Historienspiel : Theater der Neuen Welt

Ben Katchors Comic "Der Jude von New York" gibt es endlich auf Deutsch

Jens Meinrenken
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Feinsinnig, schräg. Das Buch handelt von der Heimatlosigkeit der Juden.Illustrationen: Katchor/Avant

Elf Jahre nach der amerikanischen Originalausgabe ist Ben Katchors Comic "Der Jude von New York" endlich auf Deutsch erschienen. Veröffentlicht vom Berliner Avant-Verlag, der bereits mit Joan Sfars "Die Katze des Rabbiners" eine wundervolle Comicserie über die jüdische Kultur publiziert, liest sich "Der Jude von New York" als feinsinniges und herrlich schräges Theaterstück über die nationale Identität und Heimatlosigkeit der Juden.

Schon die Titelseite macht dem Leser klar, dass es sich bei dieser Lektüre um keine gewöhnliche Bildergeschichte handelt. Ein schwarzer Hut schwebt frei über den Dächern der Stadt New York, von unsichtbaren Kräften in der Luft gehalten. Einen solchen illusionistischen Kunstgriff kennt man eher aus den surrealen Gemälden René Magrittes. Auf die Spitze getrieben wird er in Hans Richters Filmcollage "Der Vormittagsspuk" aus dem Jahr 1928. Hier ist eine Gruppe von vier Hüten, die einer Rebellion der Objekte gleich durch die Lüfte fliegen, als wären sie eigenständige Lebewesen.

Diese Bezüge zur absurden Komik der Dadaisten und Surrealisten sind in Ben Katchors Comic immer wieder zu spüren, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Und doch sind sie es, die der Geschichte erst die richtige Würze verleihen.

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Die Stadt als Bühne. "Der Jude von New York" steht in der Tradition des Papiertheaters.

Seien es die mit Bibergeil angereicherten Lutschbonbons oder der Versuch den Pökelgeruch von Heringen in eine Theateraufführung zu integrieren, "Der Jude von New York" ist ein Comic, der mit seinem grotesken Humor alle Sinne des Lesers betören möchte.

Ein Zufluchtsort für Juden aus aller Welt

Selbst im Stadtbezirk Brooklyn geboren, entfaltet Ben Katchor vor der historischen Kulisse im Amerika zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein frühes Bild seiner Heimatstadt New York, in dem sich reale und phantasierte Begebenheiten regelmäßig durchkreuzen. Prägend ist der Eindruck einer wirtschaftlich florierenden Metropole, in der schon damals jedermann versuchte, durch waghalsige Geschäfte schnelles Geld zu verdienen. Und dies ist nur eine von mehreren aktuellen Perspektiven, die sich bei der Lektüre des Comics aufdrängen. Vor allem die Frage nach der Heimat der Juden hat durch die wiederholt antisemitischen und antizionistischen Äußerungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad in den letzten Jahren eine traurige Brisanz erhalten.

So bezieht sich der Titel des Comics auf ein gleichnamiges Theaterstück, das als Komödie in dem sogenannten Theater der Neuen Welt aufgeführt werden soll und vom bisherigen Leben des Journalisten und Politikers Mordecai Manuel Noah (1785-1851) handelt. Mordecai Manuel Noah gilt als heute weithin unbekannter Vorläufer der zionistischen Bewegung, die 1896 durch Theodor Herzls Schrift "Der Judenstaat" programmatisch begründet wurde. 1820 versuchte Noah auf Grand Island, einer Insel von rund 70 Quadratkilometern vor den Toren New Yorks, einen Zufluchtsort für Juden aus aller Welt zu errichten. Am 15. September 1825 kam es dann zur feierlichen Grundsteinlegung in der St.Pauls-Kirche von Buffalo, die dem Projekt seinen Namen gab: Ararat, benannt nach dem Berg, auf dem die Arche Noahs nach der Sintflut gestrandet sein soll.

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Illusionistischer Kunstgriff. Katchor verwendet Elemente des Surrealismus.

Trotz internationaler Aufmerksamkeit war das Vorhaben von Anfang zum Scheitern verurteilt. Die meisten Juden vertraten die Überzeugung, dass nur Gott den Zeitpunkt der israelitischen Rückkehr kennen würde.

Die Großstadt als lebendiger Organismus

Die Metapher des Theaters durchzieht Ben Katchors Comic auf vielgestaltige Weise und sie ist auch Teil des Lebens von Mordecai Noah. In vielen Werken über amerikanische Literatur wird er zu den bedeutendsten Dramatikern seiner Zeit gerechnet. Sein Theaterstück "She Would Be a Soldier" von 1819 wird explizit in Katchors Comic genannt und findet sich noch heute in den Anthologien amerikanischer Schulen wieder. Während der feierlichen Prozession in der Kathedrale von Buffalo war Mordecai Noah selbst als "Richter Israels" aufgetreten, gekleidet in dem Kostüm Richard III., das er sich bei einem örtlichen Theater geliehen hatte. Politik und Theater vermischen sich in der Person Mordecai Noahs beständig, auch wenn die Politik in seinen Augen weniger auf Dichtung und Fiktion als auf Tatsachen beruht.

Genau diese Dialektik kehrt Ben Katchor in seinem Comic um. Die Bühne des Theaters als universaler Blick auf die Welt verbindet die losen Erzählstränge der verschiedenen Episoden zu einem Schauspiel. An einigen Stellen platziert Katchor ein großes Panel in der Mitte der querformatigen Seite, gerahmt von weiteren Panels, um es als Bühnenbild in Szene zu setzen. Der Ort des Theaters, dessen wundersame Mechanik und seine Fähigkeit Geschichten in Bild und Sprache zu präsentieren, werden von Katchor in die Ästhetik des Comics überführt.

In diesem Sinne steht "Der Jude von New York" ganz in der Tradition des Papiertheaters, auf die nicht nur die Hauptfiguren als bloße Pappstatuen auf den ersten Seiten verweisen. Die grau lavierten Aquarellzeichnungen mit ihren nervösen und feinlinigen Konturen verleihen der gesamten Szenerie eine lebendige und theatralische Form. Und genau diese fiebrige urbane Atomsphäre zeichnet alle Comics von Ben Katchor aus. Die Straßen von New York werden als pulsierendes Adernsystem eines städtischen Organismus begriffen.

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Es ist dieses Herz, das so kraftvoll schlägt, und Ben Katchors Erzählung "Der Jude von New York" über seine Historie hinaus so lebendig und lesenswert erscheinen lässt.



Ein Interview mit Ben Katchor findet man unter diesem Link.

Ben Katchor : Der Jude von New York. Ins Deutsche übertragen von Kai Pfeiffer.
Avant-Verlag, 100 Seiten, 19,95 Euro.  Eine Leseprobe findet sich hier. Mehr von Katchor findet man auf seiner Website.

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