Geschichtscomics : Elitekrieger und philosophierende Hunde

Die Stars der französischen Comicszene würdigen in ihren Comicserien „Sokrates der Halbhund“ und „Das römische Imperium“ die Antike auf sehr unterschiedliche Weise.

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Fabulierfreudig: Eine Seite aus „Sokrates der Halbhund“.
Fabulierfreudig: Eine Seite aus „Sokrates der Halbhund“.Foto: Reprodukt

Die Antike scheint derzeit im Comic hoch im Kurs zu stehen. Zumindest greifen immer mehr franko-belgische Comicautoren die Epoche als Hintergrund für jeweiligen Szenarien auf. Zuletzt erschien ja mit Blutch‘ energiegeladenen Geschichtsdrama „Peplum“ (avant-verlag) eine Graphic Novel über Gewalt und Macht im antiken Rom. Nun haben sich weitere Stars der franko-belgischen Comicszene vereint, um ihre Geschichten ebenfalls in dieser vergangenen Epoche anzusiedeln.

Für das Imperium zu kämpfen und zu sterben, war das höchste für einen römischen Legionär. Zumindest wird das aus Merwan und Bastien Vivès‘ Auftaktband „Für das Imperium 1: Ehre“ ersichtlich. Darin erscheint das römische Imperium auf dem Gipfel seiner Macht. Hauptmann Glorim Cortis bricht mit seiner unbezwingbaren Elitetruppe auf, um die entlegenen Grenzen des Imperiums zu überschreiten und in neue Regionen vorzudringen.

Ruhm und Ehre

Die Verhaltensnormen „Ruhm“ und „Ehre“ erweisen sich in „Für das Imperium“ als unabdingbare Triebfedern für die Elite-Soldaten. Lediglich aussichtslose Situationen oder existenzielle Gefahren bringen die Verhaltensnormen ins Wanken. Ungewöhnlich an der Erzählung ist zunächst, dass sich die beiden Autoren die Arbeit am Szenario und an den Zeichnungen geteilt haben. Darüber hinaus bietet der Auftaktband neben einer fesselnden Erzählung eine authentische Darstellung der römischen Soldaten.

Sogwirkung: Neben der Geschichte fasziniert bei „Für das Imperium“ auch die Kolorierung.
Sogwirkung: Neben der Geschichte fasziniert bei „Für das Imperium“ auch die Kolorierung.Foto: Reprodukt

Die Zeichnungen sind durch eine reduzierte und persönliche Strichführung gekennzeichnet. Merkwürdig erscheint jedoch das Weglassen von Augen bei vielen Figuren. Hier stellt sich die Frage, ob die beiden Zeichner schlichtweg zu faul gewesen sind oder unter Termindruck gelitten hatten.

Über die durchschnittlichen Maße erhebt sich die Kolorierung von Sandra Desmasières. Ihre Farben weisen feine Nuancen auf, überlagern sich und schimmern leuchtend hervor. Die Farbtöne üben eine starke Sogwirkung aus, wodurch sie den Leser zur Kontemplation einlädt.

Halb Hund, halb Philosoph

In „Sokrates der Halbhund 1: Herakles“ (dieser Tage erscheint der zweite Band der Reihe) steht weniger der Dienst für ein Großreich im Mittelpunkt. Trotzdem erweisen sich auch hier „Ruhm“ und „Ehre“ als handlungsstrukturierende Normen. Joann Sfar und Christophe Blain stellen den Sokrates – halb Hund, halb Philosoph – neben Herakles. Als sprechender Halbhund, kommentiert der treu ergebene Sokrates die glorreichen Taten seines Herrn, der sich in Kämpfen mit unbezwingbaren Monstern genauso profiliert wie in immer neuen Abenteuern mit dem anderen Geschlecht.

Wie gewohnt strotzt die Erzählung von der Fabulierfreude Sfars. Jedoch wiederholt sich der Autor, wodurch sich beim Leser ein Gefühl des Sich-im-Kreis-Drehens einstellt. Die Dialoge sind rar, der Schwerpunkt liegt unglücklicherweise im Erzähltext, der Sokrates' Gedanken spiegelt, die leider keine Philosophie bieten. Die Idee des Halbhundes wurde deshalb nicht richtig ausgeschöpft. Sokrates entpuppt sich weniger als Philosoph, sondern mehr als distanzierter Beobachter.

Neugierde und enttäuschte Erwartungen

Blain führt einen expressiven und reduzierten Strich. Die flächige Kolorierung ist durch abwechselnd grelle und matte Farben geprägt. Auffallend ist, dass der Zeichner stets sechs quadratische Panels pro Seite verwendet, was für einen rhythmischen Lesefluss sorgt, aber gleichzeitig ebenso die inhaltlichen Wiederholungen verstärkend ergänzt. Hinzu kommen die stellenweise langen Erzählpassagen des Halbhundes, wodurch sich eine gewisse Ermüdung einstellt.

Während „Für das Imperium“ eine interessante Erzählung mit kunstvollem Artwork verbindet, wodurch ein guter Auftaktband entstanden ist, der die Neugier auf die Fortsetzung geweckt hat, kann „Sokrates der Halbhund“ aufgrund des nicht ausgeschöpften Potentials und unnötig wiederkehrenden Szenen noch nicht die an Sfar und Blain geknüpften Erwartungen erfüllen. In beiden Fällen wird sich in den in Kürze erscheinenden Fortsetzungsbänden zeigen, was die Franzosen der Antike abgewinnen können.

Merwan und Bastien Vivès (beide Text und Zeichnungen): Für das Imperium 1: „Ehre“. Reprodukt, 56 Seiten. 12 Euro. Leseprobe auf der Verlags-Website unter diesem Link.

Joann Sfar (Text) und Christophe Blain (Zeichnungen): Sokrates der Halbhund 1: „Herakles“. Reprodukt, 48 Seiten. 12 Euro. Leseprobe auf der Verlags-Website unter diesem Link.

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