Graphic Novel : Love Me Tender

Astrid Kirchherr und der erste Bassist der Beatles, Stuart Sutcliffe, waren ein Paar. 50 Jahre später hat Tagesspiegel-Zeichner Arne Bellstorf ihre tragische Liebesgeschichte als Comic nacherzählt.

Lars von Törne
Nur Augen füreinander: Eine der ersten Begegnungen von Astrid Kirchherr und Stuart Sutcliffe im Herbst 1960.
Nur Augen füreinander: Eine der ersten Begegnungen von Astrid Kirchherr und Stuart Sutcliffe im Herbst 1960.Zeichnung: Bellstorf/Reprodukt

Wie schön diese Jungs sind! Als die junge Hamburger Fotografin die fünf Musiker an jenem Oktoberabend zum ersten Mal auf der Bühne sieht, ist sie überwältigt. „Sie sahen einfach traumhaft aus“, erinnert sich Astrid Kirchherr an den Abend 1960. Die coolen Jeans und Lederjacken, die von Marlon Brando inspirierten Haartollen, das Charisma, das sie ausstrahlen, während sie den Keller mit Songs wie „Roll Over Beethoven“ oder „Dizzy Miss Lizzy“ zum Kochen bringen: „Der Traum einer Fotografin.“

50 Jahre ist es diesen Monat her, dass Kirchherr in einer verrauchten Musikkneipe auf der Hamburger Reeperbahn den damals noch unbekannten Beatles begegnet. Es ist einer der ersten Auftritte der Band aus Liverpool, die der Kunststudent John Lennon wenige Monate zuvor gegründet hat. Und für Astrid Kirchherr der Beginn der größten Liebe ihres Lebens. Einer Liebe, die nicht einmal zwei Jahre dauern sollte, aber für sie bis heute fortlebt – zu Stuart Sutcliffe, der damals Bass spielte und dann von Paul McCartney abgelöst wurde.

Jetzt hat Tagesspiegel-Zeichner Arne Bellstorf die Geschichte von Kirchherr und Sutcliffe in einem Comicroman nacherzählt. Der 30-jährige Zeichner, der wie die Fotografin in Hamburg lebt, hat sich lange mit ihr über jene Jahre unterhalten und ihre Schilderungen mit Bleistift, Tusche und Aquarellstift in melancholische Schwarz-Weiß-Bilder umgesetzt. Durch die Panels ziehen sich Songtexte, die den beiden viel bedeuteten, vor allem „Love Me Tender“ von Elvis Presley, ein Lied, das Stuart oft für Astrid sang.

„Wenn es um Anfragen zu ihrer Geschichte mit den Beatles geht, ist Astrid sehr zurückhaltend“, sagt der Zeichner. Für ihn machte sie eine Ausnahme. „Das hat sie interessiert, das andere Medium, die Comics, und dass jemand in meinem Alter sich für ihre Geschichte begeistert und nicht nur für die der Beatles.“ Bellstorf empfand sie als „beeindruckend“, wie er sagt. „Sie ist jetzt über 70 und trägt noch immer ausschließlich Schwarz.“ Der ästhetische Anspruch, der durch sie auch den Stil der Beatles mitgeprägt hat, sei bei Kirchherr als Lebensentwurf noch deutlich zu spüren.

Baby's in Black - Vom Zufallsfund zum Comic-Meisterwerk
Wo alles begann: Minutiös hat Bellstorf die ersten Schritte der Beatles auf dem Weg zum Weltruhm nachgezeichnet. Ein großer Fan der Band war der Autor allerdings zuvor nicht, wie er erzählt. Seine Eltern hatten die Platten der Band zu Hause, aber ihm schien die Musik als Kind sehr weit weg.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Illustration: Bellstorf/Reprodukt
17.10.2010 13:26Wo alles begann: Minutiös hat Bellstorf die ersten Schritte der Beatles auf dem Weg zum Weltruhm nachgezeichnet. Ein großer Fan...

Ursprünglich wollte Bellstorf eine andere Geschichte erzählen, in der es um die Jugendbewegung im Hamburg der 50er und 60er Jahre ging. Dabei stieß er auf Fotos des Liebespaars, die ihn neugierig machten. Die blonde 22-Jährige mit dem Bubischnitt und oft im schwarzen Rollkragenpullover, Erkennungszeichen der von Sartre inspirierten Existenzialisten, und der schlanke Mann, soeben 20 geworden, mit den ausdrucksstarken Augen – schon optisch scheinen die beiden wie füreinander geschaffen.

Es funkt in jener Oktobernacht vor einem halben Jahrhundert sofort, als die junge Frau den „Kaiserkeller“ betritt. Der Bassist der Band, Kunststudent wie John Lennon und damals sein bester Freund, steht mit dem Rücken zum Publikum. „Als er sich umdrehte, haute es mich um“, erinnert sich die 72-Jährige. „Ich wusste: Das ist der Mann meines Lebens.“ Kurz danach sind die Fotografin und der Bassist ein Paar. Sie macht mit ihrer Rolleicord auf dem Hamburger Dom die ersten professionellen Aufnahmen der Band, die später in Zeitschriften und Büchern nachgedruckt werden. Eineinhalb Jahre später ist Sutcliffe tot.

