Graphic Novels : Die Kraft der Worte

Erzählen, um zu überleben: In Thierry Murats beeindruckenden Comic-Adaptionen „Lauras Lied“ und „Der Mörder weinte“ reden sich die Protagonisten ihr Trauma von der Seele.

Thomas Hummitzsch
Verbale Abrechnung: Eine Seite aus „Lauras Lied“.
Verbale Abrechnung: Eine Seite aus „Lauras Lied“.Foto: Schreiber & Leser

Es gibt Geschichten, die dringen in einer Intensität in unser Bewusstsein ein, dass sie nicht schnell wieder in Vergessenheit geraten können. Von dem französischen Illustrator und Comic-Zeichner Thierry Murat sind mit „Der Mörder weinte“ und „Lauras Lied“ gerade zwei solcher bemerkenswerten Geschichten erschienen. Beide Comicbände sind Adaptionen zweier Romane, die bereits vor Jahren erschienen sind und jeweils ein kindliches Trauma in den Mittelpunkt stellen.

Die Comicbände verbindet ein Thema, dass bei der Übersetzung (von Resel Rebiersch) der französischen Originaltitel verloren geht: das Weinen. „Des Mörders Tränen“ und „Sie weint nicht, sie singt“ lauten die Titel wortwörtlich übertragen. Wer erwartet, dass hier durch frühkindliche Traumata kräftig auf die Tränendrüse gedrückt würde, der sieht sich getäuscht. Thierry Murat entzieht in der zeichnerischen Inszenierung diesen beiden Kindertragödien das Potenzial der Weinerlichkeit. Statt anzurühren will er aufrütteln.

Die Geschichten, die Thierry Murat hier erzählt, sind die dramatischen Berichte der beiden tragischen Helden Laura und Paolo. Ihre Geständnisse sind Teil der Bewältigung eines Traumas, das sie vor Jahren ereilt hat und von dem sie hier Zeugnis ablegen. Bei Laura heißt dieses Trauma Kindesmissbrauch, bei Paolo geht es um den gewaltsamen Tod seiner Eltern, den er mit ansehen musste.

Eine verbale Abrechnung

„Lauras Lied“ beginnt damit, dass die Erzählerin Laura am Telefon erfährt, dass ihr Vater einen Autounfall gehabt habe und im Koma liege. Sie macht sich auf den Weg zu ihrer Mutter, sich nicht im Klaren darüber, ob das eine gute Idee ist. Denn schließlich muss die Mutter doch davon geahnt haben, dass Lauras Vater mit ihr Dinge gemacht hat, die Väter nicht mit ihren Töchtern machen. Das kann sie unmöglich jahrelang ignoriert haben, hat sich als mit schuldig gemacht, geht es ihr während der Fahrt durch den Kopf.

Entgegen ihren Erwartungen besucht sie sogar ihren Vater im Krankenhaus. Eine Schwester sagt ihr im Gehen, dass es ihm gut tun könnte, wenn sie ihn regelmäßig besuche und zu ihm spreche. Eine Chance? Ja! Endlich kann sie sich den Ekel und den Hass von der Seele reden und ihre Fassungslosigkeit loswerden, die sie seit Jahren umtreibt und ihr jede Zuneigung unerträglich werden lässt. „Ich will nicht dass du stirbst. Im Gegenteil, du sollst leben. Und zwar solange, bis ich alles gesagt habe.“ Eine verbale Abrechnung voller offener Fragen und längst formulierter Anklagen beginnt.

Aufrüttelnd: Eine Szene aus „Lauras Lied“.
Aufrüttelnd: Eine Szene aus „Lauras Lied“.Foto: Schreiber & Leser

Für „Lauras Lied“ holte sich Thierry Murat hochkarätige Unterstützung. Der Franzose Eric Corbeyran, der bereits Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ adaptierte und dutzende Comics entworfen hat, schrieb für Murats Adaption das Szenario. Der aufwühlenden Geschichte setzen sie einen klaren, schnörkellosen und konfrontativen Comicentwurf entgegen. Sie wollen mit ihren Zeichnungen nicht die Schwere des Erzählten zerstreuen. So sorgen sie in dem emotionalen Chaos der Erzählerin zumindest für etwas visuelle Ordnung, geben der Sprachlosigkeit den Raum, den die Erzählung erfordert.

An manchen Stellen wirkt dies allerdings auch etwas hilflos, als hätten Murat und Corbeyran keinen Rat gewusst, wie man das Unfassbare in Bilder übertragen kann. Dann verlieren sich die Zeichnungen in Serien von Nahaufnahmen und Details, während am oberen Bildrand der anklagende Monologtext im Tickerstil entlangläuft. Die Beklemmung, von der sie erzählen wollen, scheint sie in diesen Passagen selbst beschlichen zu haben. Und dennoch ist „Lauras Lied“ ein beeindruckender Comic, der allerdings eher vom Sujet als von seiner Bildsprache lebt.

Was Murats zweite Literaturadaption von „Lauras Lied“ unterscheidet, lesen Sie auf der nächsten Seite.

Seite 1 von 2Artikel auf einer Seite lesen

0 Kommentare

Neuester Kommentar