Graphic Novel : Eingemauert und sprachlos

Gibt es eine Wirklichkeit ohne Sprache? Dieser Frage geht Marc-Antoine Mathieu auf groteske und famose Weise in seinem kafkaesken Trip „Tote Erinnerung“ nach.

von
Babylonisches Durcheinander: Eine Szene aus dem Buch.
Babylonisches Durcheinander: Eine Szene aus dem Buch.Foto: Reprodukt

Der Turmbau zu Babel zählt zu den bekanntesten biblischen Erzählungen des Alten Testaments. Und dass, obwohl sie mit neun Versen nur sehr kurz ist. Zahlreiche Schriftsteller, Künstler oder Filmemacher beziehen sich auf diesen alttestamentarischen Text. Auch der Franzose Marc-Antoine Mathieu greift in seiner Graphic Novel „Tote Erinnerung“ auf die beliebte Vorlage zurück. Bei Reprodukt ist jetzt die zweite Auflage erschienen.

Mit einer Fahrt aus der Vogelperspektive führt Mathieu seinen Leser in seine Welt der „rechteckige Relikte“ hinein – und diese befindet sich in heller Erregung. Denn scheinbar aus dem Nichts heraus sind in der Stadt über Nacht unplanmäßige Mauern entstanden. Auch in den darauffolgenden Tagen schießen überall Mauern aus dem Boden hervor. Firmin Houffe, Abteilungsleiter des Katasteramtes, soll das Rätsel dieses Phänomen lüften. Doch die Menschen verlernen zunehmend das Sprechen, das zum Stottern mutiert. Die vom Zentralcomputer perfekt gesteuerte Stadt stürzt in ein heilloses Durcheinander.

Babylonische Sprachverwirrung

Die kulturgeschichtliche Bedeutung des babylonischen Turmbaus lässt sich kaum ermessen. Die alttestamentarische Beschreibung der Sprachverwirrung sorgte sogar dafür, dass das Wort „Babylon“ von seiner ursprünglichen Bedeutung abwich. Die geläufige Übersetzung von Babylon als „Durcheinander“ gründet sich daher primär auf die „Sprachverwirrung“ beziehungsweise auf das „Durcheinander der Sprachen“.

Das Turmbau-Vorhaben wird als Versuch der Menschheit gewertet, Gott gleichzukommen. So bedeute eine ursprüngliche Form von „Babylon“ einmal „Gottestor“ oder auch „Tor Gottes“. Wegen dieser Selbstüberhebung straft Gott die Völker, die zuvor eine gemeinsame Sprache hatten, mit Sprachverwirrung und zerstreut sie über die ganze Erde. Bei Mathieu wird der Turmbau durch einen Zentralcomputer ersetzt, aber der Effekt ist der gleiche: Die Menschen verstehen sich nicht mehr.

Kafkaeskes Labyrinth

Wie alle Arbeiten von Mathieu steht auch „Tote Erinnerung“ in der literarischen Tradition der Groteske und hier allen voran in der Tradition von Fran Kafka. Seine Protagonisten irren durch absurde Szenarien und verschachtelte Labyrinthe – stets mit einem metaphysischen Unterbau. Im Comicbereich erinnert „Tote Erinnerung“ inhaltlich an die Arbeiten von Benoît Peeters und François Schuiten.

Auch in ihrer Reihe „Die geheimnisvollen Städte“ treten durch einschneidende Ereignisse groteske Situationen ein. Ähnlich wie bei Kafka oder Peeter und Schuiten stammt der Protagonist bei Mathieu aus dem Verwaltungsbereich. Egal ob der Landvermesser aus „Das Schloss“ oder der Urbitekt aus „Das Fieber des Stadtplaners“ oder eben jener Abteilungsleiter des Katasteramtes in „Tote Erinnerung“: stets handelt es sich um Angehörige des Verwaltungsapparates.

Rechteckige Relikte

Das Artwork von „Tote Erinnerung“ ist durch Rechtecke geprägt. Mathieu übersät seine kontraststarken Schwarzweißbilder geradezu mit geziegelten Mauern und Hausfassaden, die in akribischer Perfektion und Eintönigkeit Fenster an Fenster zeigen, bis hin zum überirdischen Zentralcomputer mit seinen rechteckigen Recheneinheiten. Mathieus individueller Strich lässt bei den Figuren einen leicht karikierenden Einschlag erkennen. Demgegenüber weist der Hintergrund einen strengen und schlichten Naturalismus auf.

Atmosphärisch erinnern die Zeichnungen aufgrund ihrer vielen schwarzen Flächen an den Comic Noir. Aber diese grafische Dunkelheit wird auch wieder inhaltlich aufgegriffen, wenn Mathieus Charakter „im Dunkeln tappen“. Nicht ganz so radikal wie in seiner die Mediumgrenzen erweiternden Reihe „Julius Corentin Acquefaques, Gefangener der Träume“ (Reprodukt), aber dennoch ansatzweise präsentiert Mathieu auch in „Tote Erinnerung“ seine Brillanz, wenn es um innovative Einfälle geht.

Gibt es eine Wirklichkeit ohne Sprache?

Die Frage ist wohl nicht so einfach zu beantworten, es kommt auch darauf an, wie man „Wirklichkeit“ definiert. Jeder kann sich seine Wirklichkeit selbst konstruieren. Wenn aber die objektive Realität, also die übereinstimmende Schnittmenge aller subjektiven Wirklichkeiten gemeint ist, dann muss die Frage wohl mit „Nein“ beantwortet werden. „Tote Erinnerung“ bietet jedenfalls spannende Unterhaltung, lakonischen Humor, intelligente Überlegungen und präzise Illustrationen.

Marc-Antoine Mathieu (Text und Zeichnungen): Tote Erinnerung, Reprodukt, 64 Seiten, 13 Euro. Mehr unter diesem Link.

Hier ist der Blog unseres Autors.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar