Humor-Comics : Von Schlümpfen und Schamgrenzen

Der Splitter-Verlag hat als Heimat frankobelgischer Klassiker und Neuerscheinungen ein beeindruckendes Niveau erreicht. Nun soll das das neue Label toonfish die Humor-Sparte abdecken - das Programm schwankt allerdings noch zwischen Regress und Klassikerpflege.

Sven Jachmann
Wieder zu haben: Titeldetail des ersten Bandes der Neuauflage.
Wieder zu haben: Titeldetail des ersten Bandes der Neuauflage.Foto: Promo

Als vor rund fünf Jahren der Splitter-Verlag in Bielefeld gegründet wurde, war das klassische Album in der Gunst der Comicgroßverlage enorm gesunken. Zu viele Fehlkalkulationen und schwindendes Vertrauen der Leserschaft in eine undurchsichtige Veröffentlichungsprogrammatik, die angesichts zu geringer Verkaufszahlen regelmäßig dazu führte, bereits laufende Serien abzubrechen, waren einige der verlagspolitischen Gründe. Hinzu trat die erfolgreiche Popularisierung des Comics als Graphic Novel, die in der Regel als abgeschlossene Werke gedacht werden und dem Comic eine höhere Präsenz in der Kulturberichterstattung und im klassischen Buchhandel verschaffen.

Wurden die Bemühungen von Splitter branchenintern anfänglich mit großer Skepsis verfolgt, kann der Verlag bereits jetzt auf eine eindrucksvolle Bilanz zurückblicken. Jahr für Jahr ist man stetig gewachsen, der monatliche Output befindet sich mittlerweile bei acht Editionen, die intensiven Bemühungen um eine Revitalisierung des Albensegments haben auch Türen im Buchhandel geöffnet, sodass man neben den sonst üblichen Verdächtigen (Asterix, Lucky Luke, Tim und Struppi) mit schöner Regelmäßigkeit auf Publikationen aus dem Hause Splitter stößt. Das Portfolio des Verlags vereint eine stattliche Mischung aus Klassikerpflege und lizensierter Neuentdeckungen des frankobelgischen Raums. So hat sich im Laufe der Zeit ein klares Profil konturiert, dessen Fokussierung auf Genreerzählungen und angrenzende Bereiche kontinuierlich behutsam erweitert wurde. Aber auch Genres besitzen unumstößliche Grenzen. Um der Gefahr einer Diversifikation des verlegerischen Eigenanspruchs zu entgehen, hat man aus diesem Grund im Herbst 2010 das verlagseigene Imprint „toonfish“ ins Leben gerufen.

Bauernfängerei mit Blondinenwitzen

Und so, wie der Auftakt von Splitter mit Blick auf die ersten Veröffentlichungen nicht unbedingt die Herausgabe originärer Meisterwerke der Zunft versprach, sind auch bei toonfish zunächst Licht und Schatten vertreten. Das Sublabel berücksichtigt ausnahmslos Funnies, also humoristische Comics, und bereits die Präsentation der bislang veröffentlichten Bände – quadratisch, bei halber Albengröße ideal als Geschenkbuch geeignet - zeugt von der Absicht, sich eine weitere Leserklientel fernab der bibliophil geneigten Comicleser und –sammler zu erschließen.

Licht und Schatten gibt es auch innerhalb der drei (teilweise noch angekündigten) toonfish-Reihen, die ebenfalls ausschließlich dem frankobelgischen Raum zugehörig sind. Sie spiegeln im Kleinen fast kurios jene Bandbreite wider, die auch Splitter offeriert, wo sich, angesichts der riesigen Zahl Publikationszahl vielleicht unvermeidlich, voluminöse Klassiker wie Francois Bourgeon, Hermann oder Mathias Schultheiss und gelegentlich auch missglückter Hochglanztrash die Klinke in die Hand reichen.

