Internationales Literaturfestival Berlin : Berlin, Berlin, wir zeichnen in Berlin

Diskussionsrunden mit internationalen Gästen, eine Ausstellung und ein Manifest: Die Vielfalt der deutschen Comicszene wird beim Internationalen Literaturfestival Berlin gewürdigt. Ein Thema löste allerdings Streit aus.

Lukas Philippi
Berlin – Ecke Schönhauser. Das Ausstellungsplakat und den Katalog ziert ein Motiv von Tagesspiegel-Zeichner Tim Dinter. Illustration: Dinter/ilb
Berlin – Ecke Schönhauser. Das Ausstellungsplakat und den Katalog ziert ein Motiv von Tagesspiegel-Zeichner Tim Dinter.Illustration: Dinter/ilb

„Anspruchsvoll, vielfältig, witzig“ - so beschreibt das Programm des am Mittwoch beginnenden Internationalen Literaturfestivals Berlin die Comic-Szene in der Hauptstadt. Offenbar Grund genug, dieser zwischen Fanzines und Graphic Novel angesiedelten Kunstform ein eigenes Forum zu bieten. Von Mittwoch an ist im Haus der Berliner Festspiele die Ausstellung „Comics aus Berlin. Bilder einer Stadt“ zu sehen. Präsentiert werden 22 Künstler, „die das künstlerische Bild dieser Stadt seit den späten 80er Jahren prägen“, wie Kurator Jens Meinrenken am Montag in Berlin bei der Präsentation sagte.

Gezeigt werden einzelne Panels und ganze Comic-Strips, Skizzen und Vorzeichnungen, aber auch großformatige Gemälde. Die Geschichten drehen sich um Berlin, aber nicht ausschließlich. Die geteilte Stadt ist Thema, aber die Metropole ist oft auch nur Kulisse für Alltagsgeschichten.

Graphic-Novel-Tag am 8. September

Vertreten sind Szene-Stars wie ATAK, dessen Illustrationen unter anderem in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der „New York Times“ erscheinen und der Illustration an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle lehrt. Weitere bekannte Namen sind etwa Anke Feuchtenberger, Max-und-Moritz-Preisträgerin, der vielfach ausgezeichnete Reinhard Kleist („Berlinoir“), Henning Wagenbreth, Professor für Illustration und Grafik Design an der Universität der Künste in Berlin sowie Tagesspiegel-Zeichner Tim Dinter („Lästermaul & Wohlstandskind“) und Fil („Didi & Stulle“), der auch als Bühnenkomiker einen Namen hat. Aber auch Peter Auge Lorenz ist präsent, der Mitbegründer der legendären Comic-Bibliothek Renate in der Berliner Tucholskystraße.

Neben lokalen Künstlern nutzen auch immer mehr internationale Comiczeichner die Stadt als Inspirationsquelle und Standort für ihre Arbeiten, sagte Meinrenken. Grund für den Aufstieg der Berliner Comic-Szene seit dem Mauerfall ist unter anderem ein Netzwerk aus großen und kleinen Verlagen wie etwa der Avant-Verlag, Reprodukt und die inzwischen eingestellten Jochen Enterprises.

Zur Ausstellung präsentiert das Literaturfestival am 8. September einen „Graphic Novel Day“. Dabei wird es in mehreren Veranstaltungen unter anderem um Literaturadaptionen und Grenzüberschreitungen zu anderen Kunstformen gehen. In einer Jugendstrafanstalt wird Gabi Beltrán am 9. September über seine Graphic Novel „Geschichten aus dem Viertel“ sprechen. Dabei geht es um spanische Underdogs in Palma de Mallorca Anfang der 80er Jahre, bevor die spanische Insel sich in einen der prominentesten Urlaubsorte Europas verwandelte.

Das Comic-Manifest provoziert kontroverse Reaktionen

Trotz des wachsenden Erfolgs deutscher Comics im In- und Ausland fühlen sich die Comic-Künstler in Deutschland aber nicht ausreichend gewürdigt. Nach der Gründung einer Deutschen Comic-Stiftung vor zwei Wochen - mit im Vorstand Ausstellungskurator Meinrenken - traten sie am Montag vor die Presse: „Während Film, Theater, Musik und andere Künste - zu Recht - öffentlich gefördert werden, konnten die Zeichner, Szenaristen und Verlagsmitarbeiter ihre beachtlichen Erfolge nur durch Selbstausbeutung erreichen“, heißt es in dem „Comic-Manifest“.

Trotz wachsender Zahl hervorragender Nachwuchszeichner gebe es keine Stipendien, „die talentierten Zeichnern den Weg zu einer Existenz als Künstler ebnen können“. Die Comic-Künstler fordern von der Kulturpolitik des Bundes und der Länder neben einer besseren Förderung von Projekten die Einrichtung eines Deutschen Comic-Institutes. So gebe es immer noch keine eigene Comic-Professur in Deutschland, heißt es in dem von der Comic-Autorin Ulli Lust („Flughunde“) verlesenen Manifest.

In der Szene löste das Dokument kontroverse Reaktionen aus. „Man sollte nicht vergessen: Bei solchen Aktionen geht's nicht um "den Comic", sondern um Pfründe“, twitterte der Comic-Kritiker und Übersetzer Marc-Oliver Frisch. Noch schärfer wird ein anonymer Kritiker, der unter dem Pseudoynm RoehrHirsch twitterte: „jede(r) derdiedas hier unterschreibt hat unseren respekt sowas von verloren. comics v staat finanziern lassen? loser.“ Zuspruch kam hingegen unter anderem vom Reprodukt-Verlag, der twitterte: „Ein notwendiger Schritt. Wir sind dabei.“ (epd/lvt)

Die Ausstellung „Comics in Berlin. Bilder einer Stadt“ im Rahmen des 13. internationalen literaturfestivals berlin wird am 3. September um 20 Uhr eröffnet. Sie ist während der gesamten Festivalzeit (4. bis 15. September) im Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, im Oberen Foyer täglich von 15 bis 20 Uhr zu sehen. Mehr zum Graphic-Novel-Tag am 8.9. u.a. hier und hier.

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