Illustrierte Erzählung : Lust und Terror

Martin Büssers Buch „Der Junge von nebenan“ erzählt von Kämpfen und Coming outs - widersprüchlich, mehrdeutig und sehr unterhaltsam.

Von Sven Jachmann
Mal grotesk, mal authentisch. Eine Szene aus dem Buch.
Mal grotesk, mal authentisch. Eine Szene aus dem Buch.Illustration: Büsser/Verbrecher-Verlag

Was Paratexte alles ausrichten können! Im Klappentext wird Martin Büssers erstes fiktionales Werk als Symbiose aus Graphic Novel und illustrierter Erzählung gepriesen. Das schürt Erwartungen. Ein Comic mit einem ernsten Thema, mehr sagt Graphic Novel als Verkaufsformel eigentlich nicht. Es geht um eine Jugend der 70er Jahre im linken Milieu und ums Entdecken der eigenen Homosexualität. Coming of Age und Coming out zugleich. Passt also auf den ersten Blick. Ein Comic ist es indes nicht, sondern ein Buch mit Skizzen, die den handgeschriebenen Text illustrieren.

Der Ich-Erzähler beginnt bei seiner Geburt und lenkt schnell über zur Jugend in einer terroristischen Familie. Das schürt Erwartungen bezüglich einer gewissen, zumindest plotimmanenten Authentizität des Erzählten. Aber die wird ins Groteske gesteigert, zum Beispiel wenn die Familie von der Polizei mit 250 Kugeln niedergestreckt wird, der Wechsel der Zeitformen das Versprechen auf Chronologie torpediert oder zum Schluss ein linksliberaler Engel dem gealterten Erzähler erscheint, sich zu Tode besäuft und mit ihm auch jedes Zeichen linker Behaglichkeit aus dem Stadtbild verschwindet. Keine Spuckies, keine taz, keine Grünen mehr.

Da verbindet sich formal der Widerstand gegen die Bequemlichkeit des Rezeptionsgenusses mit dem Thema, wie sich der Identitätsgewalt, die das Mannsein bedeutet, widersetzen lässt. Es gibt in diesem Buch keine Einheit von Form und Inhalt, betulich zerfranst alles in Widersprüche und Mehrdeutigkeiten.

Am Ende resümiert der Erzähler, dass sein Vorhaben scheiterte und er bloß von seinen Lüsten sprach, anstatt die Frage zu klären, wie Jungs zu Männern werden. Dass Lust die Ausflucht sei, um sich den Kampf für die eigentlichen Dinge zu ersparen, so, wie dieser Kampf wiederum zum Ziel habe, die unbedingte Lust für alle zu erreichen, zumindest die Möglichkeit dazu. Man könnte sagen, dass der Verzicht auf narrative Sicherheiten in diesem Buch jenen Gefahren zu entkommen versucht, die die identitären Sicherheiten bedeuten. Absolut unterhaltsam ist es übrigens trotzdem.

Martin Büsser: Der Junge von nebenan. Verbrecher Verlag, 100 Seiten, 14 Euro.

Die Website unseres Autors Sven Jachmann findet man unter diesem Link.

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