Graphic Novel : Wie Disney im Fiebertraum

Seit 30 Jahren spinnt Jim Woodring seine bizarren Fabeln, auf dem Comicfestival Angoulême wurde er mit dem Sonderpreis der Jury ausgezeichnet – höchste Zeit, den nicht nur von Francis Ford Coppola  verehrten Amerikaner auch in Deutschland zu entdecken.

Marc-Oliver Frisch
Generisch anthropomorph: Woodrings Hauptfigur Frank.
Generisch anthropomorph: Woodrings Hauptfigur Frank.Foto: Promo

Man könnte die Comics des in Seattle lebenden Jim Woodring als „schwer definierbar“ bezeichnen, und man hätte damit vielleicht auch eine plausible Erklärung dafür, wieso sich bei Verlagen wie Reprodukt, der Edition 52 oder Avant noch niemand ein Herz gefasst und sie auch einem deutschen Publikum zugänglich gemacht hat.

Dabei müsste man sie nicht einmal übersetzen. „Im ersten Entwurf der Story redeten die Figuren in einem blumigen, stilisierten Dialekt“, sagt Woodring über das Debüt seines Helden „Frank“ von 1990. „In der zweiten Fassung verpasste ich ihnen eine Ausdrucksweise, die so vulgär war, dass mir davon beim Lesen die Augen tränten“.

Erst beim dritten Versuch, so Woodring, kam ihm die Idee, ganz auf den Text zu verzichten, um die fremdartige Stimmung der Geschichte weiter zu unterstreichen. Diese Wortlosigkeit ist Frank über die Jahre hinweg erhalten geblieben, und es drängt sich der Verdacht auf, dass man ihn gerade darum so verblüffend gut versteht.

Eine Maus? Ein Hase? Ein Biber?

Frank ist eine „generisch anthropomorphe“ Figur. Er geht auf zwei Beinen, ist intelligent und vereint äußerlich viele vertraute Cartoon-Merkmale: einfacher Körperbau, große rundliche Füße, weiße Handschuhe mit drei Fingern. Und doch ist er undefinierbar. Ist Frank eine Maus? Ein Hase? Oder vielleicht ein Biber? Alles und nichts, irgendwie.

Ausgezeichnet: Das Cover von „Congress of the Animals“.
Ausgezeichnet: Das Cover von „Congress of the Animals“.Foto: Promo

Woodring selbst berichtet, er habe Frank nach der Katze einer Freundin benannt, der großen Ähnlichkeit wegen. Es muss ein Unikum von einem Kater gewesen sein. Und ein toller Zufall auch, denn „Frank“ ist nicht nur ein Name, sondern auch ein Adjektiv, das—im Englischen wie im Deutschen—soviel wie „offenherzig“ oder „freimütig“ bedeutet.

Auch Franks Welt lässt Raum für Interpretation. Zwar gibt es in ihr Häuser, Haustiere und Pflanzen, Picknickkörbe und Heißluftballons. Doch alles funktioniert nach eigenen Regeln. Abgründe tun sich unvermittelt auf, der Übergang zwischen künstlichen und organischen Strukturen ist fließend, und Gestalten können sich auf groteske Weise verändern.

Die ganze Bandbreite menschlichen Empfindens

Optisch wirkt das wie eine wilde Mischung aus Barks und Bewick—als hätte man eine Disney-Figur in einem Fiebertraum Äsops ausgesetzt, von bizarren Kreaturen bevölkert. Frank ist in einem konventionellen Cartoon-Stil gezeichnet; seine Umgebung könnte einem besonders surrealen Holzschnitt aus dem 19. Jahrhundert entnommen sein.

Doch man täte Woodring Unrecht, seine Comics als wirre, graphisch verspielte Spinnereien abzutun. Die Geschichten sind dramaturgisch klar strukturiert und in sich schlüssig, die Figuren haben scharfe Konturen und verhalten sich nachvollziehbar. Man fiebert mit Frank, lernt ihn aber auch als moralisch komplexes Wesen kennen.

Die Graphic Novel „Congress of the Animals“ (Kongress der Tiere) etwa, die den Angoulême-Juroren 2012 einen Sonderpreis wert war, ist ein Abenteuer im klassischen Sinn: Ein Malheur und die damit verbundenen Konsequenzen treiben Frank hinaus aus seinem märchenhaften Häuschen und hinein in die große, weite, merkwürdige Welt.

Was er auf seiner Reise ins Ungewisse erlebt, spricht die ganze Bandbreite menschlichen Empfindens an, und das oft innerhalb weniger Kästchen. Mal ist die Geschichte heiter, mal spielt sich Groteskes und Beklemmendes ab; mal leidet man mit Frank und wünscht ihm ein Happy End, mal verurteilt man ihn für sein verwerfliches Handeln.

Wortlos, zeitlos, ortlos

Dabei ist es Franks kindlich naive, ungebremste Neugier, die den Plot vorantreibt, ja ihn überhaupt erst in Gang setzt. Findet Frank eine Kiste, dann öffnet er sie und probiert den Inhalt aus. Erspäht er in der Ferne etwas Unbekanntes, dann macht er sich auf den Weg. Entdeckt er eine Öffnung, dann kriecht er hinein. Ohne jedes Zögern.

Fließende Formen: Eine Seite aus „Congress of the Animals“.
Fließende Formen: Eine Seite aus „Congress of the Animals“.Foto: Promo

„Wordless, timeless, placeless“, nennt Regisseur Francis Ford Coppola, ein großer Verehrer Woodrings, dessen Erzählungen. Wortlos, zeitlos, ortlos—das trifft die Sache. Woodring entrückt seine Fabeln in eine fremde, kaum artikulierbare Welt. Gerade dadurch, so scheint es, macht er sie für jedermann instinktiv begreifbar.

Die Erzählkunst Woodrings zeigt sich vor allem darin, wie er auf täuschend einfache Weise überraschende Wendungen herbeiführt und den Blick auf allzu menschliche, bisweilen unangenehm vertraute Eigenschaften seines Helden lenkt. Man ertappt sich dabei, dass man sich in Frank erkennt—selbst dann, wenn man es lieber nicht möchte.

Zugegeben, Woodrings Bildersprache verlangt, dass man sich auf sie einlässt. Tut man das aber, dann entfaltet sie eine kathartische Intensität, von der die meisten seiner Kollegen auch unter Zuhilfenahme von Prosa nur träumen können. So universell verständlich und unmittelbar wie bei Jim Woodring erlebt man Comics nur selten.

Weitere Informationen erhält man auf Jim Woodrings Webseite. Bei seinem US-Verlag Fantagraphics gibt es Leseproben zu seinen Büchern.

Unser Autor Marc-Oliver Frisch lebt in Saarbrücken. Seine Abenteuer als Comic-Kritiker und -Übersetzer kann man in seinem Blog und bei Twitter nachlesen.

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