Graphic Novel : Grabenkriege und Revolutionsfantasien

Die Verdichtung der Welt: Die dalmatinische Hafenstadt Fiume wurde nach dem Ersten Weltkrieg von einer vom Dichter Gabriele D’Annunzio geführten Truppe erobert. Der Comic-Erneuerer David B. macht das zum Ausgangspunkt seines neuen Buches und zeigt, dass das Potenzial des Mediums noch lange nicht ausgereizt ist.

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Rastlose Epoche: Eine Doppelseite aus dem besprochenen Band.
Rastlose Epoche: Eine Doppelseite aus dem besprochenen Band.Illustration: David B./Avant

Comic-Künstler sind noch weit davon entfernt, das erzählerische Potenzial ihres Mediums voll ausgenutzt zu haben - eine Tatsache, auf die Comic-Guru Scott McCloud immer wieder gerne aufmerksam macht. Obwohl er diese bevorstehende Revolution mit den Möglichkeiten digitaler Medien verknüpft, ist auch das erzählerische Potenzial der gedruckten Comics noch lange nicht ausgereizt. Immer mehr Autoren und Zeichner entdecken neue Wege, mit Konventionen zu brechen und ihre Erzählungen über Genregrenzen hinweg zu entfalten. Bestes Beispiel dafür ist der neue Comic von David B., „Auf dunklen Wegen“, der gerade im Avant-Verlag auf Deutsch erschienen ist. Im Comic vermengt der französische Künstler europäische Geschichte mit dem unstillbaren Drang des Geschichtenerzählens selbst.

Der Titel „Auf dunklen Wegen“ legt nahe, dass Pfade beleuchtet werden sollen, die bisher wenig oder gänzlich unbeschritten waren. David B. hat sich als Setting für seinen historischen Scheinwerfer eine Epoche ausgesucht, die bisher eher als eine Art Zwischenstadium angesehen wurde: das Europa zwischen den Weltkriegen. Die Ära war geprägt vom nachhallenden Schrecken der Grabenkriege, von einer allgemeinen Ziellosigkeit und vom stetig wachsenden Schatten des Nationalsozialismus. Eine rastlose Epoche, die nach nur wenigen Jahren im zweiten Weltkrieg ihren traurigen Höhepunkt finden sollte. Ein durchaus spannendes Terrain für einen historischen Comic wäre das, doch mit einer solch fixen Genregrenze gibt sich David B. nicht zufrieden.

Die Konturen der Figuren scheinen konstant zu vibirieren

Der Autor siedelt „Auf dunklen Wegen“ (in Frankreich in zwei Teilen bei Futuropolis erschienen) in der dalmatinischen Hafenstadt Fiume an, die am 19. September 1919 vom italienischen Dichter und Soldaten Gabriele D'Annunzio mit einer Gefolgschaft von desertierten Soldaten annektiert wurde. In einem vom Krieg gezeichneten Europa stellt die Stadt ein Ungleichgewicht in der neuen Nachkriegsordnung dar, da die Siegermächte die kleine Stadt nicht einfach weiterverteilen konnten. Nicht nur auf der europäische Landkarte herrscht eine solche Unruhe, in Fiume selbst scheint man das Ende des Ersten Weltkriegs verpasst zu haben: Im Rathaus träumt D'Annunzio von futuristischen Revolutionen, in den Cafés philosophieren ehemalige Soldaten über die Schlachten und in den Straßen schlägert sich der Rest der Bevölkerung fröhlich durch die Nacht.

Vom Krieg gezeichnet. Eine Doppelseite aus dem Buch.
Vom Krieg gezeichnet. Eine Doppelseite aus dem Buch.Illustration: David B./Avant

Ein weiterer Fremdkörper ist der Protagonist selbst, der junge Soldat Lauriano. Obwohl er als Träumer in einer Stadt, die den Traum der Revolution lebt, gut aufgehoben zu sein scheint, fällt er aus dem Rahmen. Gemeinsam mit seinen Freunden aus der Armee ist er stets auf der Suche nach profitablen Raubzügen, doch wo die anderen nur den Reichtum um seiner selbst Willen suchen, ist das Geld bei Lauriano bloß Mittel zum Zweck. Er sucht nach etwas Höherem, nach seinem gefallenen Kameraden und nach Geschichten. Begleitet wird er auf seiner Suche von der Sängerin Mina, in die er sich verliebt. Sowohl in romantischer als auch in allen anderen Beziehungen verweigert David B. dem Leser die Identifikation mit seinem Protagonisten.

