Graphic Novel : Die Farben des Lebens

Der italienische Zeichner Manuele Fior wurde mit seiner Erzählung „Fünftausend Kilometer in der Sekunde“ für den diesjährigen Max-und-Moritz-Preis nominiert. Seine Karriere begann vor zehn Jahren in Berlin.

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Verhinderte Liebesgeschichte: Eine Szene aus dem besprochenen Band.
Verhinderte Liebesgeschichte: Eine Szene aus dem besprochenen Band.Foto: avant

Für Manuele Fior begann alles in Berlin, wo er 2002 als Architekt arbeitete. Eine gemeinsame Bekannte fragte den Berliner Comicverleger Johann Ulrich bei einem Essen, ob er nicht einen Blick auf Manueles Arbeiten werfen wolle. Die Entwürfe gefielen Ulrich so gut, dass er den jungen Fior nach einem Beitrag für die anstehende Ausgabe seines Magazins Plaque fragte. Die Comic-Kunst italienischer Autoren war ohnehin als Themenschwerpunkt geplant gewesen. Manuele Fior nutzte die Gelegenheit, dort seine Kurzgeschichte Giorgio zu veröffentlichen. Das war der Anfang einer engen Zusammenarbeit: Der Gründer des avant-Verlags ermutigte seinen neuen Autoren dazu, ein eigenes Album in Angriff zu nehmen. So entstand der Erstling Menschen am Sonntag, die „Geschichte einer typischen Gruppe von Italienern im Ausland – mit einigen autobiografischen Zügen“.

Im vergangenen Jahr erhielt Manuele Fiors jüngster Band Fünftausend Kilometer in der Sekunde auf dem wichtigsten europäischen Comic-Festival im französischen Angoulême den Preis für das beste Comic-Album, und kürzlich wurde die deutsche Übertragung auch für die wichtigste deutsche Auszeichnung nominiert, den Max-und-Moritz-Preis. Wie in seinem Debütalbum geht es auch in dieser Erzählung um richtungsweisende Lebensentscheidungen. In Menschen am Sonntag zaudert der Protagonist Fausto, Berlin zu verlassen, weil die Liebesgeschichte mit seiner Ex-Freundin wieder auflebt. Die Bilder spiegeln die unsichere Lage des jungen Helden wider: Das chaotische Geflecht der schwarzweißen Kontraste in der Metropole löst sich erst in der gemeinsamen Liebesnacht zu einem klaren Linienspiel auf. Die Funktion, die dort die Schwarzweiß-Kontraste erfüllen, sollten in den nächsten Bänden die Farben übernehmen. Nicht zuletzt für seine Farbdramaturgie erhielt Manuele Fior in Angoulême den Ritterschlag.

In den Aquarellzeichnungen seiner beiden jüngsten Alben beweist er ein einzigartiges Gespür für den visuellen Charakter von Momenten und Situationen. Fünftausend Kilometer in der Sekunde erzählt eine verhinderte Liebesgeschichte im Zeitraffer. Die zwei jugendlichen Freunde Piero und Nicola sehen, wie die hübsche Lucia in ihre Nachbarschaft zieht. Piero fängt sogleich Feuer, was die Freundschaft mehr belastet als die räumliche Trennung, die sich nach dem Schulabschluss der beiden anbahnt. Nachdem die drei eine kurze Zeit miteinander verbracht haben, studiert Lucia in Norwegen, Piero stellt in Ägypten archäologische Grabungen an und Nicola führt in Italien das Geschäft seines Vaters weiter. Die Episoden werfen ein Schlaglicht auf ihre jeweilige Lebensetappe.

Am Anfang verleihen flirrendes Gelb und Grün der Lebensfreude und Zukunftshoffnung Ausdruck. Die Farben überlagern den Gesichtsausdruck, den Fior nur skizzenhaft ausgeführt oder cartoonesk überzeichnet hat. Auf seine eigene Weise folgt er dem Prinzip des französischen Regisseurs Robert Bresson: Er zerlegte in seinen Filmen die Figuren in funktionale Ausschnitte, in Hände oder Beine, damit das Gesicht seine Ausdruckskraft nicht verschleißt und das Publikum es nur in bedeutenden Momenten sieht. Im seinem Comic sind Momente selten, in denen sich die Gesichter zu einem individuellen Ausdruck verdichten. Wenn Lucia schwanger aus dem Fenster schaut, erscheint ihr Gesicht ebenso als weiße Kugel wie ihr Bauch; wenn sich Lucia und Piero nach langer Zeit wiederbegegnen, versinkt ihre Gestalt in einem diffusen Geflecht von dunklen Violetttönen: Die Atmosphäre der Lebenssituation frisst den individuellen Charakter der Figuren auf.

Leuchtende Farben: Das Covermotiv des Buches.
Leuchtende Farben: Das Covermotiv des Buches.Foto: avant

Bereits in seiner Adaption der Schnitzler-Novelle Fräulein Else transportierte Manuele Fior allein durch das Leuchten der Farben und die Linienführung die oberflächliche Eleganz des Handlungsortes, ohne dass zusätzliche dekorative Elemente dafür hätten sorgen müssen. In beiden Comics kommt es ihm nicht auf die Narration an. Den Elementen, die für uns eine Geschichte ausmachen, widmet er nicht mehr Aufmerksamkeit als unbedingt nötig. Der innere Konflikt der Else spielt sich bei ihm ab, indem ihr Gesicht zur angsterfüllten Maske mit blutunterlaufenen Augen gerinnt. Um die Leser direkt in die Epoche der Wiener Moderne hineinzuversetzen, nahm er sich die Frauenportraits von Egon Schiele zum Vorbild: Schönheit, die bereits krankt.

Manuele Fior scheint inzwischen seine ganz persönliche Ausdrucksweise gefunden zu haben. Dennoch betont er, dass es ihm wichtiger sei, in seine Erzählstoffe hinab zu tauchen: „Ich bin nicht daran interessiert, eine Handschrift zu finden, die für den Leser wiederzuerkennen ist. Ich suche nach dem Enthusiasmus, den jedes neue Projekt mit sich bringt. Bestimmte Themen ziehen mich einfach an. Für jedes neue Buch begebe ich mich auf Entdeckungsreise.“

Manuele Fior: Fünftausend Kilometer in der Sekunde, avant, 144 Seiten, 19,95 Euro.

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