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Graphic Novel : Was vom Glauben übrig bleibt

24.02.2013 15:20 Uhrvon
Abgründig: Eine Seite aus dem besprochenen Buch. Foto: Glücklicher MontagBild vergrößern
Abgründig: Eine Seite aus dem besprochenen Buch. - Foto: Glücklicher Montag

Fressen und gefressen werden: Die „Seelenfresser“-Tetralogie des Leipziger Zeichners Schwarwel beeindruckt mit einer düsteren, komplexen Geschichte. Im Internet lässt sich ihre Entstehung mitverfolgen.

„Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ So lautet Fausts zweifelnde Antwort auf den Chor der Engel, der ihm im nächtlichen Studierzimmer erscheint und von der Auferstehung Christi zum Osterfest berichtet. Der Glaube ist es nicht, der Goethes Helden in dieser Szene vom Selbstmord abhält. Es ist die Erinnerung an eine frühere, bessere Zeit; die Erinnerung an die unbeschwerte Kindheit. Und das liebste Kind des Glaubens ist das Wunder, heißt es an dieser Stelle weiter. Dass man auf Wunder im Leben jedoch nicht zu hoffen braucht, muss aber an dieser Stelle nicht extra erwähnt werden.

Erwähnt werden muss hingegen Schwarwels neue Graphic Novel „Seelenfresser – Zweites Buch: Glaube“.

Es handelt sich dabei um die Fortsetzung der Tetralogie, deren „Erstes Buch: Liebe“ eine der großen deutschsprachigen Comicüberraschungen des vergangenen Jahres war. Auf dem Comic-Salon Erlangen wurde der Leipziger Autor und Zeichner, der sich auch als Schöpfer der Comic- und Zeichentrickfigur „Schweinevogel“, als politischer Karikaturist und als Artdirector der Band „Die Ärzte“ einen Namen gemacht hat, dafür mit dem Icom-Preis als „Bester Independent Comic 2012“ ausgezeichnet.

Die Story um Protagonistin Nova, ihren Hund Joey, den Trucker Hardy und zahlreichen anderen, teilweise abseitigen Figuren, wird im zweiten Band nicht eigentlich weitererzählt, sondern vielmehr ausgeweitet und in ihrem Figurengefüge komplexer ausgestaltet. Trotzdem begegnet der Leser des ersten Bandes vertrauten Figuren, wie dem bereits erwähnten Hardy, der rücksichtslos und selbstgerecht mit seinem Lastwagen durch die Nacht rast. Er klaut Diesel, betrügt seine Frau und ist in dubiose Machenschaften verwickelt, bei denen die örtliche Polizei gern mal wegsieht. Hardy scheint an nichts zu glauben außer an das Gesetz der Straße und eine Welt, in der er das Sagen hat.

Dann gibt es noch Heimann, Klausi und den Rest der Pennertruppe um Panzermeyer, die längst nicht mehr an einer bessere Zukunft glauben. Und zu guter Letzt, Nova, Frau von Hardy und Frauchen von Schäferhund Joey, die im Gegensatz zum ersten Band nur am Rand in Erscheinung tritt. Sie alle eint das Leben in einer knallharten Welt, die in ihrer Fressen-und-gefressen-werden-Logik mitunter archaisch und oft mysteriös wirkt.

Schwarwels Figuren sind nicht einmal auf den zweiten Blick faustische, die das Unergründliche ergründen wollen und dabei scheitern. Es sind Figuren, deren Leben sich in einer dunklen Halbwelt abspielt und deren Glaube an dieses Leben auf eine harte Probe gestellt wird. Das wiederum verbindet sie mit der eingangs zitierten Szene aus Goethes „Faust“. Die Kindheit wirkt wie das rettende Ufer für die Schiffbrüchigen. Doch der Trickfilm, den Nova im Fernsehen sieht, kann diese Illusion nicht lange aufrechterhalten. Die Bilder bleiben schwarz-weiß, der Inhalt steigert sich ins Fantastische bis die Realität wörtlich, in Form eines rabiaten Ehemanns zurückschlägt.

Monumental. Das Cover des zweiten "Seelenfresser"-Bandes. Foto: Glücklicher MontagBild vergrößern
Monumental. Das Cover des zweiten "Seelenfresser"-Bandes. - Foto: Glücklicher Montag

Im zweiten Teil der „Seelenfresser“-Reihe bleibt Schwarwel dem Stil und der Stimmung des zuvor eingeschlagenen Weges treu. Die Konturenstärke und der Detailreichtum erinnern stark an Frank Miller und Charles Burns, ohne diese jedoch zu kopieren. Die formale Nähe zu diesen Zeichnern scheint allerdings fast zwangsläufig einen Hang zum Kryptischen mitzubringen, der der Story zwar keinerlei Schaden zufügt, die Eigenständigkeit des Bandes jedoch stellenweise untergräbt. Bestimmte Interaktionen der Figuren, vor allem aber die vom Bildrand her immer stärker aufziehende Bedrohung einer unbekannten Macht, erschließen sich darum wohl nur dem Leser, der auch das erste Buch gelesen hat. Dem positiven Gesamteindruck der Graphic Novel tut dieser Umstand jedoch keinen Abbruch. Man kann sich vielmehr jetzt schon auf die Fortsetzung dieser außergewöhnlichen Geschichte freuen. Ungeduldige können bereits jetzt Woche für Woche eine neue Seite aus dem dritten Buch mit dem Titel „Hoffnung“ online lesen auf www.seelenfresser.com.

Schwarwel: Seelenfresser - Zweites Buch: Glaube. 80 Seiten, 12,80 Euro, Glücklicher Montag, ISBN: 978-3-9815274-0-7

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