Graphic Novel : Mein Vater, der Held

Brian Fies' Graphic Novel „Und wir träumten von der Zukunft“ erzählt auf bewegende Weise von einer Vater-Sohn-Beziehung, von utopischen Zukunftshoffnungen und von einem Generationskonflikt im Zeichen des Kalten Krieges.

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Golden Age. Das Buch kombiniert kunstvoll verschiedene Erzählebenen.
Golden Age. Das Buch kombiniert kunstvoll verschiedene Erzählebenen.Illustration: Fies/Knesebeck

Comics haben trotz der fehlenden breiten wissenschaftlichen Anerkennung in Deutschland gegenwärtig eine steigende Konjunktur, erfreulicherweise. Als klarstes Zeichen hierfür kann die Tatsache gelten, dass sich auch comicferne Verlage mit der Herausgabe von graphischen Erzählungen positionieren. Mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

Gegenwärtig glänzt der bisher auf hochwertige Bildbände und Kunstbücher spezialisierte Verlag Knesebeck mit der Herausgabe der deutschen Übersetzung von Brian Fies' charmanter Erzählung „Und wir träumten von der Zukunft“. Hier wird alles richtig gemacht, das Buch ist optisch ansprechend, solide verarbeitet und überzeugend in erster Linie aufgrund der unbedingten Werkstreue, welches verschiedene Papierformate mit einbindet.

Einzig an der Übersetzung des Titels möchte ich mich reiben. Der etwas schwerfällige Titel (mitsamt seines barocken Untertitels „Eine Geschichte von Hoffnung und Wandel“) erschließt sich mir nicht direkt, lautete doch der Originaltitel „Whatever Happened to the World of Tomorrow?“. Natürlich ist er keineswegs falsch oder irreführend, aber der Begleittitel krankt an einer starken Vorwegnahme der Erzählabsicht. Hier zeichnete sich der englische Titel durch seine Zurückhaltung aus und ließ den Leser selbsttätig entdecken, welcher Art das literarische Projekt des Autors ist. Brian Fies wurde durch seinen Vorgängercomic „Mutter hat Krebs“ weltbekannt. Der zunächst nur digital erhältliche Comic, welcher die autobiografische Schilderung des Umgangs mit der Krebserkrankung seiner Mutter thematisiert wurde mit Preisen überhäuft (Eisner Award for Best Digital Comic 2005 / Harvey Award 2007 und Deutscher Jugendkulturpreis 2008).

Durch Technik und Fortschritt zu einer immer besseren Welt

Seine Mutter hat den Kampf leider nicht überstanden, sie verstarb 2005 an den Nebenwirkungen ihrer Medikation und dieser Einschnitt erklärt möglicherweise auch, weshalb der Autor jetzt einen neuen Comic vorlegt, welcher sich durch die absolute Abwesenheit einer Frauenperson auszeichnet. Einzig und alleine der kleine Buddy und sein Vater werden in das Zentrum der Erzählung gerückt.

Gemessen an der Zeit, welche behandelt wird - das Szenario beginnt 1939 und erstreckt sich bis in die frühen 80er - ist die dargestellte soziale Formation eines allein erziehenden Vaters sehr ungewöhnlich. Die auffällige Vater-Sohn-Geschichte entwickelt eine besondere Dynamik und Tiefe, welche durch die feinsinnigen, leisen Zwischentöne und die elegant ausformulierenden innerfamiliären Nuancierungen glaubwürdig transportiert wird.

Der deutsche Untertitel verweist auf den technologischen und gesellschaftlichen Fortschrittsoptimismus der Epoche, Fies thematisiert diesen in seinem Vorwort ausführlich und verteidigt ihn auch gegen den allgegenwärtigen Zynismus und die alltägliche Katastrophenbegeisterung. Natürlich nimmt er somit einen sehr problematischen Standpunkt ein, kennen wir doch heute die Risiken verschiedener technologischer Errungenschaften und die Sackgassen einzelner gesellschaftlicher Großversprechen.

Aber es wäre falsch diesen Comic aus nachträglicher Perspektive ex post abzukanzeln, denn die Absicht besteht ja gerade in der Sichtbarmachung der Gründe für diese ehemals vorhandene, stellenweise risikoblinde Begeisterung, ein idealistisches Bezugssystem an dessen Ende immer eine menschenwürdigere, menschlichere Welt stand.

Brennglas der Deformationen des Kalten Krieges

Für eine Generation, die sich im postideologischen Raum sehr heimelig einrichten konnte, schrammt diese Retrospektive natürlich immer haarscharf an der Verklärung vorbei. Aber gerade hier zeigt sich die Größe dieses Comics: Fies ist nicht bereit, etwaige Kompromisse einzugehen, er möchte erzählen, berichten, ausschmücken - und dies macht er trotz aller Bereitschaft ins utopische Horn zu stoßen, erfreulich bodenständig.

Alles scheint möglich. Die Geschichte beginnt auf der Weltausstellung 1939.
Alles scheint möglich. Die Geschichte beginnt auf der Weltausstellung 1939.Illustration: Fies/Knesebeck

Reduziert man die vielschichtige Story auf Einzelereignisse, so kann man zwei Dinge beobachten. Man kann Buddys Emanzipation von der patriotischen Begeisterung seines Vaters nachverfolgen. Während er sich an seiner ungebrochenen Faszination für die Astronauten und deren bahnbrechende Erlebnisse berauschen kann, speist sich die vermeintlich gemeinsamen familiäre Begeisterung für die Raumfahrttechnologie, eher aus einen ideologischen und chauvinistischen Wettkampfdenken. Somit wird der Verlust seines naiv-kindlichen Glauben an die technologische und soziale Gestaltungsmacht des Menschen auch zu einem Lackmustest für die amerikanische Gesellschaft an sich.

