Graphic Novel : Drei Wege ins Leben

Ein Buch mit Sogwirkung: Die Comic-Erzählung „Oh, diese Mädchen“ von Sophie Michel und Emmanuel Lepage beeindruckt mit fein beobachteten Charakterstudien.

Katja Schmitz-Dräger
Farbe, Licht, Dynamik: Eine Szene aus dem Band.
Farbe, Licht, Dynamik: Eine Szene aus dem Band.

Der Plot springt einen auf den ersten Blick nicht gerade an: „Oh, diese Mädchen“ von Sophie Michel und Emmanuel Lepage begleitet drei Freundinnen von ihrer Geburt bis zum Ende der Pubertät. Kein großes Drama, dafür präzise und außergewöhnlich einfühlsam beobachtete Schlaglichter aus der individuellen und gemeinsamen Entwicklung der Mädchen aus unterschiedlichen Milieus.

Darin allerdings ist diese Perle aus dem Splitter-Verlag absolut verblüffend: Es ist eine echte Herausforderung, mit dem Lob einigermaßen hauszuhalten und dem Band trotzdem gerecht zu werden. Das fängt bei der vielschichtigen und liebevollen Figurenzeichnung an, die sich nicht auf die Protagonistinnen beschränkt. Schon mit der Geburt sind die Voraussetzungen, was familiäre Liebe und finanziellen Hintergrund betrifft, für jedes der drei Mädchen etabliert. Chloés alleinerziehende Mutter hat mit einem harten Alltag zu kämpfen, freut sich aber dennoch aufrichtig über die Tochter. Leila kommt in ärmlichen Verhältnissen in einem arabischen Land zur Welt. Erst ein paar Jahre später kommt ihre Familie nach Frankreich, wo sie sich mit Rassismus ebenso auseinandersetzen muss wie mit den Erwartungen der arabischen Gemeinschaft. Agnès fehlt es materiell an nichts, doch für ihre Eltern scheint sie eher Accessoire denn Kind zu sein.

Dreimal unterschiedliche Rahmenbedingungen, drei unterschiedliche Charaktere und Temperamente: die leidenschaftliche Chloé, die davon träumt, Tänzerin zu werden; die kluge Leila, deren Familie sie fördert und bestärkt, und die sensible Agnès, die sich nichts mehr wünscht als familiäre Liebe.

Alltagsbeobachtungen: Eine Szene aus dem Buch.
Alltagsbeobachtungen: Eine Szene aus dem Buch.Foto: Splitter

Liebe, Zuwendung, Mitgefühl

Die Ausschnitte aus dem Leben der Freundinnen sind chronologisch erzählt. Dabei verweilt die Geschichte mal bei einer der drei; mal werden die Ereignisse in ihrer Gleichzeitigkeit nebeneinander geschnitten und springen rasch und dynamisch: Chloé kämpft im Balletttraining; Agnès erfährt schockiert, dass ihrem Kindermädchen gekündigt wurde; Leilas Mutter erleidet eine Fehlgeburt.

Bei alldem vermag das Autorenduo mit jedem einzelnen Bild so viel an Stimmung und Information zu transportieren, dass die kleinen Alltagsbeobachtungen ebenso viel über jede Figur erzählen wie die großen Einschnitte. Wie Chloé und Leila nach dem plötzlichen Tod von Leilas Mutter drei Bilder lang nebeneinander auf dem Boden liegen und schweigend einen Comic ansehen, sagt alles über die Sprachlosigkeit, die mit Trauer einhergeht. Die betretenen Gesichter, als Agnès’ gutgekleideter Vater seine Tochter mit steinerner Miene von einer eben noch ausgelassenen Geburtstagsfeier in der einfachen Wohnung von Chloés Mutter abholt, sprechen Bände über das unterschiedliche Maß an Herzlichkeit in den Familien. Und was mit Agnès Sehnsucht passiert, mit der sie sich als Kind ins verlassene elterliche Schlafzimmer schleicht, zeigen die bitter-lakonischen Bilder, mit denen sie einige Jahre später die Einsamkeit nach einer hastigen Entjungferung von sich stößt.

Freundinnen fürs Leben: Das Cover des Buches.
Freundinnen fürs Leben: Das Cover des Buches.Foto: Splitter

Farbe, Licht und Dynamik der Zeichnungen tragen ebenso viel zu dem Sog bei, den dieses Buch entfaltet, wie das perfekte Timing, mit dem manche Szenen knapp abgehandelt werden, während anderen mehr Ruhe eingeräumt wird. Und Liebe, Zuwendung und Mitgefühl, die die Autoren den Mädchen zuteil werden lassen, übertragen sich: Am Ende hat der Leser drei Persönlichkeiten gleichsam aufwachsen sehen.

Sophie Michel und Emmanuel Lepage: „Oh, diese Mädchen“, Splitter-Verlag, aus dem Französischen von Tanja Krämling, 144 Seiten, 19,80 Euro, Leseprobe unter diesem Link.

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