Horrorcomic : Blut, Schleim und Tränen

Alan Moore arbeitet sich in „Neonomicon“ am Kosmos des Horrorautors H. P. Lovecraft ab. Das Ergebnis ist eine Mischung aus „Akte X“ und Monsterporno – spannend, verstörend, aber auch mit ein paar Macken.

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Schreckensvision: Eine Szene aus Alan Moores „Neonomicon“.
Schreckensvision: Eine Szene aus Alan Moores „Neonomicon“.Foto: Panini

Alan Moore gehört zu den Autoren, die die Dinge gerne zu Ende denken. In „Watchmen“ ging er der Frage nach, wie sich Superhelden in der realen Welt schlagen würden, in „V for Vendetta“ exerzierte er die notwendige Kompromisslosigkeit eines politischen Revolutionärs durch. In seinem jetzt auf Deutsch erschienenen Band „Neonomicon“ hat Moore sich daran gemacht, den Kosmos des amerikanischen Horrorschriftstellers Howard Phillips Lovecraft radikal auszuformulieren.

Lovecraft, dessen produktivste Zeit in die zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts fiel, gilt als Klassiker der modernen Horrorgeschichte. Sein Werk beeinflusste zahlreiche Künstler und Schriftsteller wie John Zorn, H.R. Giger, Arno Schmidt, Stephen King, Neil Gaiman oder Jorge Luis Borges. Das Erbe seiner Kreaturen und Ideen finden sich in Filmen wie „Fluch der Karibik“, in Liedern von Tocotronic oder den Figuren aus der Lego-Serie „Atlantis“ (einen ausführlichen Tagesspiegel-Artikel zu Lovecrafts Bedeutung finden Sie unter diesem Link).

Halb Mensch, halb Meerkreatur

Kern seiner Erzählungen, von denen „Cthulhus Ruf“ aus dem Jahr 1926 die bekannteste sein dürfte, ist der Schrecken, der aus der Erkenntnis erwächst, wie bedeutungslos das Individuum im Angesicht des Kosmos ist. Wiederkehrendes Motiv seiner Geschichten, die durch Orte, Figuren oder Bücher wie das im Titel von Moores Werk verballhornte „Necronomicon“ verbunden sind, ist die Idee, die Erde sei in der Vorzeit von monströsen übermächtigen Wesen aus dem All beherrscht worden, deren Hinterlassenschaften oder die selbst noch immer in den Tiefen der Erde und der Ozeane begraben liegen. Der Schrecken offenbart sich im Erkennen dieses Erbes und der Vermischung des Menschlichen mit dem Monströsen. Exemplarisch geschieht dies in der Geschichte „Schatten über Innsmouth“, in der der Erzähler die gleichnamige fiktive Küstenstadt besucht, in der sich die Menschen mit im Wasser lebenden  Fischkreaturen gepaart haben. Solch  „blasphemischen Riten“, wie Lovecraft sie nennt , werden in seinen Geschichten jedoch nur andeutungsweise beschrieben.

Menschen und Monster: Eine Doppelseite aus dem Buch.
Menschen und Monster: Eine Doppelseite aus dem Buch.Foto: Panini

Genau das wollte Alan Moore ändern. Das Ergebnis ist eine Mischung aus „Akte X“ und Gewaltpornografie mit Blut, Schleim und Tränen. Was als klassischer Serienkiller-Ermittlungsthriller im Hier und Heute beginnt, wandelt sich zur Fantasygeschichte, die in einer Vergewaltigungsorgie endet. Gezeichnet hat Jacen Burrows das in realistischen, gelegentlich in ihrer Bubblegumhaftigkeit an aktuelle Mainstream-Superheldencomics erinnernden Bildern. Trotzdem gelingen ihm interessante visuelle Spielereien, wie die unscharfen Panels, in denen wir durch Augen der ihrer Kontaktlinsen beraubten Protagonistin blicken.

Zitatereigen à la Alan Moore

Für Lovecraft-Anhänger mag sich die Frage aufdrängen, ob es dieser Ausformulierung wirklich bedurfte. Gewinnt seine Schreckensvision etwas durch die plakativ dargestellte Gewalt? Eher nicht. Trotzdem ist Moores Geschichte interessant. Denn zum einen ist sie kunstvoll erzählt: Die facettenreichen Protagonisten wechseln, die Ermittlungen sind realistisch und spannend geschildert, die Geschichte schlüssig. Zum anderen ist seine Deutung, wie das mit Lovecrafts tief im Meer träumenden Wesen Cthulhu zu verstehen ist, durchaus clever.

Schuppige Herrscher der Welt: Das Covermotiv des Buches.
Schuppige Herrscher der Welt: Das Covermotiv des Buches.

Für Kenner gibt es darüber hinaus auf vielen Seiten den für Moore typischen postmodernen Zitatereigen, wobei allerdings ein paar Verweise - zumindest in der deutschen Übersetzung – unnötig schlampig geraten sind. So heißt das Geschäft, in dem die Geschichte endet, laut der gemalten Fensterscheibe „Whispers in Darkness“. Die Figuren reden in den Sprechblasen jedoch von „Whispers in the Dark“ und beziehen das auf eine angeblich gleichnamige Geschichte von Lovecraft, die allerdings „The Whisperer in Darkness“ heißt. Wer sich in Lovecrafts Universum auskennt, wird über ein paar solcher Ungenauigkeiten stolpern.

Wer sich daran nicht stört und mit der drastischen Gewalt kein Problem hat, bekommt eine spannend erzählte und verstörende Interpretation von Lovecrafts Kosmos geliefert, die weit mehr ist, als das, als was die Protagonistin Merril Brears ihren Fall einmal bezeichnet: einen „literarischen Insiderwitz“.

Alan Moore & Jacen Burrows, „Neonomicon“, Panini, 144 Seiten, 16,95 Euro. Leseprobe auf der Website des Verlages.

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