Graphic Novel : Aus der Tiefe des Lebens

Federleicht und tiefgründig, umwerfend komisch und anrührend zugleich: Manu Larcentes Alltagserkundungen unter dem Titel „Der alltägliche Kampf“ liegen nun in einer Gesamtausgabe vor.

Thomas Hummitzsch
Wofür leben wir? Eine Seite aus dem Band.
Wofür leben wir? Eine Seite aus dem Band.Foto: Reprodukt

Marco ist Kriegsfotograf, doch eines Tages hat er keine Lust mehr, für das Sensationsfoto stundenlang auf der Lauer zu liegen, während ihm die Kugeln um die Ohren zischen und Rebellen ihre Kämpfe mit Regierungstruppen austragen. Er steigt aus, zieht sich zurück und mit Sack und Pack aufs Land. Dort versucht er, sein Leben neu zu ordnen. Dabei stellt er fest, dass das ganz normale Leben mehr Abenteuer bereithält, als jede Reise an einen Konfliktherd. Er lernt, dass er den Kämpfen nicht aus dem Weg gehen kann, sondern dass sich nur ihr Charakter verändert.

Marco ist zugleich der Erzähler und wichtigste Protagonist in Manu Larcenets vierbändiger Erzählung „Der alltägliche Kampf“, die nun in einer prächtigen Gesamtausgabe vorliegt. Nachdem vor drei Jahren die vier Einzelbände bereits in einem Schuber gesammelt herausgegeben wurden, sind sie nun bei Reprodukt in einem broschierten Album vereint. Dafür wurden die Albumseiten in einem etwas kleineren Format übernommen, die einzelnen Alben heißen nun Kapitel. Ansonsten ist alles gleich. Und dennoch ist dieses Werk zu loben, einmal mehr in höchsten Tönen, da es zu den Werken Manu Larcenets kaum etwas Vergleichbares auf dem europäischen Comicmarkt.

Unheroische Helden

Keiner erzählt so federleicht und tiefgründig wie der preisgekrönte Franzose. Niemandem gelingen derart komische und zugleich anrührende Zeichnungen. Kaum einer versteht den Einsatz von Wort und Bild zu einem solch lebendigen Erzählrhythmus zu verdichten. Nur wenige erfinden derart authentische Figuren, so dass sich jeder Leser in ihnen wieder findet. Unerreicht auch Larcenets Fähigkeiten in der Königsdisziplin des Comic, Emotionen und Seelenzustände auf Papier zu bringen. Bei größtmöglicher zeichnerischer Distanzierung von der Realität durch seinen naiven Strich könnte der Realitätsbezug seiner Charaktere größer nicht sein. Er entbindet sie von ihrer Heldenrolle, indem er ihr Dasein ganz unheldenhaft und unter den Vorzeichen der Unbilden des Alltags inszeniert – ganz egal, ob es sich dabei um Robin Hood, Sigmund Freud, Vincent van Gogh, Attila den Hunnen (allesamt in den wundersamen Abenteuern, von denen in Frankreich bereits fünf, in Deutschland bislang drei Bände vorliegen, mehr dazu hier) oder Manu bzw. Marco handelt.

Unspektakuläre Dramen: Eine Seite aus dem Buch.
Unspektakuläre Dramen: Eine Seite aus dem Buch.Foto: Reprodukt

Im Mittelpunkt von „Der alltägliche Kampf“ stehen Marco und die Herausforderungen, vor die ihm der Alltag stellt. Larcenets Charaktere würden seine Leser nicht so sehr berühren, wären sie ihnen nicht so ähnlich – und so sind Marcos Alltagsprobleme die des typischen Mittelschichtseuropäers zwischen Mitte zwanzig und Ende dreißig. Beruflich will er sich in einer Schaffenskrise neu orientieren. Dabei muss er sich damit abfinden, dass in seiner Branche das Spektakel (des Krieges) mehr zählt als die die Menschen umgebende Normalität (hier: des Zusammenbruchs der Arbeitsverhältnisse unter den Vorzeichen der Globalisierung). Seine Schaffenskrise ist auch Ausdruck eines Werteverfalls in seinem Metier, mit dem er sich auseinandersetzen muss. Die Wirklichkeit der Moderne dringt über den langsamen Niedergang der heimatlichen Werft, deren letztes Aufbäumen er als Fotograf begleitet, in sein Leben ein. Die Begleitmusik dafür spielt die französische Schockwahl 2002, als der rechtsextreme Präsidentschaftskandidat Jean-Marie Le Pen den ersten Wahlgang gegen den Sozialisten Lionel Jospin gewann und erst in der Stichwahl gegen Jacques Chirac unterlag.