Sicherlich gab es Tausende Buddys, die ab einem gewissen Punkt erkennen und anerkennen mussten, dass ihre Väter ihre kindlichen Vorstellungen nicht teilten - diese berührende Inszenierung der Relativierung früherer Ideale macht diese etwas andere Coming-Of-Age-Schilderung auch so besonders, nicht nur dieser einzelne kleine Junge wird sich bewusst, sondern die gesamte Dynamik der Krisenbewusstwerdung einer ganzen Generation wird zum Thema - unaufdringlich, ohne grelle Effekte oder gar belehrende Tendenzen.

Aber neben der Abnabelung von der Gedanken- und Ideenwelt des Vaters wird auch etwas anderes sichtbar. Während Buddy die Grundlagen des Fortschritts immer kritischer hinterfragt, entfernt er sich immer weiter von seinem Vater, dessen ideologische Perspektive sich nicht mit diesen Zwischentönen versöhnen lässt - diese stereotype All-american-Familie (ohne Mutter) verdichtet sich zunehmend zu einem Brennglas der Deformationen des Kalten Krieges.

Strahlende Kinderaugen, strahlende Zukunft

Für seinen Vater sind die Hölle noch immer nur die Anderen - er kennt weder Graustufen, noch Zweifel, sein binäres Weltbild dominiert alle Gedanken. Buddy versucht sich diesem Deutungsangebot immer wieder zu entziehen und diese Abkehr von den tradierten Muster, diese Abwehr einer fremden Position, dieses Erlangen einer eigenen Stimme und Meinung ist viel mehr als nur die Illustration eines Jungen auf dem Wege zum Mann.

Es ist eine Meditation über die Grenzen des Fortschritts, eine berührende Auseinandersetzung mit den globalen und fundamentalen Veränderungen der Menschheit durch den Eintritt in den Raum und die fortschreitende Technologisierung des Alltagslebens, die radikale Aufspaltung der Welt in zwei unversöhnliche weltanschauliche Sphären.

Fies ist ein Meister der leisen Töne und der sublimen Andeutungen, niemals drängt er sich auf, nie greift er zu manipulativen Mitteln, er bilanziert vielmehr - kenntnisreich und mit großer Hingabe und Erzählfreude verschiedene technologische Entwicklungen, skizziert den Verlauf dieses großen ideologischen Konflikts und reizt mehrfach zum Nachdenken.

Sehr eindrücklich steht dafür die Schilderung der Weltausstellung in New York, welche den Comic einleitet. Die Ausstellung wurde im Jahre 1939 - vor Kriegsbeginn - eröffnet, am Ende galten drei der dort ausgestellten Pavillons als die letzten Orte einer staatlichen Souveränität von Nationen, welche im Feuersturm des Zweiten Weltkriegs verschlungen wurden. Ein sehr kraftvolles Bild. Fies beginnt seine philosophische Umrundung der technologischen Machbarkeit also an einem Ort der Sehnsucht, der Projektion. Dort, wo ein strahlendes Paar Kinderaugen direkt ins Angesicht einer strahlenden Zukunft ohne Grenzen und Konflikte blicken kann.

Nach und nach verliert der Vater an Glaubwürdigkeit

Die fortschreitende Ernüchterung des heranwachsenden Buddys wird neben der internen Thematisierung innerhalb der Geschichte zusätzlich durch einen raffinierten Medieneinsatz unterstützt und illustriert. Am Ende eines jeden Kapitels finden sich einige Seite einer fortlaufenden Geschichte, welche auf einem speziellen Papier (welches in den 30er und 40er Verwendung fand) im Faksimilestil abgedruckt sind.

Die Helden dieser kurzen Episoden - die im Stile einer Golden-Age-Comicreihe verfasst sind - sind ein Paar, bestehend aus einem Vater und dessen jungen Gehilfen. Ein klassisches konservatives Duo, bei dem die Bewunderung und die Folgsamkeit klar verteilt ist, ein Duo, welches heldenhafte Abenteuer zu bestehen hat und sich gegen den Erzbösewicht Xandra wehren muss.

Hochwertig. Das Buch ist optisch ansprechend und bleibt dem Original treu - bis hin zur Verwendung verschiedener Papierformate.
Hochwertig. Das Buch ist optisch ansprechend und bleibt dem Original treu - bis hin zur Verwendung verschiedener Papierformate.Foto: Knesebeck

Im Verlauf der Geschichte werden die Figuren und auch deren klischeehaftes Tun zunehmend dekonstruiert, die Vaterfigur verliert an Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft, die engen Banden der beiden lösen sich. Der Geschichtsverlauf spiegelt sich quasi in diesen Miniaturen und auch hier bilden die leise Ideologiekritik, der zunehmend stärkere Fortschrittsskeptizismus und die Abgrenzung von der väterlichen Weltdeutung einen eleganten Reigen.

Fies entwirft eine äußerst eigenständige Aufarbeitung des binären Weltgegensatzes, der technologischen Errungenschaften des zwanzigsten Jahrhundert und gleichzeitig eine intime Studie einer sicherlich nicht konfliktfreien Beziehung zwischen einem hoffnungsvollen Sohn und seinem ideologisierten Vater.

Brian Fies: Und wir träumten von der Zukunft, 208 Seiten, 24,95 Euro, Knesebeck. Leseprobe unter diesem Link.

Mehr von unserem Autor Markus Dewes finden Sie auf seinem Blog derdigitaleflaneur.blogspot.com, mehr seiner Beiträge für den Tagesspiegel gibt es unter diesem Link.

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