• Potsdamer Neueste Nachrichten
  • Bootshandel
  • Qiez
  • zweitehand
  • twotickets
  • Berliner Köpfe
  • wetterdienst berlin

Graphic Novels : Aufregend wie die Wirklichkeit

07.08.2012 10:23 UhrVon Thomas Greven
Romantisierend: Eine Szene aus „AÏR“. Foto: BollerBild vergrößern
Romantisierend: Eine Szene aus „AÏR“. - Foto: Boller

UpdateWenn im Comic zeitgeschichtliche Themen verarbeitet werden, kann das Ergebnis faszinierend sein – oder zutiefst enttäuschend. Vier aktuelle Bücher zeigen, wie groß die Bandbreite ist.

Freunde von historisch-politischen Abenteuer-Comics müssen auch mal Fünfe gerade sein lassen, was Faktizität und Authentizität betrifft, wenn es dem Spannungsbogen dient. Wer hat es je Charlier/Giraud übelgenommen, dass sie sich für Blueberry wie Piraten beim amerikanischen Western-Film bedient und Geographie und Geschichte der USA kreativ für ihre erzählerischen und grafischen Zwecke interpretiert haben?

David Bollers Tuareg-Epos „AÏR“, dessen erster Band „Der Aufstand“ im Januar beim Schweizer Verlag Zampano-Virtual Graphics erschienen ist, enttäuscht dagegen leider in allen Belangen. Er ist erzählerisch wie zeichnerisch derart flach, dass die Unterkomplexitäten und Verzerrungen in der Interpretation realer Gegebenheiten auch vom abenteuerhungrigsten Leser kaum übersehen werden können.

Boller fällt auf die in manchen europäischen Kreisen leider gängige romantisierende Sicht auf die „hommes bleus“ herein, welche die Tuareg ausschließlich als unterdrückte Minderheit sieht, deren traditionelles Nomadenleben durch übelmeinende Zentralregierungen und die wirtschaftlichen Interessen des Westens (und zunehmend Chinas) bedroht ist.

Der in Bollers Band gepflegte Exotismus sieht die Lebensweise der Tuareg als auch mit Gewalt zu bewahrendes Kulturgut – wobei die Kämpfer selbstverständlich als so edel konzipiert sind, dass sie keine Menschenleben gefährden wollen und trotzdem von bösen Weißen an böse Schwarze verraten werden. Ein einziger Vertreter der schwarzen Bevölkerungsmehrheit hat eine Sprechrolle, wenig überraschend handelt es sich bei ihm um einen Überläufer zu den Rebellen, der von der Brutalität seiner Regierung gegen die Tuareg-Minderheit abgestoßen ist.

Von der Realität in Westafrika inspiriert

Reale Vorlage des Bandes ist der Binnenstaat Niger im westlichen Afrika, wo die Zentralregierung in der Tat sehr drastisch gegen Unabhängigkeitsbestrebungen verschiedener Tuareg-Klans vorgegangen ist und wo es in der Tat wirtschaftliche Interessen an den reichen Uran-Vorkommen gibt, die von Unternehmen aus Frankreich, der ehemaligen Kolonialmacht, ausgebeutet werden.

Daraus kann man eine spannende Geschichte machen, von den Möglichkeiten, welche die grandiose Kulisse der Wüsten- und Berglandschaften für die grafische Umsetzung bietet, ganz zu schweigen. Schweigen darf man dann aber auch nicht von der Brutalität mancher Tuareg-Kämpfer, die ihren Gegnern gerne auch die Kehle durchschneiden, und von ihrer an Rassismus grenzenden Überlegenheitsvorstellung gegenüber den Schwarzen, die aus ihrer Sicht eher zu Sklaven taugen – bis heute praktizieren viele Tuareg eine Form der Sklaverei – als zu Herrschern, seien diese auch demokratisch gewählt. Nicht zuletzt ist der Tuareg-Widerstand gegen die Zentralregierungen West- und Nordafrikas nur zum Teil durch die zweifellos bestehende entwicklungspolitische Vernachlässigung der von Tuareg bewohnten Regionen begründet und mindestens eben sosehr durch den Wunsch, weiterhin in Ruhe grenzüberschreitender krimineller Betätigung nachgehen zu können, wie z.B. Drogen-, Waffen- und Menschenschmuggel sowie Auftragsentführungen für die islamistischen Terroristen vom Al-Kaida-Ableger AQMI.

