Graphic Novel : Vergoldeter Herbst

Pascal Rabatés „Bäche und Flüsse" erzählt vom Tod und den Sorgen des Alters - auf wunderbar lebendige, witzige und poetische Weise. Jetzt gibt es das vor zwei Jahren in Angoulême prämierte Album auf Deutsch.

Katja Schmitz-Dräger
315003_0_7f4bc71f.jpg
Spätes Glück. Eine Szene aus dem Band.Illustration: Rabaté/Reprodukt

"Du hast es getrieben?!" - Als der Rentner Emile von den Frauenbekanntschaften seines besten Freundes Edmond erfährt, schwankt er wie ein Vierzehnjähriger zwischen Entsetzen und entzücktem Staunen. Für ihn selbst ist die Sache klar: "Ich könnte das nicht." Seit dem Tod seiner Frau scheint das Thema Sexualität für ihn abgeschlossen zu sein; sein Leben besteht aus sich gleichenden Angeltagen mit Edmond, Wein in der Dorfkneipe und gelegentlichen Besuchen bei den Kindern und Enkeln. Als Edmond plötzlich stirbt, tritt Emile mit einer Rolle Schlaftabletten im Gepäck und der Absicht, sein Leben zu beenden, eine letzte Reise zum Ort seiner Kindheit an. Doch dort trifft er auf eine Gruppe junger Aussteiger, auf die freie Liebe - und findet zu der Freiheit, die ihm verbleibende Zeit zu genießen.

Liebe und Sexualität im Alter ist das Thema von Pascal Rabatés 2007 in Angoulême mit dem Prix de la critique ausgezeichneten Band "Bäche und Flüsse", der jetzt bei Reprodukt erschienen ist. Der Berliner Verlag hat mit dieser Comicerzählung wieder einen glücklichen Griff in den frankophonen Raum getan - die Geschichte ist wunderbar und mit viel Witz erzählt, und die Figuren liebevoll gezeichnet.

Höchst plausibel und ausgesprochen einfühlsam legt Rabaté die Gefühlswelt Emiles dar: die gutgemeinte Bevormundung durch die eigenen Kinder, die neuerliche Einsamkeit nach Edmonds Tod, und die Überforderung mit dem Gedanken an eine neue Liebesbeziehung - zwischen vagen Schuldgefühlen gegenüber der verstorbenen Frau und, konkreter, der Frage, ob "es" überhaupt noch "klappt".

Die verschiedenen Aspekte der Thematik werden ungeschönt und doch mit viel Respekt und Verständnis dargestellt, sei es die abhanden gekommene Übung beim Kennenlernen von Frauen, die Frage, ob man es sich noch leisten kann, wählerisch zu sein, oder die Scham über den gealterten Körper.

315005_0_2aba96d3.jpg
Letzter Abschied. Eine Seite aus dem Buch.

Rabaté hat dabei mit Emile einen so authentischen wie sympathischen Charakter geschaffen, der die Geschichte mühelos trägt. Wie er tief beeindruckt den Frauengeschichten des genüsslich prahlenden Edmond lauscht; wie er sich mal entschlossen, mal verzagt (und oft in seinem winzigen roten Seniorenauto) in von Rückziehern durchsetzte Annäherungsversuche begibt; wie er erst erschrocken, dann aufgeregt triumphierend auf eine überraschende Erektion reagiert - das alles ist zutiefst glaubwürdig und berührend.

Auch die nebenbei porträtierten Figuren und Rituale des französischen Dorflebens sind hervorragend beobachtet. So leicht dahinskizziert die Zeichnungen wirken, so präzise sind Blicke und Gesten der Figuren getroffen. Der Tick des Marktverkäufers, seine Kunden in der dritten Person anzusprechen, die abgeklärt-weihevollen Floskeln nach einer Beerdigung, und die abstrusen, in der Kneipenrunde geführten Gottesbeweise ("Na, wer hat denn wohl das Schneckenhaus erfunden?") machen deutlich, dass Rabaté genau hingehört und -gesehen hat. Gleiches gilt für die hippiesken Aussteiger, denen Emile auf seiner Reise begegnet - für ihre schlechte Körperhaltung, ihre unorganisierte Gutmütigkeit und Toleranz, bis hin zu den argwöhnischen Blicken der Kaufhausdetektive, mit denen sie verfolgt werden.

315004_0_172be113.jpg
Ausgezeichnet. Vor zwei Jahren bekam das Buch auf Europas wichtigstem Comicfestival in Angoulême den Kritikerpreis.

Die Farben sind von gedämpfter Intensität, die einzelnen Panels haben je ihren eigenen Ton und sind von gelegentlich poetischer Stimmung - immer aber von einem leisen und unaufgeregten Humor. Die Sexualität, wo sie thematisiert wird, fügt sich dabei harmonisch in die jeweilige Stimmung ein; Stück für Stück und sehr nachvollziehbar erobert sich Emile den seit dem Tod seiner Frau tabuisierten Bereich zurück.

Ein Autounfall bringt eine unverhoffte Wendung, und die Geschichte schließlich zu einem Happy End - so ungeschönt und humorvoll wie die ganze Erzählung. Am Ende wie am Anfang sitzt Emile mit seiner Angel am Fluss, aber diesmal ist Lyse bei ihm statt Edmond, und keiner von beiden sieht gelangweilt aus.

Pascal Rabaté: Bäche und Flüsse, aus dem Französischen von Kai Wilksen, Handlettering von Céline Merrien, Reprodukt, 96 Seiten, 18 Euro. Mehr zum Buch und Leseprobe auf der Website des Verlages Reprodukt.


0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben