„In God we trust“ : Brachiale Bibelexegese

In seiner blasphemischen Bibelinterpretation „In God We Trust“ ätzt der französische Zeichners Winshluss in alle Richtungen, die Episoden wirken aber etwas angestaubt.

Christian Meyer
Erinnert an Undergroundcomix der späten sechziger Jahre: Eine Szene aus "In God We Trust".
Erinnert an Undergroundcomix der späten sechziger Jahre: Eine Szene aus "In God We Trust".Foto: Avant

Die Mohammed-Karikaturen, das Attentat auf Charlie Hebdo – es gibt derzeit viele gute Gründe, um über Religion und Karikaturen zu sprechen. Auf dem Internationalen Comic-Salon Erlangen wurde im Mai die Ausstellung „Juckpulver für Scheinheilige“ gezeigt, Vorträge erörterten die Geschichte von Blasphemie und Karikaturen in Frankreich. Die Karikatur, war dort zu hören, war immer ein Aufstand der Unterdrückten, und die Furcht der Mächtigen vor dem Lachen die Angst vor der Relativierung ihrer Macht und religiösen Wahrheiten.

In seinem kürzlich auf Deutsch erschienen Album „In God We Trust“ verspottet der 1970 in La Rochelle geborene Vincent Parronaud unter seinem Künstlernamen Winshluss in Kurzgeschichten, Cartoons und fiktiven Werbeanzeigen Altes und Neues Testament, Kreationisten und Zeugen Jehovas. 1999 erschien Parronauds erstes Album „Super Negra“. Als Drehbuchautor und Regisseur realisierte er mehrere Kurzfilme bevor er 2007 zusammen mit Marjane Satrapi deren Graphic Novel „Persepolis“, eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem Islam, als Animationsfilm adaptierte, 2011 folgte die Realverfilmung von Satrapis „Huhn mit Pflaumen“.

2009 erschien Winshluss' respektlose Verwurstung von „Pinocchio“ in deutscher Übersetzung, „In God We Trust“ ist sein zweiter Comic, der auf Deutsch erscheint. Durch die Erschaffung der Welt, die Sintflut, die jungfräuliche Geburt, die Kreuzigung oder 'die ganze Wahrheit' über die Auferstehung führt uns als Conférencier St. Franky, der angebliche Schutzpatron der Comic- und Hopfenliebhaber. In dessen Exegese kollidiert die Bibel in unterschiedlichsten Zeichenstilen mit der Popkultur: Superman, der Taxi Driver, Zombies und Conan der Barbar haben ihren Auftritt.

Ätzen in alle Richtungen: Das Cover des besprochenen Bandes.
Ätzen in alle Richtungen: Das Cover des besprochenen Bandes.Foto: Avant

Wo Robert Crumb 2009 mit „Genesis“ versuchte, die Fleischlichkeit in die Bibel zu holen (was gut gemeint, aber leider ziemlich ermüdend zu lesen war) und Ralf König mit seiner urkomischen Trilogie „Prototyp“, „Archetyp“ und „Antityp“ (2008 - 2010) in jedem Augenblick seinen libertären Humanismus gegen die Unmenschlichkeiten in Altem Testament und Kirchensystem stellt, ätzt Winshluss ziellos in alle Richtungen. Das ist mitunter amüsant, wirkt – wenn z.B. der Papst als verdrogter Rock Star inszeniert wird, oder Jesus nicht über Wasser geht, sondern surft, bei aller Brachialität aber auch recht angestaubt.

„In God We Trust“ erinnert sowohl zeichnerisch als auch inhaltlich an die Undergroundcomix der späten sechziger Jahre. Die hatten seinerzeit durchaus Sprengkraft, die Winshluss' Witz leider meist abgeht. Fehlt dem Thema Religion gerade die Dringlichkeit? Wohl kaum. Aber dem Künstler scheint, trotz religiösem Wahnsinn an jeder Ecke, ein konkretes aktuelles Anliegen zu fehlen.

Winshluss: In God We Trust, Avant, 104 Seiten, 29,95 Euro, Leseprobe auf der Website des Verlages.

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