Graphic Novel : Magere Beute

Die Piraten-Indianer-Abenteuergeschichte "Canoe Bay" lockt mit wunderschönen Aquarellen – und enttäuscht mit einer Geschichte wie aus dem Baukasten

Sven Jachmann
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Kindlicher Blick. Eine Szene aus dem Album.Illustration: Splitter

Wie wichtig ist im Comic die Funktion eines schönen Bildes, wenn es sich von dem, was es erzählen will, beständig löst? Die Frage ist ein alter Hut, unlösbar zudem, man wird aber unweigerlich mit ihr konfrontiert, sobald bei der Lektüre des Albums "Canoe Bay" die Verzückung über die wunderschönen Aquarellbilder der Ernüchterung aufgrund ihrer Selbstgenügsamkeit weicht.

Die Erzählung will denkbar wenig: eine Piratengeschichte der alten Schule, ein Roadmovie durch Wälder und über Gewässer, deren Duktus sich in der Tradition der Initiationsspiele des Jugendromans bewegt.

Allerdings bleibt hier die Initiation vor allem behauptet, und das ist wohl ein erzählökonomisches Manko. So gerät der bereits im Alter von drei Tagen zum Waisen verurteilte Jack schon als Knabe an den charismatischen Piratenkapitän Lucky Roberts, um mit ihm jedwede Station zu durchlaufen, die das Genre eben so hergibt: Meuterei, Gefängnis, Entführung, eine Schatzsuche, alles drin, als Dreingabe zudem die historische Kulisse des Siebenjährigen Krieges.

Allein: Es findet keinerlei Entwicklung statt, weil die Figuren lediglich in Bewegung reagierend beobachtet werden. Zwar fungiert der junge Jack zugleich als Ich-Erzähler, bleibt dabei jedoch so personal wie nur eben möglich, beschreibt also das Geschehen, verdoppelt es damit lediglich und schweigt sich darüber, was selbiges mit ihm anrichten mag, beharrlich aus.

So etwas kann natürlich kein prinzipieller Kritikpunkt sein. Das Arrangement der Handlungsstränge und die dramatisch überspitzte Konstellation der Figuren, vor allem die väterliche Beziehung Jacks zu Lucky Roberts schreien jedoch andauernd nach Empathie, wo keine zu haben ist.

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Konventionell. Cover des Albums.

Die Suche nach dem Schatz verspricht den frühzeitigen Ruhestand. Im Großen und Ganzen stellt sich der Schiffsalltag allerdings als recht betulich dar. Wozu ihm also entfliehen wollen?

Ebenso sind die Kollaborationen innerhalb der kriegerischen Gefechte zwischen Engländern, Franzosen und Ureinwohnern völlig zweitrangig, markieren sie doch einzig und gleichermaßen feindliche Hürden, die Ge- oder Misslingen der Schatzsuche diktieren – eine weiterführende, möglicherweise handlungskonstituierende Relevanz besitzen sie jedoch nicht, jedenfalls nicht mehr als ein Priester in einer x-beliebigen Romantic Comedy. Und wenn Lucky Roberts einige Jahre später vor der Kulisse eines feudalen Landhauses an der Küste unangekündigt in See sticht (der Konflikt zwischen Freiheit und Sesshaftigkeit wird durch die Romantik als Vermittlerin ausgeschaltet), müssen wir die wehmütige Frage Jacks, was ohne Lucky aus ihm und seinen neuen Freunden wohl geworden wäre, mit einem Schulterzucken quittieren und blicken recht gelassen dem Schiff am roten Horizont hinterher. Seine meist staunenden oder Irritation verratenden Blicke haben uns zuvor jedenfalls wenig an Visionen und Plänen, geschweige denn identitätsverändernder Initiation vermittelt.

Vielleicht ist hier zu deutlich das Gerüst der gesamten Erzählung zu sehen, das bloß Bausteine aneinander reiht und dabei verlangt, den Piratenmythos blind zu akzeptieren. Weil es ihm weder etwas hinzu fügt noch abverlangt, dringt sein Faszinosum nur so weit, wie grundsätzlich das Interesse an Piraten und ihre Eskapaden eben ausgeprägt ist.

Komprimierte Redundanz, die einen umstandslosen Weg von A nach B sichert und jedes Ausscheren scheut, narratologisch ihre Bilder indes zu Illustrationen degradiert. Und auch nicht mehr von ihnen verlangt. Als Rest bleibt der farbdurchtränkte Pinsel des Autorenduos, von dessen Komplexität nicht zuletzt der umfangreiche Anhang einen Eindruck vermittelt.

Eine Abenteuergeschichte, die das Rad nicht neu erfindet - und eine (See-)Räuber-Pistole, die dem kindlichen Blick auf den Piraten-Mythos erliegt.

Patrick Prugne/ Tiburce Oger: Canoe Bay. Splitter Verlag, Bielefeld. Hardcover, 104 Seiten, 22, 80 Euro. Mehr zum Buch und Leseproben unter
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Die Website unseres Autors Sven Jachmann findet man unter diesem Link.

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