Graphic Novel : Lebensmüde unter sich

Eine Comicadaption von Robert Louis Stevensons „Der Selbstmörderclub“? Das klingt viel versprechend. Doch die Macher haben bei der Umsetzung eine Chance verschenkt.

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Ehre, Schuld und Anstand: Eine Seite aus dem besprochenen Band.
Ehre, Schuld und Anstand: Eine Seite aus dem besprochenen Band.Foto: Splitter

Comicadaptionen von Literarischen Werken gelingen selten: Entweder ist das Ergebnis so platt, das gerade mal das Gerippe der ursprünglichen Handlung Platz in den Panels gefunden hat, oder es hält sich – aus falsch verstandenem Respekt – sklavisch an die Vorlage, und versucht sich lediglich an einer Bebilderung. Im Falle der jetzt auf Deutsch bei Splitter erschienenen Adaption von „Der Selbstmörderclub“ ist über weite Strecken letzteres der Fall.

Dabei war die Idee so gut: Die beiden Franzosen Clément Baloup und Eddy Vaccaro haben eine relativ unbekannte Geschichte von Robert Louis Stevenson ausgegraben, die zweifellos Potenzial für eine packende Adaption besitzt: Prinz Florizel von Böhmen führt im London des späten 19. Jahrhunderts das Leben eines Bohemien. Er und sein treu ergebener Oberst Geraldine suchen in der Londoner Unterwelt nach Abenteuern und extravaganten Clubs, während er gleich zu Anfang des Comics zwei Damen beteuert, das Abenteuerlichste, was er in der nächsten Zeit vorhabe, sei eine kleine Jagdpartie.

Wer das Pik As zieht, muss sterben

Es verschlägt den adligen Dandy in den „Selbstmörderclub“, eine Vereinigung von Lebensmüden, Spielern und gebrochenen Persönlichkeiten, die sich einmal in der Woche treffen, um in geselliger Runde zu plaudern und zu trinken. Höhepunkt des Abends ist jedoch das Kartenziehen, bei dem den Mitgliedern reihum Spielkarten gereicht werden: Wer das Pik As zieht, muss sterben, wer das Kreuz As zieht, muss den Mord ausführen. Prinz Flozirel kann dem Nervenkitzel nicht widerstehen und geht nach einer glücklich überstandenen Partie ein zweites Mal in den Club – diesmal ist ihm das Glück nicht so hold…

Baloup und Vaccaro übernehmen vorlagentreu das Szenario, wie Stevenson es 1878, zur Entstehung der drei zusammenhängenden Kurzgeschichten, aus der „Der Selbstmörderclub“ besteht, geschildert hat: Ein dekadentes London voller gelangweilter Junggesellen aus der Oberschicht, die – nur begleitet von ihren Dienern – nach Abenteuern in seltsamen und verruchten Clubs suchen. Einen richtigen Beruf haben die meisten nicht, Frauen spielen in ihrem Leben keine Rolle. Diese Welt mit ihren Absurditäten und Mechanismen zu beleuchten und kritisch zu hinterfragen, hätte das Verdienst dieses Comics sein können.

Ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel

Doch die männlichen Helden dürfen wie vor 150 Jahren unreflektiert ihre fragwürdigen Vorstellungen von Ehre, Schuld und Anstand verbreiten, die aus heutiger Sicht alles andere als glaubwürdig wirken. Heuchlerisch ist zum Beispiel Prinz Florizel, der sich verkleidet um dem verbotenen Reiz des Selbstmörderclubs zu erleben, sich jedoch kurz danach über diese Vereinigung zutiefst moralisch empört, nur um in Folge selbst zu einem Spieler zu werden: Anstatt den kriminellen Kopf des Clubs einfach seiner gerechten Bestrafung zuzuführen, will er mit ihm – aus völlig anachronistischen Vorstellungen von Fairness – ein inszeniertes Katz-und-Maus-Spiel spielen, das am Ende einen von Florizels Vertrauten das Leben kostet.

Tödlicher Nervenkitzel: Das Cover des Buches.
Tödlicher Nervenkitzel: Das Cover des Buches.Foto: Splitter

Wie viel lohnender wäre es gewesen, sich von Stevensons verschachtelter Erzählung zu lösen, und stattdessen – wie im gelungenem ersten Drittel des Comics - sich ganz auf die groteske Atomsphäre des Selbstmörderclubs einzulassen, seine grausamen Regeln spielen zu lassen und die Motive der Charaktere zu betrachten, die es in diesen Club zieht. Doch kaum hat man etwas von diesem teuflischen Cocktail gekostet, wird er einem schon wieder vom moralinsauren Florizel aus der Hand geschlagen. Der Rest des Comics beschränkt sich darauf, in einer umständlichen Krimihandlung das Unrecht wiedergutmachen zu wollen  

Was dem Text misslingt, machen Eddy Vaccaros Zeichnungen  – zumindest teilweise – wieder wett: Die Atmosphäre des London des 19. Jahrhunderts ersteht in den von Sepia- und Beige-Tönen dominierten Bildern glaubhaft wieder auf, die stimmigen Aquarell-Zeichnungen illustrieren den Krimi-Plot oft geradezu filmisch.  

Die Macher des Comics haben das Potential der Vorlage leider nicht ausgeschöpft, und dieses besteht im Falle von Stevensons Geschichte vor allem darin, die Grundidee auszubauen, anstatt die Handlung zu rekonstruieren. Das verwundert etwas, schließlich gab es in der Vergangenheit zahlreiche Film- und Bühnenumsetzungen der Erzählung – da hätte es doch Inspirationen genug geben müssen?

Clément Baloup, Robert Louis Stevenson und Eddy Vaccaro (Zeichner): „Der Selbstmörderclub“, Deutsch von Tanja Krämling, Splitter, 96 Seiten, 19,80 Euro.

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