„Er war und ist die Liebe meines Lebens“, sagt Kirchherr, wenn sie interviewt wird, wie zum Beispiel vor einiger Zeit für die BBC-Dokumentation „The Lost Beatle“ über ihren einstigen Verlobten. Sie war zwar später, nach Stuarts Tod im April 1962, mehrmals verheiratet. „Aber nie habe ich einen Mann getroffen, der so faszinierend, so wunderschön und so talentiert war.“

Der Ursprungsmoment der Pilzkopffrisur

Wie stark die Anziehungskraft zwischen den beiden ist, das spürt man in Bellstorfs Comicbildern in fast jedem Panel, das Astrid und Stuart zusammen zeigt: Wie sie sich in einer Reeperbahnkneipe küssen, während um sie herum eine Schlägerei im Gange ist; ihr Verlobungsversprechen vor der Kulisse des Hamburger Hafens, bei dem beide so rührend jung aussehen; ihre langen, intensiven Gespräche über Kunst, Literatur, den Sinn des Lebens; oder wie sie ihre Augen nicht voneinander lassen können, wenn Stuart auf der Bühne steht und Astrid im Publikum zu ihm heraufschaut.

Wie füreinander geschaffen: Astrid Kirchherr und Stuart Sutcliffe, wie Arne Bellstorf sie sieht.
Wie füreinander geschaffen: Astrid Kirchherr und Stuart Sutcliffe, wie Arne Bellstorf sie sieht.Zeichnung: Bellstorf

Die Beatles sind in dieser Liebesgeschichte von nachgeordneter Bedeutung, wenngleich Bellstorf Kirchherrs subtilen, aber nicht unerheblichen Anteil am späteren Welterfolg nicht ausspart. Er zeichnet nach, wie die Fotografin, damals eine Stilikone der Hamburger Künstlerszene, ihrem Freund eine andere Frisur verpasst, bei der Haare nicht mehr hoch- sondern heruntergekämmt werden und über die Ohren fallen. Das ist er, der Ursprungsmoment der Pilzkopffrisur, die später zum optischen Markenzeichen der gesamten Band wird.

Da hat Sutcliffe die Beatles allerdings bereits verlassen, und Bellstorfs Comic macht in ruhigen, klaren Bildern deutlich, wieso. Die Kunst und das Leben außerhalb verräucherter Keller sind dem mittelmäßig begabten Musiker wichtiger als alles, was ihm die Beatles hätten bieten können. Dass er im Herbst 1960 überhaupt am Bass stand, war der Überredungskunst von Lennon zu verdanken. Im Mai 1961 kehrt Stuart endgültig der Band den Rücken, kurz danach beginnt der unglaubliche Aufstieg zur bedeutendsten Popgruppe des 20. Jahrhunderts.

„Ihre Haut ist hell, ihre Augen sind voller Feuer“

Stuart Sutcliffe geht in der Beziehung zu Astrid und vor allem in der Kunst auf, er malt abstrakte, expressionistische Bilder voller vielschichtiger Symbole in seinem Atelier, das ihm Astrid im Haus ihrer Mutter eingerichtet hat. Auf der Hamburger Kunsthochschule wird er wegen seiner malerischen Begabung zum Nachwuchs-Star – und zum Objekt der Sehnsucht vieler Kommilitoninnen. Sein außergewöhnlich schönes Gesicht und seine zurückhaltende Art tragen ihm den Spitznamen „James Dean von Hamburg“ ein, wie er einem Freund in England nicht ohne Stolz schreibt.

Kirchherr und Sutcliffe 1961 in Hamburg.
Kirchherr und Sutcliffe 1961 in Hamburg.Foto: Redferns

Astrid und er schmieden Zukunftspläne, sie verloben sich und träumen von einer Hochzeit in Paris. „Ihre Haut ist hell, ihre Augen sind voller Feuer, ihre Hände sind wunderschön, klein und zittern, wenn wir uns berühren“, schreibt Stuart in einem Brief an einen Schulfreund daheim in England. Mit dieser Frau will er sein Leben verbringen. Aber mit seiner Gesundheit stimmt etwas nicht. Er verliert Gewicht, hat Augenprobleme, Kopfschmerzen. Seine Gemälde werden dunkler und dunkler, bestehen fast nur noch aus schwarzen Farbschichten. Am 10. April 1962 hat er zum wiederholten Mal einen Schwächeanfall. Ein Rettungswagen fährt ihn in die Klinik, Astrid hält auf dem Weg seine Hand. Als sie im Krankenhaus ankommen, ist er bereits tot. Die Diagnose: Hirnblutung.

Stuarts Foto steht bis heute auf ihrem Nachttisch

Zwei Jahre später, 1964, schreiben John Lennon und Paul McCartney ein Lied mit dem Titel „Baby’s In Black“. Ein trauriger Walzer, der von einer Frau handelt, die einem verlorenen Geliebten nachtrauert und Schwarz trägt. „Dear what can I do?”, heißt es in dem Lied. „Baby's in black and I'm feeling blue” – für viele Fans Anlass zu der Vermutung, es gehe in dem Lied um den Abschied Johns von seinem Jugendfreund Stuart und die Trauer Astrid Kirchherrs. Bellstorf hat den Titel für sein Buch übernommen. Vor kurzem hat er Astrid Kirchherr ein Exemplar geschickt. „Sie fand es sehr schön und hat mich wissen lassen, dass sie stolz auf das Ergebnis ist und dass sie mir helfen konnte“, sagt er.

„Ich brauchte sehr lange, um zu verstehen, dass er weg ist“, hat Astrid Kirchhoff mal gesagt. Die Liebe, die sie damals für Stuart empfand, war das stärkste Gefühl, das sie jemals erlebt habe. „Es war so intensiv, dass es mir manchmal Angst machte.“ Stuarts Foto steht auch 48 Jahre nach seinem Tod auf ihrem Nachttisch, und ab und an stellt sie frische Blumen daneben.

Arne Bellstorf: Baby’s in Black, 216 Seiten, Reprodukt, 20 Euro. Leseprobe unter diesem Link.

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