So kommt man nicht umhin, den ersten Band der Reihe „Blondinen“ vom Autoren/Zeichner-Duo Gaby/Dzack bestenfalls als nützliche Bauernfängerei zu betrachten. In Frankreich befindet sich die nicht nur im Preis recht günstige Imitation von Humor jedenfalls bereits beim 13. Album und verbucht zusammengerechnet Millionenverkäufe. Das Buch hält zumindest, was es verspricht, nämlich Blondinenwitze. Auf ein bis vier Seiten werden darin ein Weltbild und Komikverständnis gepflegt, die sich, entlang der vergleichbaren Koordinaten Fips Asmussen und Animateursunterhaltung auf der Butterfahrt, in Fragen des Wagemuts keiner Zote und keiner zuhauf penetrierten Pointe mehr schämen. Blonde Dummchen in knapper, enger Kleidung basteln sich die Welt mit einer beschränkten Auffassungsgabe zurecht, aus der jede Vieldeutigkeit der Worte entweder getilgt oder semantisch ins Gegenteil verkehrt wurde. Repetitiv ist das gleich im dreifachen Sinne: in Fragen der Dramaturgie, der Popularität und der Fallhöhe des Witzes. Ein repräsentatives Beispiel: Kennen Sie den? Schieben zwei Blondinen ein kaputtes Auto über die Straße. Hält ein Lkw-Fahrer und fragt: Soll ich euch abschleppen? Sagt die eine: Nein danke, wir haben es wirklich eilig. Wessen Imaginationskraft allein auf sich gestellt den Gag nicht ausreichend bebildert, der mag sich hier mit recht mittelklassigen Visualisierungen helfen. Noch an Strukturen der Frauenfeindlichkeit zu erinnern, ist bei diesem augenscheinlichen Aufgebot des Regress aber letztlich vergebliche Liebesmüh.

Pimmel in der Nase

Etwas anders verhält es sich da schon bei der „Happy-Book“-Reihe vom Schweizer Zeichner Philippe Chappuis – besser bekannt unter seinem Pseudonym Zep -, dessen gleichnamige Funny-Serie über den frühpubertierenden Titeuf (deutsch bei Carlsen) in Frankreich stets sechsstellige Verkaufszahlen erreicht und längst zum popkulturellen Alltag zählt. Ähnlich wie Titeuf müssen sich auch die Figuren der Happy Books mit recht altersspezifischen Nöten herumplagen– nur dass es hier recht explizit, allerdings nie ernsthaft bösartig zugeht. Die Themen annoncieren die Buchtitel: zweimal „Happy Sex“, einmal „Happy Girls“(der vierte und letzte Band „Happy Rock“ erscheint dieser Tage im Februar). Trotzdem in den zwei- bis vierseitigen Geschichten jedes Geschlecht zu sehen ist, bleiben die Spielarten recht begrenzt und bewegen sich im prüden Feld: Homosexualität gibt es prinzipiell nicht zu sehen, und das  Lachen soll keine Gefahren eingehen: Da bleibt beim Blowjob im Selbstversuch der Pimmel in der Nase stecken, oder ein wegen seiner erregenden Vibrationsfunktion eingeführtes Handy klingelt unpassend im Aufzug. Tabuisiert ist hier allenfalls die Irritation von Rollenmustern.

Schwaches Geschlecht: Szene aus „Happy Sex“.
Schwaches Geschlecht: Szene aus „Happy Sex“.Foto: toonfish

