Graphic Novel : Die Odyssee des Lyrikers

Der Comic „Chapeau Herr Rimbaud“ erzählt eine mystisch angereicherte Abenteuergeschichte und bietet literarischen Hochgenuss.

Thomas Hummitzsch
Trance, Erotik, Zwischenwelten: Eine Szene aus dem Buch.
Trance, Erotik, Zwischenwelten: Eine Szene aus dem Buch.Foto: Matthes & Seitz

Am Anfang stand Arthur Rimbaud (1854-1891) unter dem Einfluss seiner streng religiösen Mutter, am Ende hielt die fromme Schwester ihre Hand über den krebskranken französischen Lyriker. Zwischen der Obhut durch Mutter und Schwester jedoch lebte Arthur Rimbaud seine Revolution – gegen Religion, Bürgertum und Obrigkeit.

Von seinem Lehrer zur Lektüre kirchen- und regimekritischer Schriften angeregt, sagte sich Rimbaud früh von seinem Elternhaus und seinem kleinbürgerlichen Heimatort Charleville los. Im Alter von 15 Jahren büxt er nach Paris aus, begeistert sich für die republikanische Sache und liest Hugo, Baudelaire und Verlaine. Letzteren trifft er ein Jahr später, als er erneut nach Paris fährt, um dort bei dem Kommunarden und Dichter Paul Verlaine zu bleiben. Im Gepäck hat er sein berühmtestes Werk, das surrealistische Langgedicht „Le Bauteau ivre“ („Das trunkene Schiff“), 1957 von keinem Geringeren als Paul Celan erstmalig ins Deutsche übertragen.

Rimbauds Dichterkarriere währt jedoch nur kurz, seine homosexuelle Liebschaft mit Verlaine hat ihren Teil dazu beigetragen. Die Binse Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel drückt aus, wie wenig belastbar und zugleich wie unverzichtbar diese Verbindung für beide gewesen sein muss. Erst als Verlaine in einem Streit auf Rimbaud schießt, kommt es zum endgültigen Bruch. Rimbaud bringt dies dazu, seine Dichtung zu verwerfen und die Feder zur Seite zu legen.

Reisebericht vom Horn von Afrika

Stattdessen wird er nun zum Weltenbummler, zum Kosmopolit. Hatte es ihn bisher nur nach Belgien und England verschlagen, folgten nun Italien, Java, Ägypten, Zypern und Jemen. Die Fremde tat es dem jungen Rimbaud an. Sie bot ihm den Abstand, den er zu den privaten und politischen Enttäuschungen in der Heimat brauchte.

Durch die Wüsten Äthiopiens und Somalias: Eine Seite aus dem Buch.
Durch die Wüsten Äthiopiens und Somalias: Eine Seite aus dem Buch.Foto: Matthes & Seitz

Für ein französisches Kolonialwarenunternehmen hielt sich Arthur Rimbaud in den 1880er Jahren am Horn von Afrika auf. Von diesem Aufenthaltexistieren wenige Dokumente. Ein Reisebericht in der Korrespondenz des Lyrikers jedoch ist erhalten. Er bildet die Grundlage für den Comic „Chapeau Herr Rimbaud“. Dessen Erscheinen ist aus zwei Gründen spannend. Zum einen ist aus Rimbauds Weltenbummler-Periode bislang wenig bekannt (was sich mit dem Erscheinen seiner vollständigen Korrespondenz bei Matthes & Seitz im kommenden Jahr möglicherweise ändern wird). Und zum anderen weil sich mit Marie Luise Knott eine der renommiertesten deutschen Übersetzerinnen diesem Werk verpflichtet hat.

Wirklich Erhellendes zum Bild Rimbauds als Reisenden kann dieser Comic – dies sei bereits an dieser Stelle gesagt – nicht beitragen. Dies liegt auch daran, dass das Erzähler-Ich nicht Rimbaud selbst ist, sondern der Ex-Kommunarde Jean Roch Folelli, der seine Geschichte einer Expedition mit Arthur Rimbaud erzählt.

