„Hier Selbst“ von Jean-Claude Forest und Jacques Tardi : Der Mauerläufer

Das Album „Hier Selbst“ bescherte einst manchem Comic-Leser ein Erweckungserlebnis. Lange war es vergriffen, kürzlich wurde es neu aufgelegt.

Trauriger Clown: Die Hauptfigur von „Hier Selbst“, Arthur Selbst, haust auf einer Mauerkrone.
Trauriger Clown: Die Hauptfigur von „Hier Selbst“, Arthur Selbst, haust auf einer Mauerkrone.Foto: Edition Moderne

Arthur Selbst wohnt in einem Ein-Zimmer-Häuschen, das auf einer Mauer thront. In Frack und Melone grübelt er über den Sinn des Lebens, führt verbitterte Telefondialoge mit seiner Mutter (oder sind es doch Monologe?) und zieht auf der Mauerkrone seine Runden, da ihm das Betreten der Güter zwischen den Mauern verboten ist. Ein Gefangener, der zugleich Gefängniswärter ist: Ein Schlüsselbund und ein Topf an einer Stange sind die Insignien seiner Macht. Mit Letzterem sammelt er den Wegzoll ein, den er von den Nachbarn für das Öffnen und Schließen der vielen Tore kassiert, die das einst seiner Familie gehörende Land durchziehen.

Zwischen den Mauern haben sich andere Familien angesiedelt, mit denen der exzentrische Torwächter in einer hasserfüllten Symbiose lebt. Zaghaft entwickelt sich eine Amour fou mit der Tochter einer der Familien. Und dann gerät diese aus der Zeit gefallene Enklave auch noch unversehens in den Mittelpunkt einer politischen Verschwörung, mit der der Präsident der Republik seine Haut retten will – und die in einem irrwitzigen Finale gipfelt.

Die Mauer bestimmt Form und Inhalt

Knapp 40 Jahre ist es her, dass der Autor Jean-Claude Forest („Barbarella“) und der Zeichner Jacques Tardi („Grabenkrieg“) ihre 163-seitige Comicerzählung „Hier Selbst“ als Fortsetzungsgeschichte veröffentlichten, Ende der 1980er Jahre wurde die absurde Satire erstmals auf Deutsch veröffentlicht. Für viele Comicleser hierzulande – auch für den Autor dieser Zeilen - war es ein Erweckungserlebnis nach den von Brösels „Werner“ und Seyfried-Comics geprägten 1980er Jahren: So lang und komplex, so anspruchsvoll und, ja: erwachsen können Comicerzählungen also auch sein. Und dazu Bilder von so großer Kunstfertigkeit, dass jedes einzelne Panel in einem Kunstmuseum hängen könnte (wie es ja inzwischen tatsächlich oft vorkommt, aber damals noch undenkbar schien).

Surrealistisch-absurdes Comic-Theater: Zwei Panels aus dem besprochenen Buch.
Surrealistisch-absurdes Comic-Theater: Zwei Panels aus dem besprochenen Buch.Foto: Edition Moderne

Nun hat der Schweizer Verlag Edition Moderne, der vielen Lesern hierzulande 2004 mit „Persepolis“ ein weiteres Comic-Erweckungserlebnis bescheren sollte, das lange vergriffene „Hier Selbst“ vor kurzem wieder aufgelegt. Das eröffnet nachfolgenden Lesergenerationen die Möglichkeit, einen Klassiker zu entdecken. Und dem staunenden Leser von damals gibt es die Gelegenheit zur Wiederbegegnung mit einem Meilenstein der Kunstform.

Bei der fällt als erstes ins Auge, wie klug Tardi Form und Inhalt durch das Element der Mauer verbindet. Die definiert die enge Welt des Arthur Selbst auf der Handlungsebene und fungiert zugleich als zeichnerisches Strukturelement. So gibt das Bauwerk neben der comictypischen Abfolge von Panels und Zwischenräumen der Erzählung einen doppelten Rahmen und führt die Beschränkungen von Arthur Selbsts Welt umso eindrücklicher vor Augen.

Traum und Realität verschwimmen

In der Figurenzeichnung lässt sich hier bereits Tardis später noch stärker ausgeprägte Handschrift erkennen: so wie die Hauptfigur als trauriger Clown mit einem langen Gesicht daherkommt, so sind auch alle anderen Akteure leicht karikierend überzeichnet, ihre Augen sind oft nur kleine Punkte oder schmale Schlitze. Dazu passt die übertrieben hochgestochene und theatralisch klingende Sprache der Figuren.

Typisch für Tardi ist auch der harte Schwarz-Weiß- Kontrast, der für besondere räumliche Effekte eingesetzt wird, so durch eine vertikal gestreifte Tapete, die die bedrängte Lebenssituation der Hauptfigur visuell verstärkt. Durch den Einsatz surrealistischer Elemente verschwimmen die Grenzen zwischen Traum und Realität zunehmend, so wächst in einer Szene ein gigantisches Ohr aus der Mauer. Ein herrlich absurdes Stück Comic-Theater, das auch knapp 40 Jahre nach seiner Premiere noch zu faszinieren vermag.

Jean-Claude Forest und Jacques Tardi: Hier Selbst, Edition Moderne, 200 Seiten, 29 Euro.

Ein Tagesspiegel-Interview mit Jacques Tardi lesen Sie hier.

Lange vergriffen, jetzt neu aufgelegt: Das Cover von "Hier Selbst".
Lange vergriffen, jetzt neu aufgelegt: Das Cover von "Hier Selbst".Foto: Edition Moderne

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