Aktuell kann man in Mali, einem Nachbarland des hier porträtierten Niger, beobachten was passiert, wenn die Regierung nicht entschlossen gegen Tuareg-Rebellen vorgeht, selbst wenn diese nur eine kleine Minderheit unter den Tuareg selbst stellen. Eine unheilige Allianz islamistischer und säkularer Tuareg, Letztere schwerbewaffnete ehemalige Gaddafi-Söldner, welche die NATO aus Libyen hat entkommen lassen, hat im Verbund mit AQMI und anderen terroristischen Gruppierungen zwei Drittel des Landes übernommen und in den Städten und Dörfern zwischen Timbuktu, Kidal und Gao eine plündernde und vergewaltigende Gewaltherrschaft durchgesetzt, die sich des Feigenblatts der Scharia bedient.

Wandelnde Geldbörsen

Wie man der komplexen Wirklichkeit der muslimischen Welt und ihrer Bezüge zum Westen besser gerecht wird, zeigen Golo/Dibou in ihrem autobiographischen Band „Chronik einer verschwundenen Stadt“ und Jean-Pierre Filiu und David B. mit „Die besten Feinde“, deren deutsche Ausgaben beim Berliner Avant-Verlag beim Comicsalon in Erlangen vorgestellt wurden.

Doppelte Liebesgeschichte: Zwei Seiten aus „Chronik einer verschwundenen Stadt“. Foto: AvantBild vergrößern
Doppelte Liebesgeschichte: Zwei Seiten aus „Chronik einer verschwundenen Stadt“. - Foto: Avant

In der „Chronik“ geht es um eine doppelte Liebesgeschichte, zum einen um diejenige zwischen der in Paris lebenden Französin Dibou (ein Künstlername) und dem in Kairo lebenden französischen Comiczeichner Guy Nadaud (Golo, bekannt für seine B.-Traven-Comicbiographie, ebenfalls bei Avant), zum anderen um ihrer beider Begeisterung für den ägyptischen Ort Qurna, am Rande des Tals der Könige bei Luxor. Erzählerisch wie grafisch lebt der Band von häufigen Perspektivwechseln: mal erzählt er, mal sie, und seine schönen pastellfarbigen Zeichnungen werden durch ihre Fotos ergänzt. Die Geschichte reicht von Mitte der 1990er Jahre bis in die jüngste Vergangenheit und ist lange Zeit eine der Hoffnung und Entwicklung. Die beiden doppelt Verliebten können die Trennung voneinander und von Qurna irgendwann nicht mehr aushalten, ziehen dort hin und werden zu aktiven Bürgern der kleinen Gemeinde, die von der von der Regierung durchgesetzten Entwicklung des Massentourismus überrollt zu werden droht.

Von Beginn an erfreuen vor allem die liebevollen Skizzen der Menschen von Qurna, die eine wunderbare Balance zwischen Würdigung von allerlei Schrullen und humorvoller Kommentierung von Gaunereien und Opportunismus auszeichnet. Die beiden Franzosen wissen, dass sie im Kontext der dörflichen Armut von manchen vor allem als wandelnde Geldbörse gesehen und ausgenutzt werden. Aus der Erkenntnis der Macht- und Rollenverhältnisse keine Essentialismen abzuleiten, ist die humanistische Mindestleistung aller, die sich einer armen und fremden Umgebung aussetzen.

