Graphic Novel : Alltag unter Artilleriebeschuss

Zeina Abiracheds gezeichnetes Bürgerkriegs-Drama „Spiel der Schwalben“ setzt neue Maßstäbe in Sachen autobiografische Comics.

Thomas Greven
Letzter Rückzugsraum: Eine Seite aus dem Buch.
Letzter Rückzugsraum: Eine Seite aus dem Buch.Foto: Avant

 „Die Hölle, das sind immer die anderen“, so lautete die Quintessenz von Jean-Paul Sartres „Geschlossene Gesellschaft“. Nicht so in Zeina Abiracheds „Spiel der Schwalben“, wo der immer enger werdende Rückzugsraum einer kleinen Gruppe von sehr unterschiedlichen Menschen nicht zu Klaustrophobie, gegenseitigem Misstrauen, Intrigen und Hass führt, sondern zu Mitmenschlichkeit und Solidarität. Die Hölle, der Bürgerkrieg im Libanon Mitte der 1980er Jahre, ist als Rahmenbedingung und Bedrohung stets präsent, soll aber draußen bleiben, die Beziehungen der Menschen nicht infizieren.

Die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Gruppierungen von maronitischen Christen, Muslimen und der PLO im Beirut von 1984 kommen in der autobiographischen Erzählung als politisches Ereignis nicht vor. Ebenso wenig die diversen ausländischen Interventionen, zum Beispiel Israels, wie in dem teilanimierten Film und der darauf basierenden Graphic Novel „Waltz with Bashir“ thematisiert. Die Kämpfe werden nicht erklärt oder aus einer bestimmten Position heraus verurteilt oder verteidigt, sondern sind der tragische Rahmen für ein bewegendes Kammerspiel.

Für das in jüngerer Zeit arg strapazierte Genre des autobiografischen Comics setzt Zeina Abirached neue Maßstäbe. Nicht ihre eigenen Befindlichkeiten stehen im Mittelpunkt, obwohl für das kleine Mädchen, das sie 1984 war, die Möglichkeit einer persönlichen Katastrophe stets präsent ist und die Erzählung prägt, sondern die Geschichten und Tragödien ihrer Nachbarn, ihre Migrationsträume und Heimatgefühle –  „Sterben, Wegziehen, Wiederkehren, das ist das Spiel der Schwalben“, so ein Graffito in Beirut.

Auf engem Raum: Das Titelbild des besprochenen Buches.
Auf engem Raum: Das Titelbild des besprochenen Buches.Foto: Avant

Alle sind sie in der winzigen Diele von Zeinas elterlicher Wohnung versammelt, nahe der Demarkationslinie, ein letzter Rückzugsraum unter ständigem Artilleriebeschuss. Die Anwesenden nehmen verschiedene Rollen ein, als Versorgerin, Unterhalter, Intellektueller. Sie gehören verschiedenen Klassen und Schichten an und leben einen absurden Alltag, eine Normalität im Unnormalen, während sie auf Zeinas Eltern warten, die bei den Großeltern feststecken.

Die Religion der Protagonisten wird nicht thematisiert, aber wir sehen einen Wandteppich, der den Auszug aus Ägypten zeigt, Kreuze, und Alkohol und wissen also, dass zumindest Zeinas Familie zu den maronitischen Christen gehört.

Auch grafisch setzt der Band der heute in Frankreich lebenden Künstlerin Maßstäbe. Einerseits erinnert er an die textlosen Holzschnitt-Erzählfolgen von Frans Masereel, insbesondere an den Zyklus „Die Stadt“ von 1925, der urbane Räume teilweise ähnlich bedrohlich zeigt. Andererseits erweitert Abirachad diesen Ansatz um eine an Manga erinnernde Kleinteiligkeit und eine minimalistische Symbolik – zum Beispiel im Wechselspiel von Warten, Rauchen, Warten. Unbedingt empfehlenswert!

Zeina Abirached: Das SPiel der Schwalben, Avant, 182 Seiten, 19,95 Euro.

Unser Gastautor Dr. Thomas Greven ist Senior Research Fellow am Institut für Internationale Politik, Berlin, und Privatdozent am John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin. Mehr Texte von ihm zu politischen und sozialen Themen im Comic finden sich unter diesem Link. 

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