Vom Single zum Familienvater

Familiär erlebt er das Altern und Sterben der eigenen Eltern. Im ersten Kapitel gesteht ihm der Vater, dass er an Alzheimer erkrankt ist, am Ende des zweiten Kapitels bringt sich dieser um, im dritten und vierten Kapitel taucht der Vater als Identitätslücke und Aufarbeitungsobjekt auf. Bei der Bewältigung der Vergangenheit steht Marco ein Psychotherapeut immer mal wieder zur Seite, seine Angstattacken bekommt er mit dessen Hilfe jedoch nicht nachhaltig in den Griff. Persönlich macht Marco im Laufe der vier Kapitel die Entwicklung vom Single zum Familienvater durch – mit allen Höhen und Tiefen. Er lernt eine Frau kennen, zieht nach langem Zögern mit ihr zusammen und sie will – wie sollte es anders sein – irgendwann ein Kind (was beide nach noch längerem Zögern gemeinsam bekommen werden). Jeder Schritt aus der jugendlichen Unbeschwertheit, die er immer wieder mit seinem Freund George intensiv mit Joints und Alkohol zelebriert, fällt ihm schwer. Und zugleich gewinnt er mit jedem bewusst gefassten Entschluss Selbstbewusstsein und Sicherheit. Marcos Geschichte ist auch die Geschichte eines jungen Mannes, der begreift, dass man in seinem Leben Entscheidungen treffen, sein Leben in die Hand nehmen muss, um es mit Gewinn zu leben.

Helden wie wir: Das Cover des Sammelbandes.
Helden wie wir: Das Cover des Sammelbandes.Foto: Reprodukt

Einzelne Anekdoten, insbesondere die des werdenden und seienden Vaters Marco, erinnern nicht zufällig an Episoden aus seiner ebenso lesenswerten Serie „Rückkehr aufs Land“, deren zweiter Teil im Herbst ebenfalls bei Reprodukt erschienen ist. Noch unmissverständlicher als im „Alltäglichen Kampf“ verarbeitet Larcenet hier sein eigenes Erleben als Zeichner und werdender Familienvater, indem er höchst amüsant und lebensnah die kleinen und großen Abenteuer von Manu und Mariette erzählt, die von Paris aufs Land ziehen und dort ihre Familie gründen. Zugleich finden sich in beiden Alben skurrile Charaktere, die von außen immer wieder in das Leben des Erzählers eindringen und diesen mit verwirrenden Perspektiven konfrontieren.

Larcenets Erzählungen sind tragikomische Ausflüge in die Tiefe des Lebens. Wofür leben wir? Was wollen wir? Und welchen Preis sind wir zu zahlen bereit? Diese Frage seien nur stellvertretend genannt für all jene großen Fragen, die hinter jedem einzelnen Panel aus der Feder von Manu Larcenets Erzählungen stehen, ohne zu moralisieren. Seine liebevollen Zeichnungen und lebensnahen Geschichten ziehen den geübten wie auch den ungeübten Comicleser nicht nur in ihren Bann, sie rühren ihn ans Herz. Denn mit Larcenets Anti-Helden ist nicht nur jeder von uns gemeint. Wir sind es!

Manu Larcenet: Der Alltägliche Kampf. Aus dem Französischen von Barbara Hartmann und Kai Wilkens, Handlettering von Dirk Rehm, Reprodukt, 242 Seiten, 29 Euro, Leseprobe hier.

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