Der Ich-Erzähler ist ein entflohener Häftling, der in Frankreich einsaß, weil er den örtlichen Priester erschossen hat, der seinen Vater an die Polizei verraten hatte, weil dieser wiederum den Mörder seines Bruders umgebracht hatte. Um nun nicht der Rache des französischen Staates zum Opfer zu fallen, ist Folelli – der aufgrund seiner Geschichte eine gehörige Portion Atheismus in sich und hier zur Schau trägt – nach Somalia geflohen. Hier trifft er auf Rimbaud und erklärt sich bereit, an einer Odyssee durch die wüsten und kargen Landschaften Ostafrikas teilzunehmen. Der Auftrag an Rimbaud lautet, eine große Waffenlieferung an einen der Stammeshäuptlinge abzuschließen.

Ein so toter wie quicklebendiger Schakal

In klaren Schwarz-Weiß-Zeichnungen erzählt der Comic die Geschichte dieser monatelangen To(rt)ur durch die Wüsten Äthiopiens und Somalias. Eingeflochten werden dabei Raubüberfälle und kriegerische Auseinandersetzungen, quasireligiöse Erweckungserlebnisse in durch Austrocknung und Auszehrung verursachten Trancezuständen, erotische Begegnungen in seltsamen Zwischenwelten mit der biblischen Königin von Saba sowie ein ebenso toter wie quicklebendiger Schakal als dauernder Begleiter.

Um diesen Schakal zu deuten, muss der Leser seinen geographischen Blick weiten und von Äthiopien und Somalia nach Ägypten weiterwandern. Hier liegt der Schlüssel zu diesem Schakal, hinter dem sich der altägyptische Gott Anubis verbirgt, ein Seelenführer in das Land der Toten. Hat man dies erst einmal erkannt, liest man diesen Comic unter anderen Vorzeichen. Der titelführende Hut des Herrn Rimbaud, der ohnehin eine untergeordnete Rolle spielt, gerät in den Hintergrund. Denn im Kern geht es hier um den Ich-Erzähler, dem es wie allen Ich-Erzählern um sich selbst geht, der sich selbst sucht und erst im Tod erkennt.

Expeditionsbericht: Das Cover des Buches.
Expeditionsbericht: Das Cover des Buches.Foto: Matthes & Seitz

Wenngleich sich in den Kapiteln vereinzelte Rimbaud-Zitate finden, ist „Chapeau Herr Rimbaud“ weder eine Art comicaler Schlüsselroman zu Arthur Rimbauds Lebensgeschichte noch gibt uns dieser Comic Auskunft über die ostafrikanischen Verhältnisse zur Zeit Rimbauds. Das Autorenduo Christian Straboni und Laurence Maurel bedienen sich vielmehr dieser historisch-biografisch-literarischen Kulisse, um eine mystisch angereicherte Abenteuergeschichte zu erzählen.

Insofern erinnert der Comic an Hugo Pratts „Corto Maltese“, sowohl was die Instrumentalisierung der Kulisse als auch die zeichnerische Umsetzung angeht, und lässt im Hintergrund die Begeisterung für die ägyptische Götterwelt eines Enki Bilal anklingen, die dieser in seiner Nikopol-Trilogie auf den Höhepunkt geführt hat.

Allerdings: Warum Marie Luise Knott den Reim des Originaltitels „Le Chapeau de Rimbaud“ in der Übersetzung mit „Chapeau, Herr Rimbaud“ einer gefälligeren und auch semantisch korrekteren Übersetzung mit „Rimbauds Hut“ oder „Der Hut des Herrn Rimbaud“ vorgezogen hat, erschließt sich dem Leser nicht. Von diesem Malus abgesehen bietet dieser Comic jedoch literarisch-erzählerischen Hochgenuss.

Laurence Maurel, Christian Straboni: Chapeau, Herr Rimbaud. Aus dem Französischen von Marie Luise Knott, Verlag Matthes & Seitz, 80 Seiten, 19,90 Euro.

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