Gezeichnete Reisereportagen : Havanna schlägt Tokio

Sieht so aus, also ob Kuba gerade das neue Japan wird. Castros Inselrepublik scheint sich zum Liebling der Comic-Szene zu entwickeln.

Lars von Törne
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Comicreporter. Selbstporträt von Reinhard Kleist bei der Recherche in Havanna.Illustration: Kleist

Gleich vier Zeichner haben sich in diesem Jahr aus Berlin auf die Reise gemacht, um sich das Land der gealterten Revolutionäre aus der Nähe anzugucken und in Comic-Reisereportagen davon zu berichten. Mit beeindruckenden Ergebnissen.

Reinhard Kleist ( "Cash - I see a darkness") zeigt mit seinem "Havanna"-Band ein weiteres Mal, dass er nicht nur ein großartiger und enorm produktiver Zeichner ist, sondern auch ein feines Gespür für Geschichten und Stimmungen hat. Seine Skizzen, die in Pastelltönen getuschten Stadtansichten und die in kurzen Comic-Episoden verarbeiteten Begegnungen mit Kuba und seinen Bewohnern fangen die manchmal verwirrende Widersprüchlichkeit Kubas sensibel ein. Sein Strich ist dynamisch, seine Beobachtungsgabe für kleine aber bedeutsame Szenen bemerkenswert.

Die Grenzen der Freiheit

Wenn Kleist Begegnungen auf der Straße schildert, die von der allgegenwärtigen und allmächtigen Polizei unterbunden werden, bekommt man eine Ahnung von den Grenzen der Freiheit in diesem Land. Immer wieder lässt er Kubaner zu Wort kommen, die von ihren Hoffnungen, ihren Alltagsfreuden, aber auch ihren Beschränkungen oder dem massiven politischen Konformitätsdruck erzählen. Wenn er Gespräche mit Zufallsbekanntschaften über die politische Lage, die wirtschaftliche Not wiedergibt, aber auch über die Vorzüge des sozialen Systems, der Gesundheitsversorgung und der Alphabetisierung, bekommt der Leser eine Ahnung von den widerstreitenden Kräften, die dieses Land ausmachen.

Nur selten lässt Kleist seine eigene, skeptische Position durchscheinen, so in den gezeichneten Fantasie-Dialogen zwischen ihm und den allgegenwärtigen Castro-Porträts an den Häuserwänden. Vor allem aber sind Kleists Bilder von maroden Fassaden, alten Straßenkreuzern und ausdrucksstarken Gesichtern wunderschön anzusehen.

Eine Wundertüte voller Strips und Texte

Einen gänzlich anderen Zugang zu Kuba haben die drei Berliner Zeichner Titus Ackermann, Thomas Gronle und Jonas Greulich gewählt. Die Comic-Veteranen, die unter dem Namen Moga Mobo seit Jahren ein ambitioniertes Comic-Magazin herausgeben und gratis verteilen, sind auf Einladung des Goethe-Institutes nach Kuba geflogen und haben sich in Havanna mit einer Gruppe kubanischer Zeichner zusammengetan.

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Moga Mobo. Berlins wohl polyglotteste Zeichnergruppe: Titus Ackermann, Thomas Gronle und Jonas Greulich (von links).Foto: Doris Spiekermann-Klaas


Das dabei entstandene Heft „Aventuras en Cuba“ ist eine eklektische, an eine Wundertüte erinnernde Mischung aus kurzen Strips und Texten, die so vielfältig sind wie die Impressionen, die man in Kuba offenbar sammeln kann. Es gibt locker erzählte Episoden über fröhliche Abende und durchfeierte Nächte entlang der Küstenpromenade Malecon, die an Klassenfahrten erinnern. Aber es gibt auch manch ernsthafte Auseinandersetzung mit der politischen Lage und der Situation der Kubaner. So wird in den Strips darüber sinniert, ob sich durch den Machtwechsel von Fidel zu seinem Bruder Raul Castro etwas ändert. Und man bekommt die 500-jährige Kolonial- und Befreiungskampfgeschichte Kubas kurzweilig auf vier Seiten vorgeführt. Kleine Episoden erzählen von der wirtschaftlichen Not und vom Erfindungsreichtum der Menschen, es geht um Fluchtdramen und Polizeiwillkür, Medienzensur und nebenbei auch um die (spärliche) Geschichte des kubanischen Comics.


Reinhard Kleist: Havanna, 80 Seiten, Carlsen-Verlag, 19,90 Euro. Mehr unter http://www.reinhard-kleist.de/

Moga Mobo: Aventura en Cuba, 64 Seiten, Nachbestellungen (2,50 Euro) über http://mogamobo.wordpress.com/

Hinweis: Die Verlosung der Buchpakete ist beendet. Die Gewinner: Jürgen Verhoeven, Peter Pieroth, Hanna Storch.

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