Niemals ist in der Geschichte von Golo, Dibou, Qurna und seiner Bewohner der Zynismus zu entdecken, der z.B. viele Entwicklungshelfer im Laufe ihrer Karriere erfasst und nicht mehr loslässt. Dies hat auch damit zu tun, dass hier die Entwicklungsarbeit – wenn man sie so nennen will – stets eine persönliche ist, d.h. unter wirklichen Freunden erfolgt, nicht nur per Staatsvertrag verordnet. So kann auch ertragen, verstanden und manchmal freundlich verändert werden, was andernfalls schlicht als Korruption und Diebstahl gelten würde. Von den 40 Scheren ihrer Schneiderwerkstatt für Kinder (Mädchen und, ganz freiwillig, auch Jungen) bleiben am Ende des Jahres nur mehr vier übrig. Der Junge, den Dibou beim Klauen erwischt, sagt nur: Aber wir haben doch zuhause keine. Die Mischung von Comic und eingestreuten Fotos ist vermutlich nicht jedermanns Sache und manchmal plätschert die Geschichte auch etwas dahin, dennoch ist der Band höchst erfreulich.

Alles hängt am Öl

Dies gilt noch mehr für „Die besten Feinde“, der ebenfalls bei Avant erschienen ist, auch weil ein anregendes Leseerlebnis bei einer „Geschichte der Beziehungen zwischen den USA und dem Mittleren Osten“ nicht unbedingt zu erwarten ist. Nur die Beziehungen des Westens zu China werden im 21. Jahrhundert vermutlich von größerer Relevanz sein als diejenigen zur islamischen Welt und doch ist eine solche Ausgangslage gewöhnlich eher keine gute Voraussetzung für einen gelungenen Comic, sondern eher für eine dröge Geschichtsstunde.

Anregendes Leseerlebnis: „Die besten Feinde“. Foto: AvantBild vergrößern
Anregendes Leseerlebnis: „Die besten Feinde“. - Foto: Avant

Nicht so hier. Auf der Vorlage des Historikers und Islamwissenschaftlers Jean-Pierre Filiu entwickelt David B. (eigentlich Pierre-François Beauchard), ein Star der französischen Comic-Szene und in Deutschland vor allem für den autobiographischen Band „Die heilige Krankheit“ bekannt, ein faszinierendes Panoptikum einer von Beginn an von Machtinteressen und kulturellen Missverständnissen geprägten Beziehung. Ist das erste, grundlegende Gilgamesch-Kapitel noch mythisch verrätselt, zeigen die folgenden wichtige und zum Teil wenig bekannte Episoden der spannungsreichen amerikanisch-muslimischen Geschichte.

Großen Raum nimmt der amerikanische Kampf gegen die Piraterie am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein, zu Recht, weil hier schon die Muster der späteren Missverständnisse und Konflikte angelegt sind. David B.s expressionistischer Zeichenstil, mit seinen alptraumhaften, schwarz-weißen Mensch-Maschine-Konstruktionen und Anordnungen, der in seinen andern Werken manches Mal überanstrengt, trifft hier punktgenau. Präsident Harry Trumans Hals sitzt auf einem Gewirr aus Ölpipelines, ein amerikanischer Panzer hängt ebenfalls am Öl und hat Kanonenrohre, die in alle Richtungen zeigen – immer wieder findet David B. Bilder, welche die Geschichte nicht nur adäquat illustrieren, sondern über sie kreativ hinausweisen.

Auf den zweiten Teil, der die Anschläge vom 11. September 2001 und jüngeren Kriege der USA gegen den Irak und Afghanistan enthalten wird, kann man in höchstem Maße gespannt sein, auch weil dann die politischen Urteile schwerer fallen werden als z.B. bezüglich der CIA-Unterstützung des Putsches gegen die demokratische Regierung Irans in den 1950er Jahren.

