Graphic Novel : Flammender Appell

Gewagtes Experiment: Tim Hamilton hat Ray Bradburys Klassiker „Fahrenheit 451“ als Comic neu interpretiert.

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In Bradburys Zukunftswelt werden nicht nur Bücher den Flammen geopfert. -Illustration: Hamilton/Eichborn

Guy Montag ist ein Mann, der in seinem Job aufgeht wie die Bücher, die er tagtäglich den Flammen übergibt. „Es war eine Lust, Feuer zu legen“, gesteht der Feuerwehrmann aus Ray Bradburys Science-Fiction Klassiker „Fahrenheit 451“. Eines Tages jedoch siegt die Neugier und Montag beginnt, zu lesen, was er verbrennen soll. Eine Erfahrung, die seine Welt aus den Angeln hebt.

1953 erschien Bradburys Loblied auf die revolutionäre Kraft des geschriebenen Worts zum ersten Mal. 1966 folgte die Verfilmung des Stoffes durch Truffaut. Heute, mehr als 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung hat sich der amerikanische Zeichner Tim Hamilton der Geschichte angenommen und erzählt „Fahrenheit 451“ als Comic.

Das klingt erstmal lustig, da in Bradburys Überwachungsstaatsvision zwar Bücher verboten, Comics allerdings als harmloser Verblödungsspaß erlaubt sind. Hamilton selbst macht sich über diesen Umstand in seinen Bildern lustig. Nach der Veröffentlichung der amerikanischen Ausgabe im vergangenen Jahr prügelten Puristen im Internet trotzdem auf ihn ein. Schon allein deshalb, weil der Text für seine Adaption natürlich ordentlich eingedampft werden musste.

Drei Dinge jedoch sprechen gegen eine solche Pauschalverurteilung. Erstens, Comics sind heute etwas wesentlich anderes als sie es noch 1953 waren. Zweitens, Bradbury, selbst ein erklärter Comicfreund, gab dieser Version seinen Segen.

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Mit Bradburys Segen. Der Autor ist ein Comicfan und unterstützte die grafische Umsetzung - hier eine Seite aus dem Buch.Illustration: Hamilton/Eichborn

Und Drittens, wer aufmerksam liest, findet im Text folgende Sätze: „Bücher sind die einzigen Behälter, in die wir Dinge eingelagert haben, die wir zu vergessen fürchten. An sich haben sie gar nichts Magisches.“ Was für Bradbury zählt, ist also die Idee, nicht das Medium, das sie transportiert.

Diese Idee verpackt Hamilton in Bildern von kaltem Grünblau, die im starken Kontrast zu dem wiederkehrenden grellen Gelborange des Feuers stehen. Zugegeben, diese Version ist ein Experiment, kein Ersatz. Aber ein Experiment, das die Freude am Lesen und Hinterfragen entfacht.

Ray Bradbury & Tim Hamilton, Fahrenheit 451, Eichborn, 160 Seiten 22,95 Euro.

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