Graphic Novel : Facettenreiches Schwarz

Nach einer sechsjährigen Wartezeit findet Uli Oesterles Werk "Hector Umbra" seinen Abschluss - als äußerst gelungene Kombination aus verschiedenen Genres und Themen.

Daniel Wüllner
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Eigene Formensprache. Vertraute Gebäude zeichnet Oesterle aus ungewöhnlichen Perspektiven.Illustration: Oesterle

Nachdem der Comicautor und -zeichner Uli Oesterle im Jahr 2003 den ersten Teil seiner dreibändigen Serie "Hector Umbra" im Verlag Edition 52 vorgestellt hatte, erntete er viel Lob von Kritikern, gewann 2004 den ICOM Independent Preis und wurde sogar für den Prix du Premier Album beim Comicfestival Angoulême nominiert.

Doch dann folgten die angekündigten Bände zwei und drei aus Mangel an Zeit zunächst nicht. Autor und Projekt wechselten zum Carlsen-Verlag, und man entschied sich, die gesamte Geschichte als zusammenhängende Graphic Novel zu veröffentlichen. Das lange Warten hat sich gelohnt: Oesterle hat die Zeit genutzt und präsentiert nun einen unglaublich facettenreichen Comic.

Eine „perfekte Konfirmation guter Eigenschaften“, so bezeichnet sich Frantisek, einer der Freunde des Helden, selbst. Aber dieses Zitat trifft wohl eher auf den Comic zu, der sich jeglicher Einordnung in ein einzelnes Genre verweigert und dennoch alle Sparten gleichermaßen bedient: Von grotesken Geschichten, die an David Lynch-Filme erinnern bis zur Autobiografie, von Zitaten der Populärkultur bis zu den Horrorcomics eines Charles Burns lässt Oesterle kein Genre unangetastet, wobei die Übergänge fließend sind.

Ein Versuch, dieses breite Spektrum an Erzählungen auseinanderzudividieren um sie auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, würde heißen, das Spannungsgeflecht auf dem die Geschichte ruht, zu zerstören.

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Künstlerleben. Uli Oesterle lässt seine Figuren durch Münchener Szenekneipen streifen.

So gehören die „gehirnten“ Dämonen in Hector Umbra genauso zum Repertoire wie die alten Opas auf dem Stachus mit ihrem "Wachturm" in der Hand. Oesterles Comic lebt gerade von der perfekten Verschmelzung dieser Gegensätze, von den Übergängen vom Realen zum Wahnwitzigen.

Männliche Einsamkeit, endlose Wortgefechte

Im Mittelpunkt der Handlung steht der Held Hector Umbra. Wie bereits die vorangegangen Helden in Oesterles früheren Comics "Schläfenlappenphantasien" und "Frass", leidet auch Hector Umbra an männlicher Einsamkeit. Der kantige Protagonist, dessen Konturen an Wesen aus der Feder Mike Mignolas (Hellboy) erinnern, lebt die Klischees eines Künstlerfürsten, der mit seinen Freunden nachts die Bars von München durchstreift und sich mit ihnen in endlosen Wortgefechten misst.

Erst der Verlust eines guten Freundes reißt Umbra aus dem kleinen Kosmos seiner Single-Wohnung heraus, die übersät ist mit Comics und Elvis-Postern, und konfrontiert ihn mit sich selbst und seiner Vergangenheit. Während dieses Prozesses entwickelt er sich zu einem runden Charakter weiter.

Die Darstellung seiner Figur passt sich diesen Veränderungen an. Was zuvor noch ein kantiges, unrasiertes Kinn war, wird in einer fließenden Bewegung zu einem verschmitzten, unschuldigen Lächeln. Obwohl Oesterle selbst in Interviews auf die autobiografische Züge in seinem Comic verweist, überträgt er all diese Charaktereigenschaften nicht allein auf seinen Protagonisten, sondern verteilt sie auf den gesamten Bestand seiner Figuren. Wie kleine Zahnräder greifen die Geschichten der einzelnen Charaktere ineinander und erzeugen so eine stimmige Gesamthandlung.

Die Welt als Scherenschnitt

Während viele Elemente von Oesterles grafischen Vorbildern eher intuitiv in die Darstellungen der Figuren einfließen, sind Parallelen zu den starken Schwarz-Weiß-Kontrasten eines Jose Muñoz überdeutlich in der Gestaltung der Hintergründe zu erkennen. Fast scherenschnittartig taucht das Setting, die bayerische Hauptstadt, hinter den Figuren auf, dient als Bühne und entwickelt ein Eigenleben. Wie beim Scherenschnitt grenzen diese beiden Welten in Hector Umbra direkt aneinander an, doch nur wenige Figuren sind in der Lage, dies wahrnehmen zu können.

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Rhythmus der Stadt. Oesterle hat ein feines Gespür für das Erzähltempo.

Die Farbe Schwarz nimmt dabei nicht nur in der Handlung ihren Platz ein, sondern erzeugt im ansonsten vom blauen Himmel ungetrübten München dunkle Ecken und vergessene Kneipen, die „Kopfgeburten“ und bereits Verstorbene beherbergen. Dort wo der Autor keine entsprechende Lokalität auftreiben kann, erfindet er einfach eine neue, wie z.B. den „Robot Mitchum“-Club.

Bei seinen Recherchen für die Münchener Sehenswürdigkeiten fällt auf, dass Oesterle die bekannten Gebäude oftmals aus unbekannten oder verzerrten Perspektiven zeichnet, um den Leser so Stück für Stück von seiner vertrauten Welt zu entfremden und ihn mit auf eine bizarre Irrfahrt in den Untergrund zu nehmen.

Zitate, Querverweise, irrwitzige Ideen

Obwohl Jim Jarmusch einmal gesagt hat, dass es keine wirkliche Originalität gäbe und man aus diesem Grund alles stehlen dürfe, würde man Uli Oesterle Unrecht tun, wenn man ihn nur an seinen Vorbildern messen würde. Denn in Hector Umbra beweist Oesterle, dass er mit seiner frühen Experimentierphase abgeschlossen und seine ganz eigene Formensprache gefunden hat. Timing und Komposition werden zu essenziellen Elementen seiner Geschichte. So reiht er mit großem Gespür für Rhythmus Panels aneinander, erzeugt beim Leser eine Hektik, die diesen in Windeseile zum Ende der Seite führt, wo er durch ein einzelnes, ruhiges Bild jäh gebremst wird.

Diese Geschwindigkeitswechsel finden sich nicht nur in den wilden U-Bahnfahrten durch den Untergrund Münchens wieder, sondern auch in der Musik, die bis hin zum Showdown ein stetiger Begleiter der Figuren ist. Geschmückt wird das Ganze noch durch ein bisschen bayerische Mundart und eine Vielzahl von onomatopoetischen Einlagen wie das Anstoßen von Becks-Flaschen, das von einem lauten „B E C K“ begleitet wird.

Uli Oesterles Erfolg liegt nicht unbedingt darin, eine Geschichte zu erzählen, die bisher so noch nicht erzählt worden ist. Vielmehr hat es der Wahlmünchener geschafft, ein schier endloses Sammelsurium an Stilen, Zitaten, Einfällen, Querverweisen und irrwitzigen Ideen zu einem gut lesbaren Comic zusammenzufassen. Hector Umbra ist dabei aber weniger die Menge seiner einzelnen, geschickt eingesetzten Stilmittel und Themen, sondern vielmehr eine großartige Comic-Komposition, eben eine „perfekte Konfirmation guter Eigenschaften“.

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