Tod unter der Guillotine

Etwas aus der thematischen Reihe dieser Besprechung fällt der Band „Olympe de Gouges“ von Catel/Bocquet. Der Band ist 2012 bei Casterman Écritures erschienen und soll im Januar 2013 bei Splitter unter dem Titel „Die Frau ist frei geboren“ erscheinen. Er behandelt die Geschichte einer der ersten Frauenrechtlerinnen Frankreichs, die 1793 durch die Guillotine starb. Während in dem auch in Deutschland erschienenen Band „Kiki de Montparnasse“ von Catel (Muller) und (José-Louis) Bocquet die Protagonistin vor allem durch ihre Bekannt- und Freundschaft mit vielen berühmten Zeitgenossen interessant war, haben wir es bei Olympe de Gouges – eigentlich Marie Gouze – mit einer „femme de lettres“ zu tun, die durch eigenständiges kulturelles und politisches Handeln gesellschaftliche Veränderungen anstrebte und z.T. umsetzen konnte, in einer Zeit, wo dies für Frauen sehr ungewöhnlich war.

Vorkämpferin der Frauenrechte:  „Olympe de Gouges“ soll im Januar 2013 bei Splitter unter dem Titel „Die Frau ist frei geboren“ erscheinen, hier zwei Seiten daraus. Foto: SplitterBild vergrößern
Vorkämpferin der Frauenrechte: „Olympe de Gouges“ soll im Januar 2013 bei Splitter unter dem Titel „Die Frau ist frei geboren“ erscheinen, hier zwei Seiten daraus. - Foto: Splitter

Die Comic-Biographie deckt einen Zeitraum von einem halben Jahrhundert ab und ist im gleichen nüchtern-schwarz-weißen Stil gehalten wie „Kiki“. Ein Teil der fast fünfhundert Seiten ist ein Appendix mit kurzen Biographien der wichtigsten Zeitgenossen Olympes. Dieser Apparat ist auch nötig, denn die vielen Akteure tauchen z.T. nur sporadisch auf den Seiten des chronologisch episodenhaft angelegten Werks auf – und wenn die Männer ohne Perücken zu sehen sind, kann man sie gelegentlich nur noch schlecht erkennen. Das Lesevergnügen wird dadurch nicht eingeschränkt, im Gegenteil, man hat den Mehrwert, zusätzlich zur Lebensgeschichte Olympes die Vorgeschichte und Geschichte der französischen Revolution mitzuerleben, mit vielen Facetten und aus mehreren Blickwinkeln.

Teil der politischen Biographie von Olympe de Gouges ist ihr Kampf gegen die Sklaverei, dem sie sich bereits vor ihrem frauenrechtlichen Engagement widmet und zwar als Verfasserin eines Theaterstücks, um dessen Aufführung sie lange kämpfen muss. Damit schließt sich gewissermaßen der Kreis zum eingangs diskutierten Band von David Boller, „AÏR“, und seinen Schwächen, denn Olympe de Gouges gelingt bereits im 18. Jahrhundert eine differenzierte künstlerische und politische Betrachtung und Analyse von Sklaverei und Rassismus, im Kontext von veritablen ökonomischen Interessen am Besitz von Sklaven.

David Boller: AÏR Band 1: Der Aufstand, Zampano/Virtual Graphics, 48 Seiten, 15 Euro
Golo/Dibou: „Chronik einer verschwundenen Stadt“, Avant-Verlag, 200 Seiten, 24,95 Euro
Jean-Pierre Filiu/David B. : „Die besten Feinde – Erster Teil 1783/1953“, Avant-Verlag, 120 Seiten, 19,95 Euro
Catel/José-Louis Bocquet: Olympe de Gouges, Casterman-Écritures, 488 Seiten, bislang nur auf Französisch, rund 24 Euro

Unser Gastautor Dr. Thomas Greven ist Senior Research Fellow am Institut für Internationale Politik, Berlin, und Privatdozent am John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin. Mehr Texte von ihm zu politischen und sozialen Themen im Comic finden sich unter diesem Link. 

Weitere Themen

Mehr

Tagesspiegel-Partner

    Wohnen in Berlin

    Gewerbe- oder Wohnimmobilien: Große Auswahl an Immobilien beim großen Immobilienportal.

Empfehlungen bei Facebook

Der Tagesspiegel im Sozialen Netz

Foto:

Alle Tickets für Berlin und Deutschland bequem online bestellen!

Tickets hier bestellen | www.berlin-ticket.de