Graphic Novel : Ein Reaktionär wie aus dem Bilderbuch

Das Buch "Blotch - der König von Paris" rechnet mit dem Kunstbetrieb ab - lustig, klug und einzigartig bitterböse

Micha Wießler
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Nach oben buckeln, nach unten treten. Blotch hält sich selbst für den größten Künstler aller Zeiten.Illustration: Blutch/Avant

Ich freue mich sehr, dass Reprodukt und nun auch der Avant-Verlag endlich Bücher des Straßburger Künstlers Christian Hincker veröffentlichen, der unter dem Namen Blutch veröffentlicht. Bei Reprodukt ist sein überaus schöner Titel "Der kleine Christian" jüngst erschienen (mehr dazu auch in dieser Rezension), und auch ein Band der fantastischen Serie Donjon stammt aus seiner Feder (Donjon Monster 7: Der Sohn der Drachenfrau).

Mein Lieblingscomic von ihm ist aber der bei Avant erschienene und auf den ersten Blick eher merkwürdig bieder anmutende "Blotch, der König von Paris". Davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Blutch zieht darin mit einem einzigartig bitterbösen Witz über Künstler und den Kunstbetrieb her und spart auch nicht mit Selbstironie. Beispielsweise heißt die Hauptfigur Blotch, ganz ähnlich wie der Autor, und arbeitet bei der fiktiven Pariser Zeitschrift "Fluide Glacial", die namentlich an die reale "Fluide Glacial" angelehnt ist, eine der bekanntesten französischen Comiczeitschriften, in der dann auch die Blotch-Geschichten veröffentlicht wurden. Nur dass Blotch dort in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts beschäftigt ist und ein reaktionärer, widerlicher, nach oben buckelnder nach unten tretender, rassistischer, ignoranter Kerl ist. Er selbst hält sich aber für den größten Künstler aller Zeiten, dessen Name mindestens in brennenden Lettern über Paris erleuchten sollte.

In Wirklichkeit fabriziert er aber lediglich Witzzeichnungen billigsten Kalibers, noch dazu schlecht gezeichnete. Aber seinen Vorgesetzten und manch einem Leser scheinen sie zu gefallen.

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Bollwerk gegen die Moderne. Szene aus "Blotch".Illustration: Blutch/Avant

Auch die ebenso jämmerlichen Kollegen bei "Fluide Glacial" sind realen Kollegen von Blutch nachempfunden, wie z.B. Manu Larcenet ("Der Alltägliche Kampf", Reprodukt), der hier als Larssinet auftaucht und nicht zuletzt Monsieur Marcel, der gottgleiche Besitzer des Blattes, der auf den Übervater der realen Zeitschrift "Fluide Glacial", Gotlib, anspielt.

Die Zeiten sind schwer, Frankreich ist von einer Volksfront regiert, die reaktionären Kräfte zu denen auch "Fluide Glacial" gehört, stellen sich dagegen. Und zu allem Überfluss wird die Grande Nation von diesen teuflischen Kubisten heimgesucht. "Fluide Glacial" aber ist ein Bollwerk gegen die neue Zeit, hier kann ein Mann wie Blotch wirken und seinen kleinen Intrigen nachgehen, bis ihn die Selbstverliebtheit einen Schritt zu weit führt und er mächtig zurückrudern und sogar seine Geliebte an Monsieur Marcel abtreten muss, um seine Stellung und sein Einkommen zu halten. Bei diesem haarscharfen Witz bleibt einem das Lachen manchmal im Halse stecken, bietet Blutch hier doch eine bitterböse Sicht auf die Klassengesellschaft vergangener Zeit und spart dabei nicht mit Bezügen zur Moderne.

Auf den letzten Seiten findet man dann noch fiktive Zitate prominenter Persönlichkeiten zu dem großen Künstler Blotch ("Die kleinen Zeichnungen von Blotch haben unsere Jugendjahre mit Licht erfüllt", François Mitterand) und beschließen einen der lustigsten und klügsten Comics des Jahres.

Blutch: Blotch - der König von Paris, 104 Seiten, 17,95 Euro, Avant-Verlag 2009.

Unser Autor Micha Wießler ist Geschäftsführer des Berliner Comicladens Modern Graphics. Der Laden befindet sich in der Oranienstr. 22, Kreuzberg (Hauptgeschäft) und hat eine Filiale im Europacenter (UG), Tauentzienstr. 9-12. Online unter www.modern-graphics.de.

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