Graphic Novel : Ein Blutsbündnis

Träume, Kriege, Enttäuschungen: Antonio Altarriba erzählt die bewegte Lebensgeschichte seines Vaters. Die von Zeichner Kim meisterhaft umgesetzte Graphic Novel ist aber viel mehr als nur die Geschichte eines einzelnen Mannes.

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Zwischen den Fronten: Eine Szene aus dem Bürgerkrieg.
Zwischen den Fronten: Eine Szene aus dem Bürgerkrieg.Foto: Avant

Die Graphic Novel hat einen Hang zu historischen Themen. Das zeigen neben Titeln wie Art Spiegelmans „Maus“, Jason Lutes‘ immer noch nicht abgeschlossener „Berlin“-Trilogie oder Jacques Tardis und Jean-Pierre Verneys „Elender Krieg“zahlreiche weitere Titel. Ebenfalls konnten sich die Fans des Genres in den letzten Jahren mehr als einmal davon überzeugen, dass die Graphic Novel der Romanbiografie den Rang abgelaufen hat. Dennoch setzen der spanische Autor Antonio Altarriba und sein Zeichner Kim (Joaquim Aubert Puigarnau) jetzt in beiden Sparten neue Maßstäbe. Ihr Buch „Die Kunst zu fliegen“, das bereits 2009 im Original erschien, gilt schon jetzt als Meilenstein der spanischen Comicgeschichte. Auch über die Grenzen der iberischen Halbinsel hinaus ist ihm eine große Leserschaft zu wünschen.

Ein Leben voller Rückschläge

„Die Kunst zu fliegen“ erzählt die Lebensgeschichte von Antonio Altarriba Lopes, dem Vater des Autors, der im Mai 2001 im Alter von neunzig Jahren Selbstmord beging. Geboren und aufgewachsen in der kargen Provinz Saragossa, zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, hegt Antonio schon früh den Wunsch die engen Mauern seiner Heimat hinter sich zu lassen. Beeindruckt vom Flug der Vögel und dem Hispano-Suiza eines reichen Nachbarsjungen, der mit dem Sportwagen rasant über die Landstraßen fährt, beschließt er sein Glück in der Stadt zu suchen. Die anfänglichen Rückschläge treffen Antonio schwer und man spürt gleich zu Beginn der Erzählung, dass sie ihn sein Leben lang begleiten werden. Der unbändige Wunsch nach Freiheit, der Wunsch zu fliegen, lässt ihn jedoch nicht mehr los. Getragen von der Euphorie der zweiten Spanischen Republik beginnt Antonio sich für die Ideen und Ideale der Anarchisten zu begeistern. Eine Begeisterung, der schon wenig später Jahre des Kampfes gegen die Nationalisten und Franco, schließlich Vertreibung, Exil und Zwangsarbeit in Frankreich folgen.

Im Seniorenheim: Die Hauptfigur in einem der späteren Kapitel des Buches.
Im Seniorenheim: Die Hauptfigur in einem der späteren Kapitel des Buches.Foto: Avant

Antonio hat nur wenige Freunde, aber auf die ist Verlass. Mit ihnen schließt er ein Bündnis, das durch selbstgegossene Bleiringe besiegelt wird. Es ist kein Bund für die Ewigkeit: schon bald fällt der erste Kamerad im Kampf. Die Espadrilles, die der legendäre Anarchistenführers Durruti zurückließ, waren ihm zu groß. Die soziale Revolution Spaniens scheitert schließlich ganz. Die Einsicht in den Sieg des Franco-Regimes lässt von den Idealen der Kameraden nicht mehr viel übrig. Armut und der Wunsch nach einem ruhigen Leben zwingen Antonio sich mit der neuen Situation zu arrangieren. Enttäuscht und ausgelaugt kehrt er in seine Heimat zurück, lässt sich auf eine Vernunftehe ein und scheitert unglücklich als Keksfabrikant. Einzig die Geburt seines Sohnes gibt ihm einen neuen Sinn in seinem Leben. An die Stelle des „Bleibündnisses“ ist ein „Blutsbündnis“ getreten, das Antonio weiter kämpfen lässt. Die Zweifel an der eigenen Integrität kann es jedoch nie ganz verdrängen. Gedemütigt vom Leben im Seniorenheim sieht Antonio Altarriba Lopes schließlich nur noch einen Ausweg: der tödliche Sprung aus dem vierten Stock.

Panorama des 20. Jahrhunderts

Antonio Altarriba erzählt die Geschichte seines Vaters aus der Ich-Perspektive und verschmilzt so mit ihm zu einer Figur. Das Blutsbündnis ist dabei alles andere als ein pathetischer Trick, denn das Anliegen dieser Graphic Novel ist zu anspruchsvoll, um sie mit Theatralik zu verwässern. Das Schicksal Antonio Altarriba Lopes‘ ist, so außergewöhnlich sein Lebensweg bei der Lektüre anmutet, das Schicksal von Millionen Spaniern, deren Hoffnungen auf ein sorgenfreies Leben in einem freien Land mehr als einmal enttäuscht wurden. So ist „Die Kunst zu fliegen“ nicht nur die Lebensgeschichte eines einfachen Mannes und Widerstandskämpfers aus der Provinz, sondern auch ein Panorama der bewegten Geschichte Spaniens im 20. Jahrhundert. Gerade das macht diese Graphic Novel zu einem Ereignis, denn 35 Jahre nach dem Sturz der Franco-Diktatur läuft deren Aufarbeitung immer noch ziemlich schleppend.

Viel gelobt: Das Cover von "Die Kunst zu fliegen".
Viel gelobt: Das Cover von "Die Kunst zu fliegen".Foto: Avant

Altarriba und Kim verstehen es meisterhaft, die Bedeutung dieses exemplarischen Lebens und die Zeit, in der es gelebt wurde, umzusetzen. In einem klaren, realistischen Stil, der an passenden Stellen eine satirische Note erhält, wird hier eine Bildwelt geschaffen, die den Leser eng an die Figuren bindet. Die geschilderten Episoden sind damit immer plastisch und vor allem in ihrer Emotionalität nachvollziehbar. All das macht „Die Kunst zu fliegen“ zu einem aufrichtigen, zu einem ganz und gar großartigen Werk.

Antonio Altarriba & Kim – Die Kunst zu fliegen. 208 Seiten, 24,95 Euro, Avant Verlag

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