum zu tun. Es gibt keine Dialoge in diesem Buch, keine überraschenden Wendungen, keine Nebenstränge, keine Geschichte außer der Chronologie der Ereignisse und der sich steigernden Verbitterung des Erzählers angesichts all der Erschossenen, Vergasten, Überrollten und Verhungernden, die Heiligabend das Feuer einstellen, um sich mit Tabak und Konserven zu beschenken und danach wieder zu massakrieren.

Fratzen ohne Augen oder Nasen

Die Sprache, der sich die Autoren bedienen, ist dabei durchaus poetisch und bilderreich. Trotzdem verklärt sie nicht, sondern erzeugt einen Rhythmus, der einen in den Strudel der Gewalt hineinreißt und nicht loslässt. „Aber er wurde nicht ohnmächtig. Er lebte immer noch und krümmte sich an seinem Haken“, schreibt Tardi über den Soldaten Collin. Der ging in einem früheren Leben gerne Angeln, und weil er einen gedankenversunkenen Moment auf die aus den Leichen krabbelnden potentiellen Köder starrte, blutet er jetzt in einem schwankenden Krankentransporter selbst aus wie ein aufgespießtes Tier.

Welche unvorstellbare Masse an Menschen in dem Krieg ihr Leben ließen, und wie egal es militärisches Logik ist, ob der Angler Collin jemals wieder seinem Hobby nachgehen kann, fängt Tardi auch in seinen Bildern auf. Manchmal zeichnet er, der das Thema bereits 2002 in seinem Buch „Grabenkrieg“ bearbeitete, über Seiten nur skizzenhafte Gesichter, technisches Gerät aber in Präzision. Und die Gesichter, die er am Ende in Großaufnahme zeigt, sind die der Verstümmelten: Fratzen ohne Augen, Nasen oder Unterkiefer.

Meisterhaft ist, wie es den Autoren gelingt, trotz solch drastischer Bilder, die Erschütterung niemals in den Wunsch nach Verdrängen umschlagen zu lassen sondern Mitgefühl hervorzurufen. Das in diesem Sinne eindrucksvollste Kapitel ist das letzte. Es besteht nur aus Einzelbildern mit jeweils drei, vier Sätzen, die aber ganze Schicksale umreißen: die flüchtende Waise, die Bruder und Schwester mit der Schubkarre nach Paris bringt, um dann von Artilleriefeuer aus 100 Kilometer Entfernung zerfetzt zu werden, der Bauer, der vor dem Erschießungskommando landet, weil er zu nah an der Front aufgegriffen wurde, die Kinder, die in die Kohleminen getrieben werden, damit die Hochöfen weiter brennen können. Szenen, die sich ins Gedächtnis brennen und ein Werk beschließen, das nicht nur als Mahnmal sondern dank des üppigen Anhangs auch als Geschichtsbuch bestehen kann.

Jacques Tardi & Jean-Pierre Verney „Elender Krieg - Band 1: 1914 – 1915 – 1916“ & „Band 2: 1917- 1918-1919“, Edition Moderne, je 72 Seiten, je 19,80 Euro. Zur Verlags-Website geht es hier. Eine ausführliche Rezension zum ersten Band der Reihe und zu einem anderen Comic zum Ersten Weltkrieg finden Sie unter diesem Link.

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