Allerdings gibt es auch schöne Versuche der Banalisierung hochgradig ideologisierter Claims des Privaten. Beispielsweise wenn der wichsende Sohn unter der Dusche gezwungen ist, die sich ahnungslos vergnügenden Eltern beim Dirty Talk zu belauschen, Cunnilingus problematisch ist, weil der Mann im Blick aus der Vogelperspektive durch die Schamhaare wie Hitler aussieht oder Fellatio zur Gewissensprobe wird, weil die Form des Penis einem wirklich erschreckend treudoof dreinschauenden Opa ähnelt. Meist jedoch steckt der Witz im Bild, nicht in der Schlusspointe. Karikaturistisch geschult mit Sinn für groteske Formen und einer differenzierten Mimik gleichen Zeps Zeichnungen die meist dezenten Pointen der Mini-Erzählungen wieder aus. Der Humor fordert die stille Übereinkunft, dass sich über Sex nicht sprechen ließe. Darin erschöpft sich auch alles, was ihm zum Wesen der Beziehungsformen und Paarbildungsstrukturen einfällt. Und wo sich die Koordinaten verschämter Alltagsbeobachtungen unkritisch mit einem Konglomerat aus fragwürdigen Binsenweisheiten verbinden, kann auch schon mal harmlos tuend das schlichte Ressentiment zutage treten. Dann soll, wie in „Happy Girls“, der Anruf eines Fotografen bei seinem Freund, ob der denn ein Weitwinkelobjektiv habe, weil sich nämlich das unbekannte Model als ziemlich korpulent herausstellt, uns eben höhnisch über Dicke lachen lassen. Dies tritt allerdings als unangenehme Symptomatik der Programmatik des Humors selten auf. In die blanke Süffisanz des jovialen Blondinenkopfkraulens und der schnaufenden Lacher der Skatrunde beim Herrengedeck, wie sie Gaby und Dzack favorisieren, dringt Zep niemals herab.

Quantensprung mit den Schlümpfen

Diese qualitative Koexistenz wurde aber nun jüngst von einer kleinen Sensation gekrönt, die tatsächlich perfekt den Spagat zwischen Comic-Historie, Junglesergenese, Buchhandelspräsenz und Klassikerpflege meistert und das toonfish-Imprint eindrucksvoll abrundet. So kündigte man in der Verlagssektion des Comicforums die gesamte Herausgabe der Schlümpfe an, einen zentralen Klassiker der frankobelgischen Funnys des legendären Spirou-Magazins. 1958 erstmals als Nebendarsteller in der Funny-Fantasy-Reihe „Johan et Pirlouit („Johann und Pfiffikus“) in Erscheinung getreten, mauserten sie sich schnell zur eigenständigen Serie, deren Ursprung als Comic aus der Zeichenfeder Peyos angesichts einer gigantischen Merchandising-Maschinerie (und eines Vader Abrahams in Deutschland) mitunter übersehen werden mag. Zwischen Niedlichkeit und geistreicher Gesellschaftskritik changierend geriet ihr kommerzieller Siegeszug für Peyo kontinuierlich zur idealistischen wie mentalen Bestandsprobe. Auch wenn dem die Gründung eines eigens überwachten Studios in den 60er Jahren Abhilfe schaffen sollte, wirkte sich die seltene Zeit, die er für seine Kreation aufwenden konnte, sukzessive auf die Qualität der Erzählungen aus.

Diese Entwicklung lässt sich mit der Veröffentlichung der ersten Bände im März en detail nachvollziehen. Immerhin sollen sämtliche Schlümpfe-Abenteuer – die frühen Auftritte in „Johann & Pfiffikus, die insgesamt 16. Alben Peyos samt One-Pager und Einzelstrips und sämtliche Studioarbeiten der Nachfolgeteams, inklusive der gegenwärtig erscheinenden Geschichten unter der kreativen Leitung von Peyos Sohn Thierry Culliford – lückenlos ediert werden. Für toonfish ist diese Entwicklung verglichen mit den ersten Veröffentlichungen ein riesiger Quantensprung, der in puncto Verfügbarkeit europäischer Comicgeschichte im deutschsprachigen Raum einen wichtigen Beitrag leistet – und die gespannte Frage, welche Titel zukünftig das Programm ergänzen werden, ist damit schlagartig von jeder Rhetorik befreit.

Gaby (Autor) / Dzack (Zeichner): Blondinen. Aus dem Französischen von Max Murmel. toonfish, Bielefeld 2010, 64 Seiten, 12 Euro.
Zep: Happy Sex ab 17,5 Jahre/ Happy Sex ab 18 Jahre/ Happy Girls. Aus dem Französischen von Resel Rebiersch. toonfish, Bielefeld 2010, je 64 Seiten, je 12 Euro.
Mehr zum Thema Schlümpfe bei toonfish unter diesem Link.

 

 

 

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