Graphic Novel : Geschichten aus der Gosse

Ed Brubakers düstere Serie "Criminal" mag Pulp sein, Schund ist sie nicht. Inzwischen gibt es drei Bände des kunstvollen Comic Noir auf Deutsch

Moritz Honert
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Überall Schatten. Szene aus "Grabgesang".Illustration: Phillips/Panini

Glaubt man Ed Brubaker, war früher alles einfacher. Zumindest in der Welt des Verbrechens. Statt Geld in Offshore-Konten zu bunkern, stapelte man es in Hinterzimmern, die Protagonisten waren entweder böse und erfolgreich oder arm und machtlos, und wer den Bossen in die Quere kam, endete früher oder später im Krankenhaus - oder gleich leblos im Müllcontainer.

So weit, so einfach, so Klischee. Fleißig hat Autor Brubaker sich für seine in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern spielende Serie „Criminal“ bei den Standards des Noir-Genres bedient. Kaputte Veteranen, drogensüchtige undurchsichtige Stripperinnen und skrupellose Gangster bevölkern darin die Straßen, Absturzkneipen und Boxclubs Amerikas. „Grabgesang“, der jüngst auf Deutsch erschienene Band der Reihe, vereint drei in einander verzahnte Geschichten aus der Gosse. Ein Happy End hat - wenig überraschend - keine davon.

Somit mag auch der dritte Band der Serie Pulp sein, Schund ist er nicht. Dafür ist der Storybogen zu gekonnt komponiert, der Kosmos zu groß angelegt, die Figuren zu stimmig. Dank der allseits bekannten Vorlagen und Vorbilder reicht häufig ein einziges Stichwort, und im Kopf des Lesers setzen sich die Figuren und ihr Leben aus dem im Gedächtnis gespeicherten Fundus der Populärkultur zusammen.

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Der Pate, The Dear Hunter, Nelson Algren, Taxi Driver, Cleopatra Jones: Alle gucken sie aus dem Hintergrund zu, wenn Brubaker seine Figuren auf den Weg nach unten schickt.

Diese Fähigkeit, mit nur wenigen Stichworten große Gemälde zu zeichnen, ist die große Kunst des amerikanischen Autors. Einmal reicht ein Dialog von nur zehn Wörtern, um ein vollständiges Setting einer aufgrund von Entfremdung und Kriegspsychose in Trümmern liegenden Ehe zu entwerfen. „Alles in Ordnung?“, fragt sie ihn, während sie miteinander schlafen und er antwortet: „Ja, alles okay. Dreh dich einfach um“. Fragen bleiben da nicht offen. 2007 gewann die Serie hoch verdient zwei Eisner Awards.

Der britische Zeichner Sean Phillips hat die brutalen Geschichten in ungeschliffene Bilder übersetzt. Tiefe Schatten liegen auf jedem Gesicht. Das Licht, das sie wirft, ist von milchiger Künstlichkeit. Ins Herz der Finsternis scheint kein Tageslicht.

“Criminal – Grabgesang” von Ed Brubaker und Sean Phillips,
Panini Comics, 14,95 Euro. Bei Panini sind auch die ersten beiden Bände der Serie erschienen. Auf Englisch erschien kürzlich bereits der vierte "Criminal"-Sammelband bei Marvel.

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