Graphic Novel : Nicht ohne meine Mutter

Die Comic-Novelle "Meine Mutter" von Jean Regnaud und Émile Bravo ist ein anrührendes Jugenddrama für Leser allen Alters.

Lars von Törne
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Rüdes Erwachen. Viele Szenen in "Meine Mutter" dürften ältere Leser an eigene Jugendjahre erinnern.Illustration: Emile Bravo

Der Schriftsteller Jean Paul hatte Unrecht. Auch die Erinnerung ist ein Paradies, aus dem man vertrieben werden kann. Vor allem dann, wenn die Erinnerung so schemenhaft und vage ist, wie bei dem kleinen Jean, der Hauptfigur der anrührenden Comic-Novelle „Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen“ der Franzosen Jean Regnaud und Émile Bravo, die kürzlich auf Deutsch erschienen ist.

Im Zentrum von Jeans Erinnerung: Seine Mutter. Allerdings weiß der kleine Kerl von ihr nicht mehr, als dass sie auf Reisen sein soll. Wann sie ging und wohin, ist ein Rätsel. Und wie sie aussieht, weiß er auch erst, seitdem er bei den Großeltern ein Bild von ihr sah.

Als sich mit dem Nachbarmädchen Michèle eine fragile Freundschaft entspinnt, taucht die Mutter plötzlich in Jeans Leben wieder auf. So scheint es zumindest: Michèle beginnt, ihrem jüngeren Freund Karten vorzulesen, die die Mutter von ihren Reisen rund um die Welt geschrieben habe – wo sie eben auch mal bei Buffalo Bill vorbeigekommen sei.

Ähnlichkeiten mit "Der kleine Nick"

In einfühlsamen Bildern und nicht minder sensiblen Texten erzählen Regnaud und Bravo eine ergreifende Geschichte von Sehnsucht und Verlust, von Hoffnung und Enttäuschung.

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Schulhofhelden. Jean tut sich schwer, Freunde zu finden.Illustration: Emile Bravo

In seiner pointierten, ebenso humorvollen wie ernsten Schilderung von Jeans Alltag als Erstklässler erinnert das Gemeinschaftswerk an die von Altmeister Jean-Jacques Sempé illustrierten Geschichten vom kleinen Nick - wie auch in seiner klassischen, etwas altmodischen Ästhetik.

Mit "Der kleine Nick" hat "Meine Mutter" auch gemein, dass man dem Werk unrecht tut, wenn man es allein als Jugendbuch versteht: Das ist es zwar auch, zugleich aber sind die Erzählung und die künstlerische Umsetzung des Stoffes so vielschichtig, dass wohl Leser aller Altersgruppen mit Jean mitfühlen können.

Und dann auch noch der Weihnachtsmann!

Die konzentrierte Leichtigkeit des Erzähltons und die klaren, eleganten Zeichnungen kontrastieren auf berührende Weise mit den traurigen, schweren Gefühlen, die den kleinen Jean immer wieder überkommen, wenn er versucht, mehr über seine abwesende Mutter zu erfahren, als der zugeknöpfte Vater oder das in diesem Punkt überraschend verschwiegene Kindermädchen preisgeben wollen.

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Die geschickt miteinander verknüpften Episoden erzählen so unterhaltsam wie tiefgängig vom Alltag der jungen Hauptfigur, in dem sich auch erwachsene Leser ohne Probleme wiederfinden können. Regnaud und Bravo haben Jeans Erlebnisse im ersten Schuljahr, bei Verwandtenbesuchen oder im stets von der mysteriösen Abwesenheit der Mutter überschatteten Familienleben mit gutem Timing, feiner Ironie und einer perfekten Balance zwischen der kindlichen Bereitschaft zum Träumen und der Abgeklärtheit der Erwachsenen in Szene gesetzt.

Wenn der kleine Jean gegen Ende rüde mit den Realitäten konfrontiert wird und die Wahrheit nicht nur über seine Mutter sondern auch noch über den Weihnachtsmann erfährt, dürfte das nur ganz abgebrühte Leser kalt lassen.

Jean Regnaud und Émile Bravo: Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen, Carlsen-Verlag, 128 Seiten, 17,90 Euro. Weitere Informationen inkl. Leseprobe unter diesem Link.

Hinweis: Unsere Verlosung ist beendet, die Gewinner wurden per Post benachrichtigt.

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