Graphic Novel : Mit der Fantasie alleingelassen

Große Ideen, enttäuschende Umsetzung: Christophe Chabouté verhandelt in der Erzählung  „Ganz allein“ die Grenzen und Möglichkeiten des Alleinseins.

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Außergewöhnliches Szenario: Eine Szene aus dem Buch.
Außergewöhnliches Szenario: Eine Szene aus dem Buch.Foto: Carlsen

Der Franzose Christophe Chabouté hat ein Händchen für außergewöhnliche Szenarios. In Deutschland ist er durch seinen Mystery-Comic „Fegefeuer“ (Tagesspiegel-Rezension hier) bekannt geworden, in dem er eine moralisierende Geschichte aus der Perspektive eines Toten erzählt. In der kürzlich bei Carlsen veröffentlichten Graphic Novel „Ganz allein“ geht Chabouté zwar weniger Phantastisch zu Werke, aber auch dieses Szenario besticht durch einen außergewöhnlichen Einfall.

Ein Hilfsarbeiter heuert auf einem Kutter an, der auch einen Leuchtturm beliefert. Der Kapitän klärt den Neugierigen bald auf, dass dort ein äußerlich Entstellter lebt, der den Turm nie verlassen hat und sogar dort geboren wurde. Der Helfer ist sofort fasziniert von dem Phänomen und versucht mit dem Isolierten Kontakt aufzunehmen. Der Leuchtturmwärter verbringt seine Zeit damit, dass er sich die Außenwelt in seiner Phantasie ausmalt.

Der Mensch als Insel

Im Zentrum der Geschichte steht der geistig und körperlich isolierte Turmwärter, der an David Lynchs Film „Elefantenmensch“ erinnert, welcher auf einem wahren Schicksal beruht. Beide Geschichten verfolgen einen humanistischen Ansatz. Der Wärter bei Chabouté ist neugierig auf die Außenwelt und malt sich diese durch seine naiv-kindliche Phantasie aus. Während Lynch‘ Protagonist von der Masse abgelehnt wird, ist Chaboutés Charakter abgeschnitten von der Welt.

Von der Außenwelt abgeschnitten: Eine Doppelseite aus dem besprochenen Buch.
Von der Außenwelt abgeschnitten: Eine Doppelseite aus dem besprochenen Buch.Foto: Carlsen

Es geschieht nicht viel in „Ganz allein“. In filmischen Einstellungen schreitet der Erzähler gemächlich von Meer-, Tier- und Schiffsaufnahmen zum Leuchtturm, wieder zurück und wieder zum Leuchtturm. Das hat durchaus etwas Meditatives und Entspannendes an sich. Und das Buch lässt sich trotz tiefgründigen Inhalts leicht und schnell lesen. Das eigentliche Problem liegt nur darin, dass manche Szenen zu oft wiederholt werden oder in unnötige Längen gezogen werden.

Im Gegensatz zu „Fegefeuer“ hat Chabouté diesmal auf Farbe gänzlich verzichtet. Das tut seinen Bildern keinen Abbruch, im Gegenteil: die realistischen Hintergrundzeichnungen treten im schwarzweißen Kontrast hervorragend in Erscheinungen. Im Gegensatz zum naturalistischen Hintergrund wirken die Figuren individuell, leicht typisiert. Sein charakteristischer Strich trifft allerdings sicher nicht jedermanns Geschmack.

Anklänge an David Lynch: Das Cover des Buches.
Anklänge an David Lynch: Das Cover des Buches.Foto: Carlsen

Ende gut, alles gut?

Letzten Endes besitzt „Ganz allein“ einen einfallsreichen und vielversprechenden Ausgangspunkt, der allerdings in keiner allzu großen Erkenntnis mündet. Die ausschweifenden Sequenzen drohen dadurch in einer Bedeutungslosigkeit zu versinken. Andererseits gibt es eben zahlreiche Denkanstöße und das Szenario erscheint vor allem im Vergleich mit anderen Titeln immer noch originell und enthält auch humorvolle Szenen. So bleiben nach der Lektüre gemischte Gefühle zurück ob eines grandiosen Ansatzes, aus dem man noch mehr hätte herausholen können.

Chabouté (Text und Zeichnungen): Ganz allein, Carlsen, 376 Seiten, 29,90 Euro. Zur Verlags-Website geht es unter diesem Link.

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