Graphic Novel : Hypnotischer High-School-Ausflug

Alex Robinson gehört zu den wichtigsten amerikanischen Comic-Erzählern der Gegenwart. Jetzt ist seine Graphic Novel „Unvergessene Zeiten“ auf Deutsch erschienen.

Katja Schmitz-Dräger
Ich und Ich. Eine Szene aus dem besprochenen Band.
Ich und Ich. Eine Szene aus dem besprochenen Band.Illustration: Robinson/Edition 52

Eine Coming-of-Age-Geschichte ist der neue Band des preisgekrönten amerikanischen Comicautors Alex Robinson eigentlich gerade nicht - schließlich ist Andy Wicks bereits knapp 40 und zum Leidwesen seiner Frau starker Raucher. Nun muss er per Hypnose noch einmal in seine Jugend Mitte der 80er Jahre zurückkehren und, so folgert er bald, seine erste Zigarette ablehnen. Es dauert eine Weile, bis er begreift, dass es tatsächlich um etwas ganz anderes geht...

Mit „Unvergessene Zeiten“, als Bestes Originalalbum mit dem Harvey Award 2009 ausgezeichnet, hat Edition 52 nach dem hochgelobten Epos „Ausgetrickst“ (Rezension unter diesem Link) jetzt einen zweiten Band von Alex Robinson vorgelegt, der inzwischen zu den wichtigsten jüngeren Comicautoren Amerikas gezählt wird. Die Erzählung kommt um einiges schmaler daher als das umfangreiche Vorgängerwerk (und auch als „Box Office Poison“, das bisher noch nicht auf Deutsch erhältlich ist), kann aber mit der gleichen zeichnerischen Qualität aufwarten; Robinsons klarer und kontrastreicher Stil ist ebenso wie die experimentierfreudige Panelanordnung unverkennbar an Will Eisner geschult.

Coming of Age eines Nerds

Im Vordergrund der Geschichte um Andys Reise in seine Pubertät stehen weniger die technischen Aspekte einer Zeitreise, obwohl Andy („Du hast doch Star Trek gesehen! Du weißt, dass du auf keinen Fall in den Lauf der Dinge eingreifen darfst!“) sich über die grundlegenden Regeln des Raum-Zeit-Kontinuums durchaus im Klaren ist. Keine „Zurück in die Zukunft“-artig verblassenden Fotos also, denn schließlich geht das Ganze ja im hypnotisierten Gehirn von Andy Wicks vonstatten. Und das bleibt auch stets präsent: das des erwachsenen Andy, wohlgemerkt, das nun sich selbst und seine klassisch zusammengesetzte High-School-Nerdclique dabei beobachten kann, wie sie sich durch den Schulalltag und die eigenen Unsicherheiten hangeln.

Perspektivwechsel. Zwei Seiten aus dem Buch.
Perspektivwechsel. Zwei Seiten aus dem Buch.Illustration: Robinson/Edition 52

Hier liegt auch die einzige Schwäche des Bandes: Die größte Strecke der Erzählung besteht aus wortreichen Betrachtungen eines Erwachsenen über seine Pubertät, aus gelegentlich langatmigem Erstaunen über die Unsicherheiten oder ungeschriebenen Regeln der High School, hier und da gespickt mit Situationen, in denen der Vierzigjährige bei der Aufgabe stolpert, sich seinem Teenagerkörper entsprechend zu verhalten oder sich an die Namen seiner Freunde zu erinnern, auf die aber auch niemand so recht reagiert.

Das macht in der Rahmenhandlung schon irgendwie Sinn, denn schließlich ist - wie gesagt - Andys Erinnerung der eigentliche Schauplatz des Geschehens und nicht das reale Jahr 1985. Dennoch scheint es über weite Teile eben doch eine weitere Coming-of-Age-Geschichte aus der Perspektive eines mittelbeliebten, nicht allzu coolen High-School-Nerds zu werden, und nachdem das Thema in zahlreichen Filmen, Büchern oder Songs erschöpfend behandelt worden ist, fragt man sich nach einer Weile, wo wohl der besondere Twist bleibt, der das Buch lesenswert macht. Zumal Alex Robinson ziemlich lange wartet, bis er mit seiner Pointe rausrückt. Das Schöne ist: Es gibt eine. Und - ohne zuviel zu verraten - mit ihr wird die Geschichte tatsächlich rund.

Grandiose Verbindung von Text und Bild

Erfreuen kann man sich auch an wirklich guten Beobachtungen von Sinn und Unsinn der Teenagerlogik, und an dem Gedankenspiel, mit der Gewissheit über die langfristig relative Bedeutungslosigkeit der täglichen Dramen auch mal etwas riskieren zu können und damit durchzukommen. So schnappt sich der erfahrene Andy im Körper des Fünfzehnjährigen das Date mit dem seinerzeit nur aus der Ferne angeschmachteten Mädchen einfach, und - um die eigentliche Mission nicht zu vergessen - lehnt die Zigarette, mit der er vormals versucht hatte, ein paar Studentinnen zu beeindrucken, einfach ab. Auch all die kleinen Details, die nicht so explizit daherkommen, machen großen Spaß - wie die kleine Hommage an „Zurück in die Zukunft“, die Mutter aller Zeitreise-Missionen, im beiläufigen „Der neue Michael J. Fox läuft am Wochenende an“.

Grandios sind stellenweise die grafischen Experimente, mit denen Alex Robinson die Möglichkeiten des Comics voll ausreizt. Besonders in der aus mantrisch wiederholten Formeln und abschweifenden Gedanken zu einem Bild zusammengesetzten Hypnoseszene zu Beginn oder, gegen Ende, bei einer gefühlsträchtigen Konfrontation gehen Text und Bild eine Verbindung ein, die über sich selbst hinausweist, und zeigen, dass Robinson es eben einfach draufhat. Zu Recht wird seinen Arbeiten immer größere Aufmerksamkeit beigemessen.

Ein gut beobachteter und mit klarem Strich gezeichneter Comic über die Wunschvorstellung Pubertätsgeschädigter, die Teenagerzeit mit der Erfahrung des Erwachsenen zu wiederholen und sich dabei endlich ein bisschen zu entspannen, und über das versöhnliche Abschließen mit unwiderruflichen Versäumnissen.

Alex Robinson: Unvergessene Zeiten, 132 Seiten, aus dem Englischen von Frank Plein, 12 Euro, Edition 52, weitere Informationen und Leseprobe unter diesem Link. Zur Website von Alex Robinson geht es hier.

 

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