Wie bereits in seiner preisgekrönten Comicautobiografie „Die heilige Krankheit“ gelingt es David B., seine Geschichte mehr als nur zu illustrieren. Die verwendeten Farben sind kontrastreich und der Zeichenstil lässt sich am ehesten als ligne cru bezeichnen. Im Gegensatz zu Hergés ligne claire scheinen die Konturen der Figuren in „Auf dunklen Wegen“ nicht klar zu sein, sondern konstant zu vibrieren und spiegeln so die Unrast in Fiume besser wieder als die Erzählung es vermag. Außerdem verleiht David B. jeder Figur einen eigenen Charakter; stereotype Darstellungen der Figuren werden selbst in den wüsten Schlägereien, an denen zumal die ganze Stadt teilnimmt, nicht verwendet. Man kann in jedes Gesicht schauen, sieht jede einzelne Figur als Individuum, und dennoch handelt es sich  zugleich nur um einen Ballen von Menschen, deren Gliedmaßen ineinander verschlungen sind.

Das Buch reizt das Potenzial des Mediums Comic weiter aus

Auch die Sprechblasen spiegeln die allgegenwärtige Beklemmung wider; sie erdrücken durch ihre schiere Fülle im Panel jegliche Möglichkeit der Kommunikation. Ein weiteres Merkmal von David B.s grafischer Arbeit ist ein inhärenter Symbolismus, der seine Akteure kurzerhand in monströse Abstraktionen ihrer selbst, wie z.B. in „Hunde des Krieges“, verwandelt. Diese Analogiebestien stürzt der Autor gleichsam in die Schützengräben, aber auch in die Untiefen der Liebe.

Neben der erfrischenden Vermischung aus Historie und Symbolismus reiht sich David B. erzählerisch bei Autoren wie Borges und Bolaño ein: Wie die Lateinamerikaner baut auch er in seine Geschichte zusätzlich Blätterwälder und Zettelwelten ein, die mal ins Land Nirgendwo, mal in andere Comicwelten führen. So ist Lauriano nicht nur Protagonist von „Auf dunklen Wegen“, sondern auch anonymer Autor von David B.s Comicreihe „Geheimnisse der Nacht“ (auf Deutsch in Plaque 1 erschienen) und der revolutionären Zeitung „Yoga“, für die er nur eine programmatische leere Seite beisteuert. Figuren und Wohnungen, die nur aus Büchern bestehen, entfalten sich im Comic zu babylonischen Bibliotheken.

Komplett. In Deutschland sind die beiden Teile der Geschichte zusammen in einem Band bei Avant erschienen.
Komplett. In Deutschland sind die beiden Teile der Geschichte zusammen in einem Band bei Avant erschienen.Foto: Avant

Wer nach einem historischen Comic sucht, wird von „Auf dunklen Wegen“ vielleicht ein wenig enttäuscht sein, obwohl sich der Autor alle Mühe gibt, Fakten in seine Fiktion einfließen zu lassen. Doch hinter der Maske der Geschichtsaufarbeitung arbeitet David B.s Hirn unaufhörlich an neuen poetischen Querverbindungen. Es ist einfach eine schiere Freude, dem bunten Fabulierspiel von David B. zu folgen, sich auf diese dunklen Wege zu begeben. Mit „Auf dunklen Wegen“ reizt David B. das Potenzial des gedruckten Comics weiter aus. Die Folgebände der Reihe sind bereits in Arbeit – sie werden an anderen europäischen Schauplätzen spielen.

David B.: Auf dunklen Wegen, 124 Seiten, 24,95 Euro, Avant-Verlag. Mehr unter diesem Link.

Die Homepage unseres Autors Daniel Wüllner findet sich hier, zu seinem Blog geht es hier.

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